Asylhelfer in Anzing
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Der kleine Kreis von Anzinger Asylhelfern zieht Bilanz: Es gibt noch viel zu tun

Die ewigen Helfer

Anzinger Asyl-Initiative kämpft noch immer mit der Bürokratie

  • VonJörg Domke
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Anzing – Es gab mal Zeiten, da lebten bis zu 25 Flüchtlinge, zumeist aus Eritrea, zeitgleich in der Unterkunft Wendelsteinstraße 8 in Anzing. Nachdem zuletzt vier Bewohner ausgezogen waren und in einen Neubau in der Parkstraße, ebenfalls in Anzing, drei Wohnungen beziehen konnten, reduzierte sich die Zahl der Bewohner im ehemaligen Forsthaus auf derzeit zehn.

Neun von ihnen sind sogenannte Fehlbeleger. Also Bewohner, die bereits als Asylbewerber anerkannt wurden und demnach in solchen Unterkünften wie in der Wendelsteinstraße gar nicht mehr wohnen dürften. Aber auf dem freien Markt finden sie weder in Anzing noch in anderen Kommunen im Landkreis Bezahlbares.

Einer der zehn ist offiziell geduldet. Das heißt: Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Abgelehnt in seinem Fall deshalb, weil er seine Identität nach bundesdeutschen Kriterien bislang nicht eindeutig hat nachweisen können. Er kommt aus Guinea. „Ohne sich selbst in eine gewisse Gefahr zu bringen, kann er nicht einfach so zur Botschaft gehen und sich um die fehlenden Unterlagen kümmern“, sagt Elisabeth Stanglmeier. Die ehemalige Lehrerin kümmert sich – mit anderen – von der ersten Stunde an um die Flüchtlinge, die einst den Weg in die Anzinger Unterkunft fanden. Und noch immer ist sie überaus engagiert ehrenamtlich bei der Sache.

Gerne würde sie dem jungen, geduldeten Mann aus Guinea helfen. Er arbeitet zurzeit für 90 Cent pro Stunde in einem kommunalen Wertstoffhof in der Nähe. Der Arbeitgeber, sagt Stanglmeier, würde ihn gerne übernehmen, darf das aber rechtlich nicht.

Anfangs hatte Elisabeth Stanglmeier viel mehr Mitstreiter. Bis zu 80 Personen kümmerten sich Mitte des vergangenen Jahrzehnts nur in Anzing darum, dass den Geflüchteten aus Afrika der Start in Bayern so leicht wie möglich gemacht wurde. Inzwischen ist der Kreis deutlich geschrumpft. Dabei ist Hilfe weiterhin dringend geboten. Früher ging es um Integrations- und Sprachkurse. Um das Beschaffen von Lebensnotwendigem, um die Bürokratie innerhalb von Asylverfahren. „Heute“, sagt Elisabeth Stanglmeier, „dreht sich fast alles nur noch um Behördengänge“. Das hört sich nach vielen, vielen Formularen an. Die Arbeit der Mitwirkenden im Helferkreis sei jedenfalls nicht weniger geworden, eher im Gegenteil, so Reinhard Oellerer, ein Helferkollege von Elisabeth Stanglmeier. Christian Seeberger, ein weiterer Helfer, bestätigt, dass es selbst für einen mit Bürokratie vertrauten Deutschen eine nicht immer einfache Materie ist.

Kampf gegen anhaltende Bürokratie

Auch sein Vater Rudolf macht mit im Helferkreis. Corona, berichtet er, habe den Umgang mit den Behörden nicht gerade vereinfacht. Sein Wunsch: dass sich hier einiges vereinfachen ließe. Und dass die dienstlichen Wege kürzer werden.

Seit sich der Helferkreis in Anzing engagiert, hat man die Lebensläufe von geschätzt etwa 35 jungen Männer begleitet. Viele von ihnen haben Fuß gefasst. Haben sich eine eigene Existenz aufbauen können. Eine Zahl, auf die die Anzinger Helferinnen und Helfer stolz sein können.

Einer, der im Ort geblieben ist, heißt Yemane Mlat. Der 36-Jährige kam einst aus Eritrea, inzwischen wohnt er in Anzing in einer eigenen Wohnung und verdient seinen Lebensunterhalt als Mitarbeiter bei Gienger in Markt Schwaben. Doch seine Welt ist nur auf den ersten Blick in Ordnung. Sehnsüchtig wartet er darauf, seinen nach Addis Abeba geflüchteten und dort, in der äthiopischen Hauptstadt lebenden, bald zehnjährigen Sohn zu sich holen zu können. Gut zweieinhalb Jahre laufe das alles schon, sagt er. Im Juli 2019 besuchte er den Filius einmal in Äthiopien, mehr war bislang nicht möglich. Das alles zehre, ergänzt er, an den Nerven, und bereite ihm oft genug schlaflose Nächte.

Problem bei der Familienzusammenführung

„Die lange Dauer ist das Problem“, ergänzt Elisabeth Stanglmeier. Bei der deutschen Botschaft in Addis Abeba hat sie sich schon persönlich beschwert. Eine Reaktion gab es nie. Jetzt haben die Anzinger MdB Andi Lenz eingeschaltet in der Hoffnung, dass ein Bundestagsabgeordneter schneller Zugang zu den entscheidenden Stellen bekommt als der kleine Helferkreis eines oberbayerischen Dorfes.

Dass man auch die Hilfe der eritreischen Botschaft in Berlin in Anspruch nimmt, erscheint jedoch geradezu ausgeschlossen. Rudolf Seeberger berichtet, dass den Landsleuten dort rückwirkend und monatlich Gebühren in Höhe von zwei Prozent des augenblicklichen Monatseinkommens in Rechnung gestellt würden. Und ihnen eine Entschuldigung abverlangt werde dafür, das Heimatland verlassen zu haben. Helfen könnten die Botschaften schon, so Reinhard Oellerer. Ihm fehlt aber der Glaube, dass das auch wirklich gewollt ist. Eher hat der Exlehrer und Grünen-Kommunalpolitiker inzwischen den Eindruck, dass die Botschaften bewusst ausgebremst würden. Vieles, sagen die verbliebenen Mitwirkenden im Helferkreis, wäre schon einfacher, würde man sich endlich mal darauf verständigen, von den Asylsuchenden nur die Dokumente einzufordern, die auch wirklich existierten.

Dokumente, die es gar nicht geben kann

Aber auch hierzulande haben es die Asylsuchenden, die anerkannten sowie die noch im Verfahren befindlichen Flüchtlinge mit enormen bürokratischen Hürden zu tun. Yemane Mlat erzählt von einem Schreiben, das ihn einst aufforderte, binnen kurzer Zeit über 8000 Euro nachzahlen zu müssen als Unterkunftsgebühr. Von den Asylsuchenden auch noch Mieten in beträchtlichen Größenordnungen abzuverlangen, hatte schließlich in Bayern ein Gericht gestoppt. Reinhard Oellerers Rechnung: „In der Wendelsteinstraße wären so Mieteinnahmen von über 6000 Euro pro Monat generiert worden, kein schlechtes Geschäft“. Übrigens: Wer einst umgehend zahlte, erzählen die Helferkreis-Mitwirkenden, hatte Pech: Eine Rückerstattung habe nach dem Gerichtsurteil nie stattgefunden.

Und noch ein anderer konkreter Fall bewegt die Anzinger gerade. Einer ihrer einstigen Schützlinge, Efrem Ghebray, der inzwischen in München lebt und über einen akademischen Abschluss verfügt, sagt Stanglmeier, bemühe sich seit Jahren, gleichsam seinen Sohn nach Deutschland zu holen. Der junge Mann, der ebenfalls nach Äthiopien geflüchtet war, ist inzwischen aber 18 Jahre alt. Damit würde er nunmehr aus der Familienzusammenführung fallen. Auch hier haben die Anzinger inzwischen den Frauenneuhartinger Abgeordneten um Hilfe gebeten.

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