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Der Angeklagte im Gespräch mit seiner Anwältin.

Anzinger weist Mordvorwurf zurück

Prozess um Mord an Ehefrau: „Sie sagte: Schick mich voraus“

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Anzing - Ein 56-jähriger Kaufmann aus Anzing hat vorigen Mai seine eigene Frau getötet. Sie habe sich gewünscht, dass er sie umbringt, sagt er vor Gericht. Nach dreitägiger Trauer wollte er sich angeblich selbst vergiften.

Robert S. (56) zieht seinen grünen Anstaltsparka aus und setzt sich im grauen Sweatshirt ganz ruhig auf die Anklagebank. Der grau-blonde Mann mit dem Kinnbart muss seine Personalien angeben: 56 Jahre alt, zuletzt selbständiger Kaufmann, wohnhaft in Anzing (Kreis Ebersberg). „Familienstand: jetzt verwitwet“, sagt der Richter. „Ja“, bestätigt S. und blickt zu Boden. Denn er selbst war es, der sich zum Witwer gemacht hat. Am 29. Mai 2015 hat er seine Frau Karin (66) umgebracht – und drei Tage lang nach buddhistischem Ritus in der Badewanne aufgebahrt. Nach diesen drei Tagen wollte er sich selbst töten. Doch es kam anders: Seit gestern sitzt er wegen Mordes vor dem Schwurgericht München II.

Genauso ruhig wie er auf der Anklagebank sitzt, spricht Robert S. auch. Detailliert, bisweilen weinerlich, schildert er den fünf Richtern seine Version der Tat. Demnach hätte es ein so genannter erweiterter Suizid werden sollen. Seine Frau hätte ihn darum gebeten, sagt er.

Seit Längerem hätten sich die beiden mit dem Gedanken an schwere Krankheit und Pflegebedürftigkeit beschäftigt. Mehrere Fälle von Verwandten, die „hilflos in der Klinik“ gestorben waren, hatten ihnen offenbar Angst gemacht. „Wir stellten uns die Frage, ob man sagt: So weit will ich gar nicht kommen.“

Spätestens, als sich seine Frau den Oberschenkel brach und lange im Krankenhaus lag, sei klar gewesen, dass es nichts mit einem schönen Alter werde. Sie habe sehr unter den Operationen gelitten. Hinzu kamen finanzielle Sorgen. Der Anzinger hatte zwölf Semester Jura studiert, aber das Staatsexamen am Ende nicht bestanden. Dennoch machte er Karriere bei Siemens, zuletzt in einer Tochterfirma. Als seine Abteilung aufgelöst wurde, fand man ihn mit 150 000 Euro ab. Anschließend stieg er selbstständig in den Weinhandel ein, doch das Geschäft lief nicht. Bald waren die finanziellen Reserven aufgebraucht. Die Zwangsversteigerung des Hauses stand bevor. Seine Frau habe gesagt, wenn auch noch das Haus und der Garten weg seien, habe alles gar keinen Sinn mehr.

In der Folge soll es Karin S. immer schlechter gegangen sein. Zweimal kollabierte sie auf offener Straße. Sie machten keine Ausflüge, Wanderungen und Urlaube mehr. Schließlich sagte sie: „Ich will nicht arm und krank alt werden.“ Sie hätten sich über ein „mögliches würdiges Ende“ unterhalten. Tabletten habe sie abgelehnt. Deshalb habe sie gesagt: „Dann schickst du mich halt voraus. Und dann kommst du nach.“ S. lehnt sich auf der Anklagebank zurück und sagt: „Da lehnt man sich zurück und sagt: ,Mädel, weißt du eigentlich, was du da sagst?’“

Lesen Sie auch: Drama in Anzing: Frau tot in der Badewanne

Karin S. wollte angeblich nicht wissen, wann und wo es passiert. Sie habe nur gesagt: „Lass dir halt was einfallen.“ Weil seine Frau Fan der „Rosenheim Cops“ war, will Robert S. sich dann an die Krimi-Serie erinnert haben: „Da heißt’s doch immer: Es war ein heftiger Schlag auf den Hinterkopf. Das Opfer war sofort tot.“

Als sich Karin S. am Abend des 29. Mai 2015 im Badezimmer das Gesicht wusch und sich dabei über das Waschbecken beugte, hielt S. das für eine „gute Gelegenheit“. Er nahm eine schwere Eisenpfanne aus der Küche, ging damit ins Bad und stellte sich hinter seine Frau. „Ich dachte, ich schlage mit möglichst viel Kraft zu, um das mit einem Schlag zu erledigen.“ Danach weiß er angeblich nichts mehr. Die Obduktion ergab allerdings, dass die Frau zahlreiche Verletzungen erlitten hatte. Mehrere Blutergüsse sowie vier Schläge auf den Kopf. Außerdem muss ihr mit aller Gewalt der Hals zugedrückt worden sein.

Robert S. kann sich angeblich erst wieder erinnern, als er seine tote Frau bäuchlings in die Badewanne legte. Den Wannenrand schmückte er mit Heiligenfiguren, Kerzen und Karin S.’ Lieblingsblumen Rosen, Gerbera und Nelken. Nach dem dritten Trauertag schluckte er mehr als 80 Schlaftabletten und geriet ins Delirium. Doch er wurde gerettet, weil plötzlich der Gerichtsvollzieher im Haus stand. Der Prozess dauert an.

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