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Martin Pulst und Nadine Handte sind die Verbindungsleute des FC Schalke 04 zu den Mitgliedern im GroßraumMünchen

Mannschaftsbetreuer als Basisarbeiter

„Konsuln“ in königsblau

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Heute spielt der FC Bayern gegen die Königsblauen aus Gelsenkirchen. Die Schalker haben hierzulande nicht wenige Mitglieder; und in Anzing sogar einen Verbindungsmann.  

Anzing - Im Eichenweg in Anzing steht vor einem Reihenhaus ein zurzeit ziemlich blass dreinschauender, königsblauer Gartenzwerg. Schnee hatte sich zuletzt auf sein Gesicht gesetzt und war zu Eis geworden. Inzwischen hat Tauwetter eingesetzt. Martin Pulst, in dessen Garten der Geselle wacht, hat ihn sogar zum aktuellen Titelbild seines Facebook-Auftritts gemacht.

Je nachdem, welche Perspektive man gerade auf den kleinen Freund richtet, kann man bei diesem Anblick zu unterschiedlichen Interpretationen kommen. Es könnte sich hier, Sichtweise eins, um ein Symbol für einen Anhänger eines Fußballklubs handeln, der schon gewohnt ist, im Regen zu stehen, im Kalten, im Schnee. Man kann das aber auch anders sehen: Hier harrt förmlich jemand unentwegt aus, den nichts erschüttern kann. Der alles schon erlebt hat: Aufstiege, Abstiege, Rückschläge, zerplatzte Hoffnungen. Einer, der kurz vor dem Ziel noch abgefangen wurde. Der aber immer wieder aufgestanden ist. Ein zäher Typ also.

Auf seiner rechten Brust hat der Schöpfer des kleinen Gartenfreundes „Glück auf“ geschrieben. Für oberbayerische Verhältnisse ein exotisch anmutender Wunsch. Glück auf: Das ist das, was sich Bergleute zurufen in der Hoffnung, nach ihrer harten Arbeit unter Tage immer wieder wohlbehalten ans Tageslicht zurückzukehren.

Martin Pulst hat den Bergbau nicht direkt erlebt. Aufgewachsen ist der 59-Jährige aber in einer ehemaligen Bergarbeiterstadt: In Gladbeck, einer Nachbarstadt zu Gelsenkirchen, was wiederum die Heimat seines tapferen Gartenzwergs ist.

Gladbeck, das liegt in dem Teil des Ruhrgebiets, wo die allermeisten aus Prinzip alles vermeiden, eine östlicher gelegene Ortschaft korrekt beim Namen zu nennen. Weil dort ein Fußballklub residiert, dessen Namen man in keinem Fall in den Mund nimmt. Pulst, seit über 20 Jahren Immobilienkaufmann in Anzing, ist Königsblauer von Kind auf. Ist großgeworden in einem Umfeld, wo man fußballerisch nur zwei Optionen hat: auf der richtigen Seite zu stehen oder keine Ahnung zu haben von alledem. Ist als Bub mit dem Radl oder zu Fuß die knapp zehn Kilometer in die „Glückauf“-Kampfbahn oder ins spätere Parkstadion gefahren, um Helden wie Nigbur, Fichtel, Rüssmann, Fischer oder die Kremers-Zwillinge zu bewundern.

Als es ihn, den gelernten Bankkaufmann, im Jahr 1995 beruflich nach München und speziell nach Anzing zog, blieb eines unerschütterlich: Die Vorliebe für alles und die Treue zu allem, was mit seinem Klub, den Knappen, zu tun hat.

Pulst ist damit im Großraum München nicht alleine. Als einer der größten Sportvereine Deutschlands gibt es fern der Heimat derzeit rund 1800 weitere, die wie er einen Mitgliedsausweis von Schalke 04 besitzen und zwischen Passau und Allgäu, nördlich der Grenze zu Österreich und südlich einer gedachten Linie irgendwo zwischen München und Ingolstadt wohnen. Sie leben in München, Neu-Ulm oder Rosenheim, aber auch in Baldham, Kirchseeon, Kirchheim, Bad Aibling, Grafing oder Ebersberg.

Im vergangenen Jahr trafen sie sich erstmals auf Einladung des Gesamtvereins in einem Hotel in Dornach. Es kamen etwas mehr als 100. Dort stellte man ihnen ein Modell vor, das Schalke „Mannschaftsbetreuer“ nennt. Mit „Mannschaft“ ist hier aber nicht die Elf gemeint, die in der Bundesliga kickt, sondern die gesamte Fan-Gemeinde. Geplant war damals, Kontaktpersonen zu installieren als eine Art Brückenköpfe zwischen den Vereinsfunktionären in Gelsenkirchen und den Mitgliedern in der Ferne.

Man hat danach einige Zeit gebraucht, aus der Planung Wirklichkeit werden zu lassen. Und bastelt noch weiter an Strukturen. Aber hat schließlich doch ohne Probleme S04-Mitglieder gefunden, die nun so etwas sind wie königsblaue Botschafter oder zumindest Konsule in der Ferne. Es gibt sie inzwischen in Freiburg oder Frankfurt, Bremen oder Berlin, Mannheim oder München; fünf Pilotprojekte und 19 weitere Regionen sind es zurzeit. 24 Regionen also insgesamt mit derzeit 34 Mannschaftsbetreuern. Ziel: eine flächendeckende Betreuung der Vereinsmitglieder bundesweit. Einer von inzwischen offiziell installierten zwei Schalke-„Botschaftern“ ist Martin Pulst aus Anzing. Sein Ehrenamt teilt er sich mit der Münchnerin Nadine Handte (39).

Seit gut einem halben Jahr agieren die beiden nun. Haben schon an Schulungen teilgenommen, wurden mit entsprechenden Kommunikationsmitteln ausgestattet. Vieles, sagt Pulst, laufe heutzutage halt über die sozialen Medien in Form von Newslettern. „Wir sind die Schnittstelle zwischen den Fans, Mitgliedern und Freunden des Vereins einerseits und dem Gesamtverein“, sagt er. Im Schnitt geht es pro Tag um gut eine Stunde, die er ehrenamtlich dafür aufbringt. Daheim sammelt man zum Beispiel Fragen aus der Fanschaft, um sie gebündelt weiterzuleiten. Von einem Vorstandsmitglied sollen sie dann demnächst direkt auch beantwortet werden.

An diesem Wochenende haben Nadine Handte, die früher mal in Vaterstetten wohnte, und Martin Pulst so etwa wie einen Großeinsatz. Hunderte Fans der Königsblauen treffen sich heute in einer Münchner Lokalität (im „Ampere“ nahe der Muffathalle) zur Party vor dem Spiel ihrer Mannschaft am Nachmittag in der Allianz-Arena. Dort, bei der Party ab 11.04 Uhr, wird es den beiden in erster Linie darum gehen, möglichst viele Kontakte aufzubauen bzw. zu pflegen zu Fans, Freunden oder den Mitgliedern Münchner Fanklubs.

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