Als Pfarrer einer KZ-Gedenkstätte hat Björn Mensing andere Aufgaben als seine Kollegen. Er liebt seine Arbeit, den Kontakt mit Zeitzeugen, die Reisen nach Israel. Sein Beruf ist für ihn eine Berufung. Foto: barner

Zeitzeugen statt Brautpaare

Dachau - Manchmal trifft man ihn im Kino oder auf einem Xavier-Naidoo-Konzert - meistens jedoch in der Dachauer Versöhnungskirche. Denn dort arbeitet Pfarrer Björn Mensing. Sein Alltag als Pfarrer in der KZ-Gedenkstätte ist anders, als der Alltag vieler Kollegen - aber er würde mit keinem von ihnen tauschen wollen.

Als Pfarrer der Versöhnungskirche auf dem Gelände der Dachauer KZ-Gedenkstätte sind es vor allem viele ungewöhnliche Aufgaben, die Mensings Terminkalender füllen. Einmal ist es ein Zeitzeugengespräch, einmal hat er Schulklassen zu Gast, einmal überträgt das Bayerische Fernsehen einen seiner Gottesdienste. Erst wenige Tage ist es her, dass er sich in Israel mit einem Zeitzeugen getroffen hat. Für Mensing ein Freund. Er hat mit ihm den Sabbat gefeiert. „Eine strikte Trennung zwischen Privatleben und Beruf gibt es bei mir nicht“, sagt er.

Dr. Björn Mensing ist alles andere als ein gewöhnlicher Pfarrer. Der ursprünglich aus Lüneburg stammende Protestant studierte in Kiel und machte dort einen Doppelabschluss in Geschichte und Theologie. „Geschichte hat mich einfach schon immer interessiert“, erzählt er. Schon als Jugendlicher hatte er eine Geschichtszeitschrift abonniert. Zur Theologie fand er durch sein Engagement in der Pfarrei als Jugendgruppenleiter. Die Arbeit mit den Teenagern machte ihm so viel Spaß, dass aus seinem Hobby ein Beruf wurde. Denn noch heute arbeitet Mensing gerne mit Jugendlichen zusammen.

Seine Aufgaben als Pfarrer sind für ihn mehr als ein Beruf - eine Berufung. Anders würde es auch gar nicht gehen, glaubt er. Denn: „Eine Vierzig-Stunden-Woche gibt es bei mir nie“, sagt er. Björn Mensing liebt und lebt seinen Beruf. Obwohl er an einem Ort arbeitet, der an eine sehr düstere Zeit erinnert. In seiner Kirche gibt es keine Kirchengemeinde, keine Taufen, Hochzeiten, oder Konfirmationen. Diese Aufgaben übernimmt er höchstens einmal als Vertretung für einen Kollegen in einer Nachbargemeinde. „Ich bin kein romantischer Pfarrer“, betont er.

Und auch seine Freizeit verbringt er nicht immer so, wie man es von einem Pfarrer erwarten könnte. Denn Mensing ist nicht nur dreifacher Familienvater, sondern auch leidenschaftlicher Motorradfahrer. „Leider bleibt dafür immer viel zu wenig Zeit“, sagt er. Früher hat er viele Touren mit seiner Frau unternommen. Heute lässt ihm die Arbeit als Pfarrer dazu kaum noch Gelegenheit. Die freien Tage verbringt er nun lieber mit der ganzen Familie. Auf dem Fahrrad zum Beispiel. Seine beiden ältesten Töchter (15 und 17) schwänzen die Familienausflüge allerdings immer öfter. Seinen 13-jährigen Sohn aber konnte Mensing fürs Rennradfahren begeistern. Außerdem fährt die Familie jedes Jahr für eine Woche in den Skiurlaub zum Langlaufen und Skiskating.

Am liebsten liest Björn Mensing ein gutes Buch. Fernsehen hingegen hält er für reine Zeitverschwendung. „Ab und zu leihen wir gemeinsam Filme in der Videothek aus“, erzählt er. Ganz bewusst, und die ganze Familie gemeinsam. Doch diese Abende sind selten.

Ein ausgeglichenes Freizeitprogramm ist dem Dachauer wichtig. Gerade wegen seiner oft anstrengenden Arbeit. Hin und wieder besucht er sonntags gemeinsam mit seiner Familie einen Gottesdienst. Um der Predigt eines Kollegen zuzuhören. Auch für kulturelle Veranstaltungen schwärmt er. Neben klassischen Orgelkonzerten führt er seine Frau gerne zum Kabarett aus. „Bodo Wartke find ich toll“, sagt er. Bei dem Gedanken an den Klavierkabarettist muss er schmunzeln und summt eine seiner Melodien vor. Eine absolute Schwäche hat der Pfarrer für Soul- und R’n’B-Sänger Xavier Naidoo. „Ihn habe ich schon zweimal live gesehen.“

Meistens ist es allerdings so, dass sich Beruf- und Privatleben nicht streng trennen lassen. Deshalb ist Björn Mensing sehr froh, dass ihn seine Familie bei all seinen Aufgaben unterstützt. Anders könnte er sich sein Leben nicht vorstellen. Bei manchen Kollegen sei das anders, erzählt er. „Ich kenne Pfarrer, die wollen nicht einmal, dass die Familie zu den Predigten kommt.“ Das ist bei den Mensings anders. Schon oft hat der Pfarrer der Versöhnungskirche einen Zeitzeugen zum Abendessen mit nach Hause gebracht.

Und oft stehen in seinem Terminkalender Einträge, die man bei einem Pfarrer nicht vermutet. „Geschäftsreisen“ zum Beispiel. Regelmäßig ist er in Israel zu Besuch, bei Zeitzeugen, die er durch seine Arbeit in der KZ-Gedenkstätte kennengelernt hat. Diese Momente sind für ihn keine Arbeit, dafür interessiert er sich zu sehr für die Lebensgeschichten, die er dort zu hören bekommt.

Israel ist nicht das einzige Land, in das es ihn immer wieder zieht. Björn Mensing reist gerne - in den Nahen Osten oder nach Afrika. Er hat bereits den Berg Sinai bestiegen. „Ganz auf eigene Faust“, sagt er stolz. Abenteuer hat er schon immer geliebt. Schon zu seiner Jugendzeit, damals war er Pfadfinder.

Gerade seine Israel-Reisen sind für ihn allerdings nicht nur berufliche Aufgabe oder privates Interesse. Björn Mensing will etwas bewegen: Er möchte die Kontakte zu den Menschen dort pflegen, Beziehungen aufbauen, die NS-Geschichte gemeinsam aufarbeiten und sie an jüngere Generationen vermitteln. Eine Arbeit, die für ihn sehr erfüllend ist - kein bisschen traurig. „Ich habe mit den Zeitzeugen schon viel gelacht“, erzählt er. Vor allem, wenn er mit einer Gruppe Jugendlichen zu Besuch war sind lange und intensive Gespräche entstanden. „Da fahren wir nicht traurig nach Hause.“ (sab)

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