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Fluchen auf Polnisch bei Streit im Lidl-Lager: Schräger Sprach-Exkurs am Amtsgericht Ebersberg

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Von: Raffael Scherer

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Amtsgericht Ebersberg
Amtsgericht Ebersberg © Stefan Rossmann

Beleidigung oder nur verärgerter Ausruf? – Ein Mitarbeiter des Lidl-Zentrallagers hatte zu einem Kollegen „Kurwa“ (polnisch „Hure“) gesagt. Ob das als ehrrührig zu verstehen sei, war nun die zentrale Frage bei einem Prozess am Ebersberger Amtsgericht.

Ebersberg/Anzing – Der 49-jährige polnische Mitarbeiter habe im Januar die Tür des Zentrallagers in Anzing schließen wollen, da es hereinregnete und -schneite, erklärte er mithilfe einer Dolmetscherin. Sein für die Einhaltung der Corona-Sicherheits-Maßnahmen zuständiger deutscher Kollege wollte jedoch, dass die Türe zum Lüften offen bleibt. Dabei kam es zur Auseinandersetzung.

Laut Anklage habe der Pole den Kollegen mit dem Ellenbogen geschlagen, sodass dieser wegrutschte und sich dabei das Knie verletzte.

Der Angeklagte sagte im Gericht, er habe lediglich verteidigend den Arm gehoben, da er sich erschrocken habe. Laut seinem Kollegen habe der Angeklagte ihn von vorne gepackt und zur Seite gedrängt. Beides passte nicht zur ursprünglichen Aussage.

Nach einigem hin und her beließ es der Geschädigte bei der Aussage „Ich erinnere mich nicht mehr.“ Es sei einfach zu schnell gegangen.

Rätselraten um Knieverletzung

Sein Knie habe jedoch mehrere Tage weh getan und er habe eine Schiene tragen müssen. Obendrein sei er kurze Zeit später entlassen worden, da die größtenteils polnischen Kollegen sonst einen Streik begonnen hätten.

Ein weiterer Zeuge behauptete wiederum, der Angeklagte sei auf der anderen Seite der Tür gestanden und habe geschubst und ein weiterer wusste gar nichts mehr. „Wir haben jetzt von drei Personen vier verschiedene Aussagen gehört“, fasste Richterin Vera Hörauf zusammen. Das genaue Geschehen sei somit nicht mehr aufklärbar.

Somit stand nur noch das Wort „Kurwa“ im Raum. Ob er das gesagt habe, wisse der Angeklagte nicht mehr genau, er halte es aber für durchaus möglich. Der Verteidiger erklärte, dass „Kurwa“ in diesem Zusammenhang im Polnischen nur ein allgemeiner Ausdruck der Verärgerung über eine Situation sein könne, etwa wie der deutsche Ausruf „Scheiße“. Hätte er einen Mann damit gezielt beleidigen wollen, so hätte er das grammatikalisch korrekte „ty kurwo“ (polnisch „du Hure“) verwenden müssen. Das bekräftigte auch die Dolmetscherin.

Nach einem ausführlichen Vortrag über die verschiedenen Verwendungsformen des Wortes in der polnischen Sprache beließ es Richterin Vera Hörauf bei einem Freispruch.

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