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Von wegen Poing: Anzing ist die Gemeinde mit dem größten Zuzug im Landkreis Ebersberg

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Von: Jörg Domke

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Anzing Ortsansicht
Der Schein trügt etwas. Anzing verzeichnet gewaltigen Zuwachs. © Johannes Dziemballa

Keiner weiß, in welche Sphären Anzing noch weiter wachsen soll. Inzwischen verzeichnet die Nordgemeinde den größten Einwohnerzuzug im gesamten Landkreis Ebersberg. Die örtliche Infrastruktur muss nachziehen.

Anzing – Einen Begriff haben die Anzinger Altbürgermeister Richard Hollerith und Franz Finauer in ihren Amtszeiten immer mal wieder gerne in den Mund genommen: „Organisches Wachstum“. Gemeint war damit ein irgendwo begrenzter Zuwachs an Bewohnern per Saldo im Laufe eines Jahres. Ein Prozent, so hieß es immer mal wieder in diversen Anzinger Ratssitzungen, sei das, was man kommunalpolitisch anstrebe und noch für verantwortbar erachte.

Wirklich erreicht worden scheint diese selbst gesteckte Zielvorgabe in den letzten Jahrzehnten nicht. Jedenfalls verfügen die heutigen Entscheidungsträger in Verwaltung und Gemeinderat über statistisches Zahlenmaterial, das etwas ganz anderes ausweist. Ende 2010, so hat der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München gezählt, verfügte Anzing noch über 3583 Einwohner. Zum 30. Juni 2021, das ist die derzeit aktuellste zur Verfügung stehende Zahl, waren es 4366. In knapp elf Jahren also ein Plus von fast 1000 Einwohnern.

Wachstum ist schon lange nicht mehr organisch

Ob das noch als organisch bezeichnet werden kann? Bürgermeisterin Kathrin Alte hat da zumindest ihre Zweifel, auch wenn sie sichtlich bemüht ist, mit ihrer Einschätzung Kritik an ihren beiden Vorgängern zu unterdrücken.

Es sind ein paar Balkendiagramme des Planungsverbandes (siehe rechts), die ihr gerade einige Sorgen zu machen scheinen. Das Landesamt für Statistik und Berechnungen hat ermittelt, dass unter den Städten und Gemeinden im Landkreis Ebersberg der effektive Zuzug in absoluten Zahlen von 2010 bis 2020 für Anzing mit 812 ausgewiesen wird. Damit liegt die Gemeinde im Kreisnorden unter den Dörfern des Landkreises an erster Stelle. Größere absolute Zugewinne hatten lediglich die Großgemeinden und Städte Vaterstetten (plus 2719), Poing (gerne auch mal Wachstumsgemeinde genannt mit plus 2671), Markt Schwaben (plus 1909), Kirchseeon (plus 1066), Grafing (plus 940) und Ebersberg (plus 819).

Zurückblicken oder gar nachtarocken mag die amtierende Rathauschefin jedoch nicht wirklich gerne, denn die Probleme, die es nun aus ihrer Sicht zu bewältigen gilt, haben mit den nächsten Jahren, also mit der Zukunft zu tun.

Eine Prognose des Planungsverbandes geht beispielsweise davon aus, dass bis 2033 der Ort am Nordrand des Forstes auf bis zu 4790 Menschen anwachsen wird. Dieser Zuzug braucht Wohnraum, der zu bezahlen für viele Menschen fast schon unmöglich geworden ist. Ganz zu schweigen, dass mehr Bürger auch ein Mehr an infrastrukturellen Angeboten benötigen werden.

Anzing Daten Zuwachs
Hier steht es Schwarz auf Weiß: Anzing hat den größten Einwohner-Zuwachs im Landkreis Ebersberg © Planungsverband

In Sachen Schule und Kinderbetreuung glaubt man sich im Rathaus Anzing in absehbarer Zeit gut aufgestellt zu haben. „Das (Anm.: gerade nordwestlich der Grundschule entstehende) Flexhaus war eine weise Entscheidung“, sagt die CSU-Politikerin. Wissend, dass der Bau des Millionenobjekts noch immer einem finanziellen Kraftakt gleicht, der noch lange nicht abgeschlossen ist.

Auch was Infrastrukturbereiche wie Wasser oder Abwasser angeht, fühlt man sich mittelfristig auf der sicheren Seite, so Bauamtsleiter Johannes Finauer. Bei ihm, dem Sohn des Ex-Rathauschefs, landen gerade die Dinge, die von der praktischen Seite her mit den Themenbereichen Gemeindewachstum und Gemeindeentwicklung zu tun haben.

Erst jüngst ging es im Gemeinderat in einer öffentlichen Sitzung um ein Neubaugebiet und dabei speziell um die ganz und gar nicht unkomplizierte Frage, von welchem topografischen Höhenniveau aus die geplanten Gebäude einmal berechnet werden sollen. Das Ganze hatte mit der Sorge unmittelbarer Anlieger zu tun, dass von den demnächst neu entstehenden Gebäuden störende Effekte ausgehen könnten.

Finauer und seine Mitarbeiter haben es in der Summe gegenwärtig mit drei Neubauarealen zu tun. In der Parkstraße mit Bereich des sogenannten Straßer-Hofs sollen dem Vernehmen nach 35 Wohneinheiten entstehen; in erster Linie Geschosswohnungsbau mit Zwei-bis Vier-Zimmer-Einheiten. Möglicher Baubeginn: im kommenden Jahr.

Immer mehr Geschosswohnungsbau

Quasi auf der anderen Straßenseite, die Parkstraße ist hier gemeint, gibt es die Straßerwiese. Für dieses Areal wurde bereits im Rat ein Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan gefasst. Die Fläche soll mit Geschosswohnungen und Reihenhäusern, Doppelhaushälften und zumindest einem Dreispänner bebaut werden. Von wie vielen Wohneinheiten hier die Rede sein wird, steht laut Finauer noch nicht abschließend fest.

Die Bebauung des Springerhofs, alten Anzingern besser bekannt als das Areal des alten Sportplatzes, ist das dritte aktuelle Neubauprojekt größerer Art. Ein Bauantrag liegt vor, es sind aber noch Anpassungen nötig, so die Verwaltung zum aktuellen Stand. Von Doppelhaushälften und Geschosswohnungen ist auch dort die Rede. Beabsichtigt sei, so Finauer, der Bau von sechs Wohnungen unter 50 Quadratmeter und 18 Einheiten bis zu 110 Quadratmeter.

Auffällig ist, dass der Anteil an Geschosswohnungen, also tendenziell kleineren Einheiten, bei den drei laufenden Projekten relativ groß ist. Das war nicht immer der Fall. Und dennoch macht sich Kathrin Alte gerade deswegen durchaus Sorgen, denn seit sie Bürgermeisterin ist, häufen sich spürbar Anfragen nach Grundstücken für frei stehende Häuser oder zumindest Doppelhäuser oder Dreispänner. Und zwar von Anzingern und nicht selten jüngeren Anzingern, die a) offenbar die mit solchen Vorhaben verbundenen finanziellen Hürden überspringen können, aber b) am liebsten in dem Ort selbstständig ansässig werden wollen, in dem sie aufgewachsen sind.

Erste Bedenken werden formuliert

Eine grundsätzlich gute Sache, so die CSU-Verwaltungschefin, die wohl gerne möglichst alle derartigen Wünsche erfüllen würde, aber eben auch um die Grenzen weiß. Als unlängst im Rat über die Straßer-Vorhaben debattiert wurde, waren es die Grünen, die Bedenken anmeldeten ob des zu erwartenden Verkehrszuwachses. Berechtigte Bedenken, wie Alte auch in einem Gespräch mit der EZ bestätigte. Aber wie, so ihre Gegenfrage, sollte denn eine Alternativlösung ausschauen? Neue Erschließungsstraßen mit womöglich entzerrenden Effekten für den innerörtlichen Verkehr jedenfalls scheint jedenfalls niemand zu wollen.

Und noch ein anderes, eher demografisches Problem mit psychologischer Komponente will gelöst werden: Kathrin Alte verweist dabei auf nicht wenige große Häuser, in denen manchmal nur noch eine Person wohnt. Wie aber, so ihre Überlegung, kann es gelingen, diese Menschen von den Vorzügen einer am Ort befindlichen, aber leider inzwischen keineswegs mehr preisgünstigen Geschosswohnung zu überzeugen? Es müsse, so Altes Hoffnung, attraktive Anreize dafür geben, einen solchen Wohnungswechsel vorzunehmen. Immerhin würden so wieder Kapazitäten frei für größere Familien. „Wir als Kommune haben dafür nicht die Möglichkeiten“, sagt sie. Verweist aber zugleich darauf, aufgrund ihrer früheren beruflichen Kontakte diese Thematik schon mit der bayerischen Bauministerin erörtert zu haben.

Nachverdichtungen statt noch mehr Flächenfraß

In jedem Fall, so ist es erklärtes Ziel des Gemeinderats, will man Nachverdichtungen weiter offensiv angehen. Potenzial dafür gebe es genug. Allerdings sind die Steuerungsmöglichkeiten der Kommune eher gering. Die Stellplatzsatzung wäre ein Instrument. Oder ein neuer Bebauungsplan für Anzing-Südwest. Dort, wo es dem Vernehmen nach die meisten Möglichkeiten zur Nachverdichtung gibt. Mittelfristig sei der Rat zudem auch gezwungen, über ein neues Einheimischenprojekt nachzudenken, meint die Bürgermeisterin.

Organisch wachsen: Das ist ohne Frage etwas, was sich Bürgermeisterin Kathrin Alte gerne als Ziel setzen würde. Vor dem Hintergrund des Siedlungsdrucks auf Anzing, den sie nach nunmehr gut eineinhalb Jahren im Amt längst massiv zu spüren bekommen hat, wird man nach ihrer Auffassung den Begriff zumindest bald mal neu definieren müssen.

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