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Junge Leute entdecken alte Spuren in ihrem Heimatort

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Von: Jörg Domke

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Uschi Niederreiter zeigt Anzinger Kindern Interessantes in ihrem Dorf.
Uschi Niederreiter zeigte Anzinger Kindern interessante Stellen in ihrem Dorf. © jödo

Wie Kinder im Grundschulalter begeistern für die Geschichte ihres Wohnorts? In Anzing hat man es dieser Tage versucht.

Anzing – Kann es schaden, wenn junge Anzinger ein wenig mehr als allgemein üblich eintauchen in die Geschichte ihres Heimatortes? Noch dazu, wenn es sich um eine bewegte und bewegende Ortsgeschichte handelt. Kann es schlecht sein, wenn Kinder so direkt wie möglich erfahren, dass das Leben in ihrem Dorf vor ein paar Hundert Jahren alles andere als cool war.

Dass das reine Überleben schon eine ziemlich harte Angelegenheit war. Dass viele manchmal schon sehr früh starben, weil es keine Medizin gab, keine Ärzte, keine ausreichend ausgewogene Ernährung. Dass immer wieder Hungersnöte Einzug hielten. Oder mal wieder ein Krieg Zerstörung mit sich brachte.

Die spannende Geschichte vom kleinen Vitus

Nein: Sagten sich jedenfalls Bürgermeisterin Kathrin Alte und Heimatarchivarin Uschi Niederreiter unlängst. Beide kamen schließlich auf die Idee, etwas wiederzubeleben, was es vor Jahren schon mal gab, aber leider auch schnell wieder einschlief: Ein Projekt mit dem Ziel, heimischen Grundschülern von der bewegten Historie ihres Dorfes zu erzählen Und, weil’s bei jungen Leuten natürlich viel besser ankommt, direkt auch die vorhandenen Orte zu besuchen, die noch Zeugnis abliefern von all dem. Wenigstens ein bisschen.

In diesen Tagen kam Uschi Niederreiter, eine ehemalige Lehrerin mit persönlichen Wurzeln im Ruhrgebiet, mal wieder in die Schule, um vor den beiden vierten Klassen zunächst in der Theorie zu erzählen von Leuten, die einst Spuren im Dorf hinterließen: von den Sunderndorfer, den Hirners, den Högers. Oder von einem Burschen namens Veit, womöglich kaum älter als die Mädchen und Buben einer Grundschul-Abschlussklasse.

Veit, lateinisch Vitus, war sicherlich nie in Anzing. Er kam auf Sizilien zur Welt. Die Eltern gaben ihn ab zur Erziehung an eine Amme, die ihn im christlichen Glauben erzog. Da war im 4. Jahrhundert. Als der Vater davon erfuhr, wollte er Veit vom Glauben wieder abbringen und später umbringen. Der Bub aber blieb standhaft und floh. Nichts konnte ihm gefährlich werden. Nicht einmal die Löwen in der Arena. Sie haben nur seine Füße geleckt, erzählt die 69-jährige Gemeindearchivarin, als die 4 b vor einem Seitenaltar in der katholischen Pfarrkirche steht, an dem ein Altarbild von Veit zu sehen ist. Es zeigt den Burschen beim Versuch, ihn in einem Kessel mit siedendem Öl zu töten. Doch Engel retteten den Knaben.

Zwei Stunden Rundgang auf historischen Pfaden

Kaiser Diokletian ließ Vitus, wie er auch genannt wurde, nach Rom bringen, um seinen eigenen Sohn von ihm heilen zu lassen, so die Legende. Das mit der Heilung gelang auch. Und dennoch sollte Veit sterben.

Dass Veit in Anzing eine besondere Ehre erwiesen wird, hat gute Gründe. Eine Vorgängerkirche war nach dem Heiligen benannt. Sie stand dort, wo heute noch ein Denkmal an den Knaben und seine berührende Geschichte erinnert wird: an der Ecke Friedrich-Gerg-Straße/Erdinger Straße unmittelbar unter dem Benefiziatenhaus. Dort, wo sich auch die erste Anzinger Kirche befand, die Veits Namen trug.

Uschi Niederreiter erzählt die Story vom kleinen Vitus nicht reißerisch, sonst eher nüchtern und dennoch spannend. Dass sie auf diese Weise alle ihre 22 Zuhörer in den Bann zieht, ist ohne Frage ein beabsichtigter Nebeneffekt. Ist ja auch ziemlich gemein, was man da einst mit einem Kind so machte, nur weil es standhaft an Jesus Christus glaubte, werden sich so manche gedacht haben.

Doch der Rundgang der älteren Grundschüler hat noch ein paar weitere Höhepunkte zu bieten. Nicht so sehr das zweite Denkmal des Ortes, das an die Toten des Ersten Weltkriegs erinnert. Und auch nicht die Grabplatte der Sunderndorfer am Eingang in die heutige, eigentlich dritte Kirche Anzings. Oder dass es sich beim aktuellen Rathaus um eine Art Musterschule handelte, wie sie sich schlaue Menschen vor ein paar Jahrhunderten ausdachten.

Eher dagegen die Alte Post in der Hirnerstraße. „Warum war Bier gesünder als Wasser“, will die pensionierte Lehrerin und Heimatexpertin von den jungen Leuten wissen. Die Antwort braucht nicht lange. Damals gab es schlichtweg kein Wasser, was auch nur annähernd an die Trinkwasserqualität von heute heran geragt wäre. Das Wissen aus dem theoretischen Unterricht mit Uschi Niederreiter vom Vortag ist also noch voll da.

Legenden um die „Alte Post“

Nicht weit vom ältesten Haus der Gemeinde, der Alte Post, ist es zur Högerkapelle. Man muss sich eigentlich nur einmal um die eigene Achse drehen. Frau Lettenbichler hat das kleine Gotteshaus schon für die Viertklässler aufgesperrt. Früher, in den 50er Jahren, sei die Kapelle noch weitgehend offen gewesen, erzählt Uschi Niederreiter. Anzinger Kinder hatten sie sich zum Spielen gerne mal ausgesucht. Manches sei dabei wohl auch kaputt gegangen.

Und auch die eine oder andere Legende hat sich nicht mehr erhalten. Ältere Anzinger würden immer mal wieder erzählen, dass es von der Kapelle aus geheime unterirdische Gänge gegeben habe; etwa nach Kaiserberg oder rüber zur Alten Post, heißt es. Mit Taschenlampen leuchten die Kinder aus, was es noch auszuleuchten gibt in der unten liegenden Gruft der Högers, die in ihrer langen Geschichte schon mehrfach knöcheltief unter Wasser stand. Die Geheimgänge aber, so muss Uschi Niederreiter die jungen Forscher enttäuschen, habe es aber nie gegeben. Dennoch finden die meisten gerade diesen Teil des Historenrundgangs ziemlich cool.

Während die eine Gruppe noch in der Gruft unterwegs ist, machen sich derweil ein paar andere Gedanken, welche Überschrift denn wohl geeignet wäre in der Ebersberger Zeitung über dem Text, der über ihren heimatkundlichen Projekttag geschrieben werden soll. An spontanen Vorschlägen mangelt es nicht. „Die Geschichte der alten Kirchen und Schlösser in Anzing“, sagt ein Mädchen. Ihren Namen – und die der anderer Mitschülerinnen und Mitschüler, dürfen wir nicht nennen. Und auch Fotos sind nicht erlaubt. Datenschutz. So ist das inzwischen manchmal. Nach kurzer Diskussion finden die meisten die im Raume stehende dann doch nicht sehr knackig. Auch der Minimalistenvorschlag „Anzing“ (und sonst nichts) ist nicht mehrheitsfähig. Ergo: Der Chronist muss sich also selber was ausdenken.

Tour endet an der Friedenseiche bei der Schule

Nach fast zwei Stunden erreicht der Tross die letzte Station des Rundgangs, die Friedenseiche von 1870/71 in der Schulstraße nahe der Schule. Das dritte Denkmal Anzings. Die vielleicht tiefgründigste Frage des Tages, gestellt von einem Viertklass-Mädchen, warum es überhaupt Kriege gab, kann auch der kapitale Baum am Straßenrand genau so wenig beantworten wie die anwesenden Erwachsenen. Und doch zeigt die Frage, wie dicht Geschichte und Gegenwart beieinander liegen können.

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