„Das Tolle an diesem Sport ist, dass man das Fluggerät immer mitnehmen kann“: Annemarie Metzenroth (62) mit ihrem Gleitschirm im Wohnzimmer in Aßling. Foto: Stefan Rossmann

Annemarie fliegt

Aßling - Annemarie Metzenroth ist eine Süchtige - angesteckt von der eigenen Familie. Rücksichtslos, unheilbar. Sie kann nicht anders, muss es immer wieder tun. Die Droge: Gleitschirmfliegen. Am Anfang fand sie’s gar nicht spannend. Jetzt nimmt sie an Wettbewerben teil. Erfolgreich.

Die Fliegerei beherrschte schon lange Annemarie Metzenroths Familie aus Aßling. Ehemann Reinhard war zunächst als Segelflieger unterwegs, Sohn Stefan fand vom Drachen- zum Gleitschirmflug. Inzwischen ist die ganze Familie, auch Tochter Kathrin, beim Gleitschirmfliegen angekommen.

Annemarie Metzenroth, 62, sportliche Figur, fliegt gerne Langstrecke. Ihr längster Flug dauerte achteinhalb Stunden. In der vergangenen Saison, September 2010 bis September 2011, nahm sie an der Deutschen Meisterschaft im Streckenfliegen teil und belegte in der Damenwertung den dritten Platz. Ein Jahr lang dokumentieren die Piloten mittels GPS-Aufzeichnungen ihre Flüge. Die Routen werden ins Internet eingegeben. Annemarie Metzenroths weitester Flug in dieser Wertung war ein 123 Kilometer-Dreieck vom Hochfelln ins Pinzgau und zurück nach Lofer. Hinzu kamen zwei weitere Dreiecksflüge in Kärnten mit 83 und 66 Kilometern. Dabei konnte Annemarie Metzenroth anfangs gar nichts mit diesem Sport anfangen. Ihr genügte die Bergkletterei. Die Rentnerin mit den brünetten kinnlangen Haaren sitzt in ihrem Wohnzimmer und erzählt begeistert, wie es dann doch zur Flugsucht kam.

„Als ich 48 Jahre alt war, haben mir die Kinder einen Schnupperkurs fürs Gleitschirmfliegen geschenkt.“ Also ging’s zum Probefliegen auf einen Hügel in Samerberg. Sie habe einen Grundkurs drangehängt. Eine Woche wurden Start und Landung geübt und Kurven geflogen. Als sie den erfahrenen Fliegern auf der Hochries zuschaute, war der Wunsch da: „Von da oben möchte ich auch mal starten.“ Voraussetzung dafür: die Teilnahme an einer Höhenflugschule. 40 Flüge müssen absolviert werden. Klarer Fall für Annemarie Metzenroth. Sie lächelt, ihre Augen leuchten. „Nach diesem ersten Flug war’s schon aus.“ Will heißen: Sie steckte mitten in der Sucht. Dann wurde gepaukt für den Luftfahrerschein: gerätespezifische Eigenschaften, Luftrecht, Wetterkunde. „Das Tolle an diesem Sport ist, dass man das Fluggerät immer mitnehmen kann“, sagt Annemarie Metzenroth während ihr Mann einen großen Rucksack im Wohnzimmer abstellt. Schnell haben die beiden zwischen Fernseher und Essecke den grün-weiß-blauen Gleitschirm entfaltet. Es raschelt wie hundert Bäckertüten. Ein Gewirr aus unzähligen Schnüren treibt dem Laien den kalten Schweiß auf die Stirn. Der Griff zur Schere scheint der einzige Ausweg. „Nein, das geht ganz einfach auseinander, wenn man mehr Platz hat“, beruhigt die Pilotin.

Das Wichtigste bei der Fliegerei sei, das Wetter, den Wind und die Wolken im Auge zu haben. „Der Sport“, sagt Reinhard Metzenroth, „ist nicht gefährlicher als andere Sportarten auch. Das Gefährliche sind die Piloten und ihre Selbstüberschätzung.“ Die Metzenroths riskieren nichts, gehen auch wieder vom Berg runter, wenn die Thermik nicht passt. Anders die Holländer, sagen die beiden unisono. „Die fliegen völlig schmerzfrei. Die muss man schon mal aus den Bäumen klauben.“ Reinhard Metzenroth schüttelt verständnislos den Kopf.

Beim Fliegen, betont seine Frau, sei es zudem wichtig, blitzschnell Entscheidungen treffen zu können. Trotzdem bleibe in der Luft genug Zeit zum Genießen. „Man lernt die Natur nochmal ganz anders schätzen“, sagt Reinhard Metzenroth und erinnert sich an ein besonderes Erlebnis. „Der Flug mit einem Steinadler. Er war unter mir, wir hatten Blickkontakt. So etwas ist unvergesslich.“

Wenn die Metzenroths in Urlaub fahren, packen sie ihren Campingbus voll. Im März geht’s nach Osttirol. Mit dabei: Gleitschirme, Fahrräder, Rodel sowie Alpin- und Langlaufski. Urlaub am Meer? „Das haben wir früher mal gemacht“, sagte Annemarie Metzenroth und lacht. „Als wir noch gesurft sind.“

Von Tanja Beetz

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