Er ist Zeitreisender: Izhak Akermann durchlebt die schlimmste Zeit seines Lebens immer wieder – um Frieden zu finden. hab

Zeitzeugengespräch: Noch heute quält Izhak Akermann die Vergangenheit

Dachau - Izhak Akermann ist heute 84. Vor fast 70 Jahren war er im KZ Dachau inhaftiert. In einem Zeitzeugengespräch machte er nun seinen Zuhörern deutlich, welchen Überlebenskampf er führen musste. Und wie ihn die Vergangenheit noch heute quält.

Es ist April 1945. Izhak Akermann steht auf dem Appellplatz im Dachauer Konzentrationslager. Seit Stunden. Er friert jämmerlich unter seinem dünnen Häftlingshemd, immer wieder wird ihm schwarz vor Augen. Der Hunger, die Demütigungen, die Schläge - der 17-Jährige kann nicht mehr. Er bricht zusammen. Der Häftling neben ihm, zerrt ihn wieder auf die Beine. Immer wieder. „Halte durch“, sagt er. „Morgen kommen die Amerikaner.“

Diesen einen Tag hat Izhak Akermann noch durchgehalten. Er hat seine letzte Kraft zusammengenommen. Am 29. April 1945 kann er nicht einmal mehr aufstehen. Als die Amerikaner das KZ Dachau befreien, liegt er in eine verlauste Decke gehüllt in seiner Baracke. Er hat nicht einmal mehr die Kraft, dankbar zu sein. „Wären sie einen Tag später gekommen, wäre ich heute nicht hier“, sagt er.

Er sitzt im Besucherzentrum der Dachauer Gedenkstätte, streicht sich hin und wieder durch die schneeweißen Haare, rückt seine Brille zurecht. Äußerlich ist Izhak Akermann ein alter Mann geworden. Doch an Abenden wie heute erzählt der 17-Jährige in ihm seine Geschichte. So klar und mit so vielen furchtbaren Details, als wäre keine Zeit vergangen.

Immer wieder bricht Akermanns Stimme, immer wieder muss er gegen Tränen ankämpfen. 67 Jahre sind nicht genug Zeit, um zu verarbeiten, was nicht zu verarbeiten ist. Izhak Akermann hat sich ein neues Leben in Israel aufgebaut. Doch der junge Mann in ihm ist nie aus dem KZ befreit worden. Ihm haben die Nazis damals nicht nur seine Träume, sondern auch seinen Glauben genommen.

Akermanns Kindheit war im Frühjahr 1941 von einem Tag auf den anderen vorbei. Damals marschierten die deutschen Besatzer in seiner Heimat Polen ein. Seine Familie war eine von tausenden, die in ein Ghetto gesperrt wurde. Er musste mit ansehen, wie seine Mutter in ein Vernichtungslager deportiert wurde, zwei Jahre später wurde sein Vater erschossen. Er war plötzlich ganz auf sich allein gestellt.

Viele Erniedrigungen und Demütigungen musste er ertragen, doch das Schlimmste war für ihn der ständige Hunger. „So was kann sich niemand von Ihnen vorstellen“, sagte er bei dem Zeitzeugengespräch in Dachau. „Hunger, das ist etwas ganz anders als fasten.“ Es frisst einen von innen auf, nimmt einem Kraft und Willen, um für sich selbst zu kämpfen.

Immer wieder denkt der 84-Jährige an dieses Gefühl zurück. Akermann hatte eigentlich keine andere Wahl, als Zeitreisender zu werden. Er fühlt sich verpflichtet, immer wieder gedanklich zurückzugehen. Um aufzurütteln, um zu sensibilisieren. Für Toleranz. „Das kostet mich große Überwindung.“ Doch jedes Mal, wenn er in den Nachrichten wieder von Neonazis und deren Propaganda hört, weiß er, wofür er es macht. Für den 17-Jährigen in ihm, der endlich seinen Frieden finden will.

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