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Ersthelfer Gani H. (56) und die Notfallhelfer Carola Baumgartner und Robert Wimmer.

Sie erlebten Schreckliches

A94-Ersthelfer fühlen sich im Stich gelassen - Notfallhelferin: „Falsches Signal“ 

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Aller Mut der Retter war vergebens: Nach einem Frontalaufprall starb ein Clio-Fahrer auf der A 94. Die Ersthelfer erlebten Schreckliches.

Update 14. April 2019: Es ist bedauerlich, wenn jemand Hilfe bräuchte, und niemand zu ihm kommt. Noch bedauerlicher ist vielleicht, wenn jemand helfen könnte, aber nicht geholt wird. In der vergangenen Woche scheint Folgendes passiert zu sein: Nach einem tödlichen Unfall auf der A94, bei dem ein 28-jähriger Mann sein Leben verlor, fühlten sich die schockierten Ersthelfer mit ihren schrecklichen Erlebnissen alleine gelassen. „Die haben mich nach dem Unfall einfach weggeschickt. Jetzt kommt alles wieder hoch“, berichtete am Tag danach Visar Morina (39), der zusammen mit Gani H. (56) und einem weiteren Mann den Schwerverletzten aus seinem brennenden Fahrzeugwrack zog. 

Dass der junge Fahrer eines Renault Clio an der Unfallstelle trotz aller Bemühungen doch sein Leben lassen musste, belastet die Männer. Haben sie alles richtig gemacht? Warum hat niemand angehalten? Sie denken dabei auch an die Familie des Verstorbenen. Das kann Carola Baumgartner gut verstehen. Sie engagiert sich seit vielen Jahren für den Helferkreis, eine kleine Gruppe von sieben Personen im Landkreis, die nach traumatischen Erlebnissen den Beteiligten Beistand leisten. Baumgartner kennt die Situation aus eigener Betroffenheit. „Mein Mann ist vor 17 Jahren tödlich verunglückt“, berichtet sie und erinnert sich: „Ich musste den jungen Polizisten damals selbst helfen, mir diese Nachricht zu überbringen.“ 

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Sie machte eine Ausbildung und wurde als Betreuerin in der psychosozialen Notfallversorgung tätig. Baumgartner wohnt in Anzing unweit der Unfallstelle. „Ich war an dem Tag den ganzen Tag zuhause.“ Ihre Telefonnummer ist bekannt. Aber sie wurde nicht geholt. „Bis jetzt hat das immer geklappt. Jetzt sind wir nicht mehr in die Rettungskette eingebunden“, bestätigt Robert Wimmer der Leiter des Helferkreis. Dabei hätten er, Baumgartner und die anderen Kollegen sogar eine zusätzliche Ausbildung absolviert, um weiter ehrenamtlich tätig sein zu können. „Ich hätte mich gerne angeboten“, sagt Baumgartner und ist bestürzt, dass den Ersthelfern am Unfallort gesagt worden sei, sie müssten sich „selbst um Hilfe bemühen“. Für sie ist damit ein „falsches Signal verbunden“. 

Carola Baumgartner und Robert Wimmer helfen dann, wenn äußerlich keine Verletzungen zu erkennen sind, aber die Seele verletzt ist. 

Das bestätige nämlich die Autofahrer, die nicht angehalten hätten. „Das öffnet Leuten Tür und Tor, künftig an solchen Unfällen vorbei zu fahren.“ Sie könnten das Gefühl bekommen, durch Untätigkeit anschließenden persönlichen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen zu können. „Für Unverletzte sind wir zuständig“, sagt Robert Wimmer und fügt an: „Wir haben noch nie eine Ablehnung durch die Polizei erfahren.“ Er und Baumgartner wollen sich jetzt noch mehr um Akzeptanz ihrer ehrenamtlichen Arbeit auf Landkreisebene bemühen und haben deshalb um ein Gespräch mit Landrat Robert Niedergesäß gebeten. „Das Treffen wird Ende Juli stattfinden“, sagt Wimmer. 

Der Helferkreis wurde umfirmiert. Er heißt jetzt „Team Unfall + Notfall Betreuung Landkreis Ebersberg“, kann damit nicht mit den Helferkreisen Asyl verwechselt werden und ist weiterhin ein eingetragener Verein. „Unser Einsatzgebiet ist der gesamte Landkreis Ebersberg, sowie auch der gesamte Bereich der Autobahnen A 94 und A 99 über den Landkreis hinaus – persönliche Notfälle kennen keine Grenzen“, heißt es in dem Schreiben an den Landrat. „Gerade Ersthelfer und Unfallzeugen begeben sich nach den Eindrücken am Unfallort und oftmals mit großen Schuldgefühlen über ihr Handeln ins normale Verkehrsgeschehen – gedanklich abgelenkt und die Bilder vom Unfallgeschehen eingeprägt ins nächste Unfallrisiko.“ Dem könne entgegengewirkt werden. Das „Team Notfall + Unfall Betreuung“ will sich jetzt um offizielle Anerkennung als Hilfsorganisation auf Landkreisebene bemühen. Alle Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht. Die Einsätze erfolgen mit dem eigenen Privatfahrzeug. „Die Skepsis für unsere Tätigkeit und auch oftmals erfahrene Ablehnung in den letzten Jahrzehnten durch manche Führungskräfte und Organisationen hat uns nie zum Aufgeben gebracht. Vielmehr stand für uns immer das Wohl und die Hilfe an den Betroffenen im Vordergrund“, bestätigt Robert Wimmer, Einsatzleiter und 1. Vorsitzender in seinem Schreiben an Landrat Robert Niedergesäß.

Ersthelfer Gani H. (56), der sich beim Versuch, das brennende Auto zu löschen, die rechte Hand verbrannte.

Auch auf der Autobahn A1 kam es nahe Hamburg zu einem tödlichen Unfall mit einem BMW, wie nordbuzz.de* berichtet. Der BMW-Fahrer kollidierte mit einem Ford Focus. Die Polizei nahm den serbischen Raser fest.

Tödlicher A94-Unfall: Ersthelfer erleben Schreckliches - und fühlen sich im Stich gelassen

Update 11. April, 15.08 Uhr: Nach dem schrecklichen Unfall auf der A94 bei Anzing sind alle drei Ersthelfer nach wie vor unter Schock. Neben dem unten berichtenden Gani H. ist auch der Kosovare Visar Morina noch immer von den Vorkommnissen stark mitgenommen. 

Wie er in der Ebersberger Zeitung berichtet, bekommt er die schrecklichen Bilder des Unfalls nicht mehr aus seinem Kopf. Von den Behörden fühlt er sich ein wenig im Stich gelassen.

Ersthelfer bei A94-Unfall erleidet Verbrennungen

Anzing – Das Unfallopfer, ein 28-jähriger Mann aus dem Landkreis Ebersberg, war am Mittwoch, 10. April, in Richtung Passau auf Höhe der Ausfahrt Anzing nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und ungebremst gegen das Fundament der dortigen Autobahnbrücke geprallt.

Drei Männer versuchten unmittelbar nach der Kollision, den in seinem Wrack eingeklemmten Schwerverletzten zu befreien. Sie mussten dabei mit Feuerlöschern gegen die aus dem total zertrümmerten Auto schlagenden Flammen ankämpfen. Ersthelfer Gani H. erlitt dabei Verbrennungen.

„Die Flammen kamen immer wieder“, berichtete er noch ganz unter dem Eindruck des Geschehens. „Ich wollte nicht, dass er verbrennt. Ich habe dabei an seine Familie gedacht“, sagt der 56-Jährige, der seit 22 Jahren als Bierfahrer für eine Brauerei im Landkreis Kehlheim arbeitet. „Ich hätte Getränke nach Hohenlinden liefern sollen.“

Unfall-Drama auf A94 bei Anzing - die Bilder von der Unfallstelle

Unfall auf der A94: Gaffer fahren einfach vorbei

Als Gani H. den Unfall vor sich auf der Autobahn sieht, stoppt er geistesgegenwärtig seinen Laster und sperrt damit zwei Fahrspuren ab. Während andere Autofahrer das Fenster herunterlassen und an der Unfallstelle vorbeifahren, um zu gaffen, beginnen Gani H. und zwei weitere Helfer um das Leben des Schwerverletzten zu kämpfen.

„Aus dem Wagen ist schon der Rauch rausgekommen.“ Die Handfeuerlöscher reichen nicht, um die Flammen zu löschen. Gani H. will andere Autofahrer anhalten, will um Hilfe bitten. „Die sind aber einfach weitergefahren. Sowas verstehe ich nicht“, sagt der Kosovare, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt und arbeitet.

Die Männer haben nur eine Chance, wenn sie dem Verletzten helfen wollen: Sie müssen ihn unbedingt aus dem Auto bekommen. Mit einem Hammer aus seinem Lastwagen schlägt Gani H. die Heckscheibe des Clio ein, zum einen Zugang zu dem Unfallopfer zu schaffen.

Bewusstloser wird aus dem Wrack auf der A94 gezogen

Während einer der anderen Ersthelfer den Gurt des Bewusstlosen durchschneidet, gelingt es den anderen, die rechte hintere Tür zu öffnen und über diese die Lehne des Beifahrersitzes umzulegen. Gemeinsam schaffen sie es schließlich, den Bewusstlosen aus dem Wrack zu ziehen, bevor ihn die Flammen erfassen.

In dem Moment treffen auch die ersten Feuerwehren und der Rettungsdienst ein, die sofort mit der Reanimation des Unfallopfers beginnen. Das mittlerweile lichterloh brennende Wrack kann rasch mit zwei C-Rohren gelöscht werden.

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Gani H. und ein zweiter Helfer haben sich bei dem Rettungsversuch an den Händen verletzt und müssen vom Rettungsdienst versorgt werden. Auch der dritte Helfer sowie zwei Zeugen müssen von KIT und Rettungsdienst betreut werden. „Ich habe mir die rechte Hand verbrannt“, sagt Gani H.. „Das ist alles so schnell gegangen. Uns hat wirklich keiner geholfen“, versteht er die Reaktion der anderen Autofahrer nicht.

A94-Ersthelfer von Anzing: „Wir haben uns umarmt und geweint“

Den Lastwagen des Kosovaren musste ein Kollege abholen, er selbst war nach dem Geschehen zu aufgewühlt. Als klar wird, dass das Unfallopfer trotz aller Anstrengungen des Notarztes nicht gerettet werden konnte, sind die Ersthelfer erschüttert. „Wir haben uns umarmt und geweint“, sagt der 56-Jährige.

Die Autobahn war für die Bergungsarbeiten drei Stunden lang gesperrt. Im Einsatz waren die Feuerwehren Anzing, Poing, Parsdorf und Gelting, der Rettungsdienst sowie der Rettungshubschrauber „Christoph 1“.

Video: Held der Straße - Verkehrsministerium ehrt mutige Ersthelfer

Gleich zwei schwere Unfälle ereigneten sich am Mittwoch im Landkreis Landshut. Insgesamt drei Personen wurden schwer verletzt. 

Bei einem Zwischenfall auf der A94 musste die Feuerwehr eingreifen. Ein Auto fing nahe Altötting und Töging Feuer und brannte auf der Autobahn komplett aus.

Der schnellen Hilfe am Unfallort verdankt eine eine Frau, die im Landkreis Regensburg verunfallt ist, jetzt ihr Leben. Ersthelfer stellten fest, dass sie keinen Puls mehr hat. Es folgte eine Reanimation auf offener Straße in Neutraubling.

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