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Vier Panzerknacker auf der Wiese: (v.l.) Jürgen Rossmann, Mike Huber, Walter Schäfer und Sepp Osterloher. Im Hintergrund die Kirche von Jaibing, einem Ortsteil von Dorfen.

Die Magie ist ungebrochen

50 Jahre Rock‘n‘Roll: Die unverwüstlichen Panzerknacker

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50 Jahre Rock’n’Roll in Oberbayern: Die Panzerknacker, Jahrgang 1968, sind eine Band, die es nicht lassen kann. Noch heute treten die Rock-Rentner regelmäßig in der Region auf. Sie sind so unverwüstlich wie die Lieder, die sie spielen.

Jürgen Rossmann steht im Probenraum der Panzerknacker, einem gemütlichen Verhau in Jaibing im Kreis Erding, trinkt einen Schluck Helles aus der Flasche und erzählt ein Märchen. Ein bayerisches Rock’n’Roll-Märchen. Seit 50 Jahren treten die Panzerknacker jetzt schon auf, sie hatten bestimmt schon 2000 Auftritte in Bierzelten, Kneipen, Tanzsälen oder auf Dorffesten. Sie sind so was wie die bayerischen Rolling Stones, unkaputtbar und süchtig nach Musik, allerdings mit Abitur. Sie sind auch genauso berühmt, zumindest rund um Erding, Ebersberg, Wasserburg, Rosenheim und Mühldorf. Die vier Panzerknacker sind inzwischen Rock-Rentner, deren Geschichten locker ein Buch füllen würden.

Der junge Mann, kein Scherz, hatte noch nie „Satisfaction“ gehört

Aber einen der schönsten Momente hatten sie erst kürzlich bei einem Auftritt. Ein junger Mann ist schwer euphorisiert auf die Bühne der Panzerknacker gekommen und hat gefragt: „Wie heißt das Stück, das ihr gerade gespielt habt?“ Und dann noch: „Und wer hat dieses Wahnsinnslied gesungen? Das habe ich ja noch nie gehört.“

Die Panzerknacker haben ihm gerne auf die Sprünge geholfen. Die Antwort von Jürgen Rossmann, dem Schlagzeuger, lautete: „Das Lied heißt ,Satisfaction‘. Es ist von den Rolling Stones.“ Der junge Mann hat große Augen gemacht und sich bedankt. Aber er kannte eine der größten Hymnen der Musikgeschichte nicht.

Schlaghosen, lange Haare und Sandalen – bayerischer Rock’n’Roll anno 1978: (v.l.) Mike Huber, Walter Schäfer, Mario Lehner, Wolfgang Dietl, Kurt Gröger und Jürgen Rossmann.

Jürgen Rossmann muss lachen, als er die Geschichte erzählt. Denn sie ist der beste Beweis: Die Magie ist ungebrochen. Rock’n’Roll würde auch auf dem Mond funktionieren. Spiel einem Außerirdischen „Satisfaction“ – und er tanzt. Jede Wette. Das ist es, was Jürgen Rossmann, 69, Mike Huber, 67, Walter Schäfer, 68, und Sepp Osterloher, 65, im Innersten zusammenhält. Sie sind Wanderprediger in Sachen Rock’n’Roll. Sie haben ein paar eigene Songs, aber meistens spielen sie doch die großen Hits. Beatles. Stones. Dylan. Hendrix. Deep Purple. Solche Sachen. Alles, was Spaß macht und was die Leute kennen.

Vorgänger-Band Separation im extraschrillen Outfit. Im Bild: Rudi Liebhardt, Kucky Kukofka, Heinz Kaiser, Walter Schäfer und Kurt Gröger.

Dabei haben die Panzerknacker sogar mal selbst versucht, weltberühmt zu werden. Mitte der 1970er-Jahre war das. „Wir waren so hungrig, als wir jung waren“, sagt Walter Schäfer, 68, der Hauptsänger ist und Keyboard spielt. Mitte der 1970er-Jahre haben die Panzerknacker ihre erste eigene Platte aufgenommen. Die Lieder hießen „Endlich a Tag ohne di“ oder „Fahr’ ma nach Emmering“. Ein befreundeter Wirt und Metzger aus Emmering im Landkreis Ebersberg, sein Name war Bichler Paul, hatte versprochen, Vertrieb, Marketing und Finanzierung zu übernehmen. Der Metzger sagte: „Ich zahl das. Ich bin der Produzent.“

Nimmermüde Rock-Rentner: Gitarrist Mike Huber bei einem Auftritt in Ebersberg

Der Bichler Paul, bei dem die Panzerknacker zuvor schon unzählige Auftritte im großen Saal hatten, hat nicht gelogen. Er warf sich mit größtmöglicher Entschlossenheit an wichtige Leute ran. Vor allem ein bekannter Radiomoderator sollte den Panzerknackern damals zum Durchbruch verhelfen. Das war seine Vision. „Ich habe ihm eine halbe Sau und eine Platte in den Kofferraum gelegt“, erzählte er den Bandmitgliedern. Trotzdem wurden die Panzerknacker so gut wie nie gespielt. Ein paar hundert Platten haben sie verkauft, aber der große Erfolg blieb aus. Der kurzfristige zumindest. „Wir waren die Ersten in Bayern, die Bairisch gesungen haben“, sagt Jürgen Rossmann. Noch vor der Spider Murphy Gang.

Die Panzerknacker waren ihrer Zeit voraus. „Aber die erste Aufnahme war zu schlecht“, sagt Walter Schäfer, der wie alle anderen inzwischen in Rente ist und früher Hauptschullehrer war. Er sagt: „Bei uns kommt erst die Musik und dann lange nichts – und das seit 50 Jahren. Da mussten unsere Frauen ganz schön was aushalten.“ Jürgen Rossmann, der Schlagzeuger und studierte Psychologe, sagt: „Wir sind länger zusammen, als manche Ehepaare verheiratet sind.“ Und da erlebt man so einiges.

Die Panzerknacker, deren Vorgänger-Band Separation hieß, haben in allen großen und kleinen Sälen in Oberbayern gespielt. Im Wörlsaal in Forstern. Im Postwirt in Hohenlinden. Und eben beim Bichler in Emmering, wo sie einmal eine Saalschlacht mit Schaumküssen angezettelt haben. Eine Riesensauerei, aber grad schön.

Viele Fans sind mit den Panzerknackern aufgewachsen. Der erste Kuss. Der erste Rausch. Das erste Mal Rockmusik live. Das ist es, was viele mit diesen vier verbliebenen Panzerknackern verbinden. Kürzlich ist ein junger Mann bei einem Auftritt zur Band gekommen und hat gesagt: „So was wie Euch hat es früher rund um München häufig gegeben, das hat mir mein Vater immer erzählt. Jetzt durfte ich das auch mal hören. Danke!“

Sie sind die letzten Dinosaurier. Eine Band, die alles miterlebt hat. Den Niedergang des Schlagers. Den Aufstieg der Neuen Deutschen Welle. Den Abstieg der Neuen Deutschen Welle. Aber die Panzerknacker sind sich treu geblieben. Keine Experimente. Mr. Tambourine Man und Hang On Sloopy gehen immer. „Irgendwie und Sowieso“, die berühmte Serie von Franz Xaver Bogner, hat das Leben anno 1968 in Oberbayern eingefangen. Es ist das Leben, das die Panzerknacker tatsächlich gelebt haben. Es waren aufregende Zeiten, magische Zeiten, die im Rückblick noch aufregender klingen.

Zusammen mit Konstantin Wecker haben einige der Bandmitglieder als junge Burschen Hintergrundmusik für Sexfilmchen eingespielt. Auf ihren Konzerten haben sie ihre Instrumente zertrümmert. Sie waren Vorband von Uriah Heep. Sie haben Herzen gebrochen, viel Bier getrunken und manchmal 90 Auftritte im Jahr gehabt, sechs Stunden pro Gig. Alles neben ihrer Arbeit.

Die Panzerknacker haben die Flecken mit Zahnpasta bekämpft

Panzerknacker Sturztrunk: eine Flasche aus dem Jahr 1975, Verkaufspreis: drei Mark.

Gerade haben sie in Dorfen ein großes Konzert gegeben – pünktlich zum 50. Bandjubiläum. Viele alte Weggefährten sind gekommen. Die Panzerknacker sind älter geworden, aber den Biss haben sie nicht verloren. Und dass sie es mit dem Rock’n’Roll noch immer todernst meinen, haben sie vor ein paar Jahren bewiesen – der damalige Chef von ProSieben hat sie an Silvester in Kitzbühel als Band gebucht. Nach dem Auftritt sind sie ins Hotelzimmer, waren aber noch immer durstig. Sie hatten eine Flasche Rotwein dabei, aber keinen Öffner. Also haben sie den Schlagzeugstock genommen, um den Korken in die Flaschen zu rammen. Ist schiefgegangen. Die komplette Wand war voll mit Rotwein. Die Panzerknacker haben Zahnpasta geholt und bis tief in die Nacht die Wand geweißelt. Hat zwar nicht geholfen, das Zimmer musste trotzdem renoviert werden. Es war ihnen furchtbar peinlich. Aber der ProSieben-Chef hat die Malerrechnung übernommen. Weil ihr Auftritt davor so gut war. So rasend gut wie immer.

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