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Leuchtende Farben hat die Natur besonders im Frühling zu bieten. Für viele ein Anlass, sie zu Fuß zu erkunden. Wandern, ob allein oder in der Gruppe, ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen.

Ein Fußmarsch

Sonntag ist Wandertag

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In Wald und Feld, auf dem Berg und am See: Das Wandern ist des Bayern Lust. An diesem Sonntag ist nicht nur Muttertag, sondern auch bundesweiter Tag des Wanderns. Echte Wander-Fans sind aber auch ohne Anlass auf Achse: Ein Fußmarsch mit einem, der jeden Tag draußen unterwegs ist.

Kirchseeon – Ernst Fuchs hält inne und spitzt die Ohren. Durch das grüne Dämmerlicht zwischen den Buchen und Fichten, die im Ebersberger Forst dicht an dicht stehen, trällert ein Vogel, der alle anderen übertönt. Eine Mönchsgrasmücke, hört Fuchs sofort heraus. „Fürchterlich, diese Plärrerin“, kommentiert er die Gesangsdarbietung und grinst in seinen breiten, grauen Schnurrbart hinein. Dann marschiert er weiter den Waldweg entlang. Der 73-Jährige aus Kirchseeon (Landkreis Ebersberg) hat an diesem Tag, wie an fast jedem Tag, seine Wanderschuhe angezogen, die Funktionsjacke übergestreift und sich seinen Schlapphut aufgesetzt.

Zu Fuß im Wald ist Ernst Fuchs in seinem Element. Der 73-Jährige ist so fast täglich unterwegs.

So ausgerüstet ist Fuchs in ganz Oberbayern und drum herum unterwegs. Daheim im Regal hat er 17 pralle Leitz-Ordner stehen, in denen er hunderte von Wandertouren aufgezeichnet hat, jede Weggabelung und jedes Gasthaus in Klarsichthüllen gepackt für sich und die Nachwelt festgehalten. Er ist der Wander-Guru des örtlichen Bund Naturschutz: Jedes Wochenende führt er eine 30-köpfige Gruppe auf eine Tour, die er in der Woche zuvor probegewandert ist. Manchmal, wenn ihm etwas nicht gefallen hat, wandert er ein paar Tage später die Strecke noch einmal, um die Schwachstellen auszumerzen, bevor die Tour in einer Klarsichthülle landet.

Mit seiner Begeisterung, Fuchs nennt es Sucht, liegt der pensionierte Eisenbahner voll im Trend: Der Wanderverband Bayern hat nach eigener Angabe gut 100 000 Mitglieder, von denen sich viele ehrenamtlich um rund 17 000 Kilometer Wanderwege kümmern. Die „Dunkelziffer“ derer, die aus der Lust am Zufußgehen auf Berge, um Seen und durch Wälder und Felder marschieren, dürfte locker in die Millionen gehen. Und am Sonntag ist ihr Hochfest: Der Deutsche Wanderverband organisiert den „Tag des Wanderns“ mit über 450 Veranstaltungen in allen Bundesländern, darunter einer Enzianblüten-Wanderung in Wallgau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) oder eine Skulpturen-Wanderung um den Obinger See im Chiemgau.

Ernst Fuchs wird dann sein Wochenendpensum schon erfüllt haben. Er ist am Samstag mit seiner Truppe in den Allgäuer Bergen unterwegs. Dass er aber ausgerechnet am Tag des Wanderns drinnen bleibt: Äußerst unwahrscheinlich. „Draußen bin ich immer“, sagt er, während seine Füße mit gleichmäßigen Schritten den Waldweg unter sich abspulen. Hier im Forst ist er mitten in seinem Revier. 110 Kilometer Waldwege betreut er allein. Mit Geld vom örtlichen Ortsverschönerungsverein hat er Wegschilder aufgestellt, jetzt marschiert er fast täglich seine Wege ab und räumt Müll vom Wegesrand. Fuchs ist Vollzeit-Wanderer – und das mit allen Sinnen. Er bleibt wieder stehen, bückt sich nach ein paar unscheinbaren weißen Blüten, beäugt sie durch seine runden, randlosen Brillengläser. Fuchs schnuppert: Knoblauchrauke.

Die Lust am Wandern hat ihn schon als Jugendlichen gepackt, damals ist er mit Freunden die Berge rauf und runter gerannt. Heute pressiert es ihm nicht mehr. Er schaut einem Zaunkönig zu, der durch ein Gebüsch hüpft. „Man sieht die Welt ganz anders, wenn man zu Fuß unterwegs ist“, sagt er. Er hält sich so nicht nur körperlich fit, sondern geistig frisch. „Wandern leert den Kopf“, erklärt der 73-Jährige. Oft denkt er dann stundenlang an gar nichts, das tut gut. Nur Regen verdirbt ihm manchmal den Spaß. Nicht, dass er deswegen drinnen bleiben würde. Aber die kleine Geldspende, die er gewöhnlich irgendwo auf seiner Tour in einem Opferstock hinterlässt, bleibt bei schlechtem Wetter aus. Stattdessen geht ein mahnender Blick nach oben zum Heiligen Petrus. Beim nächsten Mal, wenn Fuchs die Schuhe schnürt, scheint meistens wieder die Sonne.

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