„Im Straßengraben nur noch Blut“: Andrzej Korczak Branecki erzählt im Thoma-Haus. Foto: dg

Zeitzeugenbericht: Zwei Todesmärsche überlebt

Dachau - Er durchlitt mit 14 Jahren eine schreckliche Odyssee durch deutsche Konzentrationslager und überlebte zwei Todesmärsche. Der 85-jährige Andrzej Korczak Branecki hegt dennoch keinen Groll.

Im September 1944 begann für Andrzej Korczak Branecki eine unvorstellbare Odyssee. Eine Zeit, in der sein Name keine Bedeutung mehr hatte. Für acht Monate war Branecki nur noch eine Nummer. Als politischer Häftling durchlief er ein Konzentrationslager nach dem anderen. Zwei Todesmärsche musste er überstehen, ehe er von den Amerikanern befreit wurde. Und das alles im jungen Alter von 14 Jahren.

Jetzt, 70 Jahre später, berichtete der Pole anlässlich des Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in Dachau von der schlimmsten Zeit seines Lebens. „Es war mein Glaube, der mir half zu überleben“, sagt Branecki heute. „Aber das ist natürlich nur meine Meinung.“

Als katholischer Pfadfinder hatte er sich 1941 dem Eid unterworfen, Menschen zu helfen, Gott und Vaterland zu dienen. Also engagierte er sich auch in der polnischen Widerstandsbewegung. Als in Warschau der Aufstand gegen die deutschen Besatzer ausbrach, wurde der 14-jährige Branecki verhaftet. In Viehwagons verfrachteten ihn die Nationalsozialisten ins Dachauer Lager. Dort angekommen, mussten die Gefangenen alle Wertgegenstände abgeben. „Ich hatte sowieso keine“, erinnert sich Branecki.

Nach der demütigenden Aufnahmeroutine erhielt er seine einzige Habe: ein Hemd, eine Hose, einen Mantel. Und eine Nummer. Branecki war von da an nur noch der politische Häftling 106016. Von Dachau aus begann eine schreckliche Reise quer durch das nationalsozialistische Lagersystem.

In Mannheim-Sandhofen, einem Außenlager des KZ Natzweiler musste er in den Daimler-Benz-Werken Zwangsarbeit leisten. Bis zu 14 Stunden Arbeit am Tag, dazu der ständige Hunger und die unerbittlichen Demütigungen durch Wachen, Hitlerjugend und sadistische Mithäftlinge.

Branecki wurde weitergeschickt ins KZ Buchenwald, dann zur Zwangsarbeit in die Adlerwerke nach Frankfurt am Main. Eines Nachts hieß es dort: „Aufstellen, wir gehen.“ Mehr nicht. „Wohin und warum, wusste keiner“, sagt Branecki. Zwei Wochen lang marschierten die Häftlinge durch Deutschland - streng bewacht von der SS. Wer nicht mehr konnte, legte sich in den Straßengraben und der nächste SS-Mann schoss ihm in den Kopf. „Im Straßengraben war kein Wasser mehr, nur noch Blut“, erinnert sich Branecki. Auch sein einziger Freund wurde dort, am Straßenrand, von der SS ermordet.

Von 1 000 gestarteten Häftlingen kamen nur 350 lebend im KZ Flossenbürg an. Branecki war unter den Lebenden. Doch nur kurze Zeit später wurde er erneut auf einen Todesmarsch geschickt - diesmal wieder nach Dachau. Branecki klammerte sich an eine simple Hoffnung: „Ich dachte, von Warschau bin ich nach Dachau gekommen. Und von Dachau komme ich auch wieder nach Warschau.“

Er sollte Recht behalten. Am 29. April wurden er und seine Mithäftlinge von den Amerikanern befreit. Doch erinnern kann er sich daran nicht mehr. Er war körperlich am Ende. Von Typhus geschwächt, hätte er wohl nicht mehr lange im Lager überlebt. Bei der Befreiung wog er nur noch 28 Kilogramm. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Branecki über seine Erlebnisse sprechen konnte. Er hatte den Schrecken verdrängt, aber nie vergessen. Heute sagt er: „Manchmal weiß ich nicht mehr, was ich gestern zum Mittagessen hatte, aber das Erlebte bleibt für immer im Hinterkopf.“

Branecki tappt dabei mit der flachen Hand auf sein Haupt. Der heute 85-Jährige erzählt den Dachauer Zuhörern seine Erlebnisse ohne Hass, ohne Vorwürfe. Manchmal knetet er seine Hände beim Erzählen, aber den Kopf hält er immer aufrecht, als wolle er sagen: „So war es, ich kann es nicht ändern.“

Als ihn einer der Zuhörer fragt, wie er reagieren würde, wenn er einem seiner damaligen Peiniger heute gegenüberstehen würde, zögert er kurz. Ein kurzes, fast nicht zu sehendes Schulterzucken und dann die kurze aber prägnante Antwort: „Ich würde ihm sagen: Du warst ein schlechter Mensch.“

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