1. Startseite
  2. Lokales
  3. Ebersberg

Alles nur vorm geistigen Auge

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Georg Schweiger assistiert „Philidor“ Stefan Kindermann.
Georg Schweiger assistiert „Philidor“ Stefan Kindermann.

Grafing - Großmeister Stefan Kindermann spielt als "Philidor" Blind-Simultan-Schach mit drei Gegnern - wie im 18. Jahrhundert. Wer gewinnt?

Er muss sich umstylen, seine Mode ist nicht zeitgemäß: „Hoffentlich sehe ich noch einigermaßen menschlich aus“, lacht er. Und dann ist es soweit - eine neue Identität, mit einer neuen Kleidung. Er ist schick wie im 18. Jahrhundert, trägt Rüschenhemd und Perücke. Der Münchner Stefan Kindermann ist jetzt Franzose, heißt François-André Danican Philidor.

Philidor lebte vor mehr als 200 Jahren. Er beherrschte etwas, das Kindermann auch sehr gut kann: Schachspielen. Kindermann hat schon Bücher über dieses Spiel verfasst, war einmal Nummer 50 der Schachweltrangliste und ist inzwischen Geschäftsführer der Münchner Schachakademie. Aber Philidor war Kindermann noch nie.

„Philidor war ein Phänomen“, sagt der Münchner Volkmar Bussmann. Er ist einer von vielen, die am Sonntag in der Grafinger Stadthalle bei der sogenannten „Philidor-Performance“ über das Können des Großmeisters staunen. Für den Veranstalter, der vom Baldhamer Georg Schweiger gegründeten Schach- und Kulturstiftung, ist das Schachschauspiel ein Höhepunkt eines mehrteiligen Programms. Es läuft als Begleitung der im Grafinger Stadtmuseum angesiedelten Sonderausstellung „Von der Krone zum Bürger“, in der Schach-Allegorien aus dem 18. Jahrhundert gezeigt werden. Da passt es ins Bild, dass einer wie Philidor als Kind dieser Zeit in der Stadthalle auftritt.

Die Bühne ist sein Arbeitsplatz. Er sitzt auf einem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände gefaltet. Seine Augen sind mit einem blauen Tuch verbunden. Er ist ein Gedankenakrobat, braucht keine Schachfiguren, kein Brett zum Anfassen. Er spielt „Blind-Simultan“, wie es im Fachjargon heißt. Alles passiert vor seinem geistigen Auge. Gleichzeitig möchte er drei Kontrahenten herausfordern, die im Gegensatz zu ihm jeden Zug sehen.

Moderatorin Susanna Poldauf möchte Philidors Kunst vorführen. Dafür ist sie extra von Berlin nach Grafing gereist. Poldauf ist eine wahre Expertin, wenn es um den französischen Schachmeister geht, hat eine Biografie über ihn verfasst. Sie ruft ins Publikum: „Wer hat Lust, den Meister zu fordern?“ Ein, zwei, drei Hände schnellen hoch.

Beifall im Saal, die Herausforderer stehen fest: Karl Heinz Neubauer (Vorsitzender der Schachunion Zorneding), Ingo Schwab und Thomas Hümmler (beides Mitglieder der Schachunion Ebersberg).

Wie die Hühner auf der Stange sitzen sie an einer Tischreihe, die Bretter mit den Figuren vor sich. Drei Gegner forderte Philidor zuletzt im 18.Jahrhundert. Dafür wurde er weltberühmt. Aber das ist lange her. Vielleicht hat der Meister etwas verlernt, er muss sich ganz stark konzentrieren, drei Bretter im Kopf vorstellbar machen.

Aber er hat schließlich einen Helfer. Zwischen Philidor und seinen Kontrahenten läuft Georg Schweiger hin und her. Schweiger ist sein einziges Hilfsmittel, flüstert ihm die Spielzüge der Gegner ein. Die Zuschauer verfolgen auf drei großen Schachbrettern neben der Bühne jeden Zug, saugen alles mit den Augen auf. Es ist fast wie in der Schule. Einige von ihnen sind gekommen, um die ein oder andere Taktik zu lernen.

Philidor sitzt kerzengerade. Hin und wieder wippt er mit dem Fuß, wenn Musik läuft. Es sind die Kompositionen des Meisters. „Er war ein Doppelgenie“, sagt Moderatorin Poldauf. „Er konnte nicht nur hervorragend Schach spielen, sondern war auch ein erstklassiger Musiker.“

Bei Philidor geht es spielend leicht. Der Bauer, die Königin, der Turm - alle Figuren sind in Bewegung, der Meister hat einen Plan. Das Duell ist schnell. Schon erwischt es Karl-Heinz Neubauer. Nach 18 Zügen ist sein König eingekreist - Schachmatt. Bei Thomas Hümmler sind König, Dame und Turm in Gefahr. Er gibt auf, ebenso wie der letzte Ingo Schwab. „Ich glaube, er hat sich bei mir Zeit gelassen, bevor er mich dann tranchiert hat“, sagt Schwab augenzwinkernd. Er weiß: Gegen den Großmeister kann man auch einmal verlieren. Sein Stil ist einfach locker-flockig.

Von Joseph Röhmel

Auch interessant

Kommentare