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Beeindruckte mit ihren Worten: Irene Hallmann-Strauß bei Pfarrer Björn Mensing im Kloster Karmel.

"Überleben verpflichtet"

Das erste Mal über grausame Vergangenheit gesprochen

Zum ersten Mal hat Irene Hallmann-Strauß vor Publikum über ihr Leben unter der Nazi-Herrschaft gesprochen. Die 82-Jährige ist überzeugt: „Überleben verpflichtet.“

Ganz in Schwarz gekleidet sitzt die alte Frau eingesunken in ihrem Stuhl. Dann beugte sie sich vor, richtete sich das Mikro zurecht und spricht mit klarer Stimme: „Überleben verpflichtet.“ Irene Hallmann-Strauß, Tochter des ehemaligen Juristen und Staatssekretärs Walter Strauß, sprach beim Zeitzeugengespräch im Kloster Karmel Heilig Blut.

Zum ersten Mal sprach die Künstlerin und Bildhauerin Hallman-Strauß in einem derartigen Rahmen über ihr Leben in Berlin unter der Nazi-Herrschaft, dem Widerstand ihres Vaters und dem „psychischen Mord“ der Nazis an ihrem Großvater. „Mit 80 Jahren habe ich dazu die nötige Reife erlangt“, erklärte Hallmann-Strauß.

Ausgrenzung erfuhr die gebürtige Berlinerin Hallmann-Strauß zum ersten Mal bei einem Kindergeburtstag, als ihr der Kuchenteller weggenommen wurde. „Du bist a Jud’, du kriegst nichts!“, hieß es auf der Feier. Doch eine Diakonie-Schwester stellte ihr den Teller wieder hin. „Die Menschen sind halt gut und böse“, merkte Hallmann-Strauß an. Ihr ganzes Leben lang machte sie genau diese Erfahrung. Auch, als die Verhaftung ihres Vaters durch die SS anstand. Die Polizei hatte die Familie Strauß vor dem Erscheinen der Schutzstaffel gewarnt. Die Nachbarn, bekennende Nazis, wollten die Familie aber deportiert sehen.

Denn die Strauß-Geschwister, Kinder eines jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter, galten nach der nationalsozialistischen Rassenlehre als so genannte „Mischlinge ersten Grades“. „Für die waren wir Bastarde“, erklärte Hallmann-Strauß mit leicht erhobener Stimme. Ihr Vater Walter Strauß versteckte im Haus immer wieder von den Nazis verfolgte Menschen und überlebte den Terror des NS-Regimes. Irene Hallmann-Strauß’ „geliebter Großvater“ Hermann Strauß jedoch nicht. Der damalige Chefarzt für Innere Medizin am Jüdischen Krankenhaus Berlin wurde wegen seines jüdischen Glaubens 1942 ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. „Uns als Kindern ist klar geworden: Wenn die Leute weg mussten, werden sie umgebracht“, erzählte Hallmann-Strauß. Nachdem der Großvater dort eine Anweisung der Nazis unterschreiben musste, die Jungärzte nach Auschwitz bringen sollte, erlitt er wenig später einen Herzinfarkt. „Die Nazis haben ihn psychisch ermordet“, schlussfolgerte seine Enkelin. Die Nazis brachten fast alle Verwandten väterlicherseits von Irene Hallmann-Strauß in Konzentrationslagern um. Ihre Großtante Elly konnte mit ihrem Mann, dem schwedischen Künstler Carl Olof Petersen, 1937 vor der Verfolgung nach Schweden fliehen. Das Ehepaar lebte zuvor auf dem Gelände der Moosschwaige, wo heute das Ignaz-Taschner-Gymnasium steht. Pfarrer Björn Mensing verriet: „Deshalb habe ich auch ITG-Schüler zur musikalischen Untermalung des Abends eingeladen.“

In Irene Hallmann-Strauß’ Erinnerungen hallen bestimmte Worte eines SS-Mannes auch heute noch nach. 1942 wurde sie mit ihrem Bruder ins Rathaus gerufen – zur Meldung für den Transport nach Auschwitz. Als ihr Bruder ihren Nachnamen nannte, wollte der SS-Mann wissen, ob sie mit dem Arzt Hermann Strauß verwandt seien. „Als wir das bejahten, sagte der SS-Mann: ,Nein, nicht die auch noch.’ Daran erinnere ich mich bis heute“, erzählte die 82-Jährige mit ehrfürchtiger Stimme. Der SS-Mann versteckte die beiden Geschwister schließlich in einer Kammer und bewahrte sie vor dem Transport nach Auschwitz. „Wie sich herausstellte, hatte mein Großvater die Mutter des SS-Manns behandelt.“ So hat Hallmann-Strauß’ „Opapa“ seinen Enkeln das Leben gerettet.

Die Erfahrungen ihrer Kindheit verarbeitet Hallmann-Strauß in ihren Gemälden. Ein Werk hatte sie in den Meditationssaal mitgebracht: „Und über allem weht der Sommerwind“ heißt das Bildnis dreier Kreuze in flammenden Nebelschwaden. Die Künstlerin setzt sich für europäische Völkerverständigung ein. So gründete sie die Künstlergruppe „Frequenzen“ mit Künstlern aus sieben Nationen. Ihre Grundidee: „Wenn wir einander kennenlernen, kann kein Hass entstehen. Denn Hass entsteht aus Angst und Nichtwissen.“

Maximilian Pichlmeier

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