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Franz Sellner hat in Buzios in Brasilien sein Glück. Auch die Familie seines Sohnes lebt dort. Auf dem Bild Enkelsohn Mathias, der sich über Zeit mit seinem Opa freut.

Auswanderer 

Der brasilianische Franz

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Weil ihn das Beamtentum frustriert, wandert ein Aßlinger aus – Der 64-Jährige verliert und gewinnt. Eine spannende Geschichte aus unserer Auswanderer-Serie. 

Buzios/Aßling/Pfaffing – Da schauten die Brasilianer, als Franz Sellner zusammen mit seinem aus Bayern angereisten Bruder in drei Wochen das Stahlgrundgerüst für ein Einfamilienhaus mit Muskelkraft aufstellt. Etwa 160 Kilometer nordöstlich von Rio de Janeiro liegt die 31 000-Einwohner-Stadt, in der Franz Sellner (64) seine neue Heimat aus Stahl zusammenschraubt. 2013 ist das. Dass er nach Brasilien ausgewandert ist, ist eine Geschichte mit vielen Hochs und Tiefs. Heute sagt der 64-Jährige, der seine Wurzeln im Landkreis Ebersberg hat: „Ich habe noch nie im Leben mit so wenig Geld gelebt wie heute, aber ich habe auch noch nie so entspannt und gesund gelebt.“

Aufgewachsen in Aßling, Fußball gespielt in Pfaffing (Kreis Rosenheim), ab 1971 zehn Jahre Beamter bei der Berufsfeuerwehr München. Irgendwann hatte der junge Sellner genug vom Beamtenleben. Dieses sei ein schwarzer Fleck in seiner Seele, der sich da aufgetan habe, wie er sagt. Er wollte sich nicht derart den Regeln unterordnen, so ein Typ sei er nicht. Die Erkenntnis ebnete seine Zukunft in Brasilien, die verrückte Wege nehmen sollte.

„Ich wollte schon immer mein eigener Chef sein“

Nachdem er den Feuerwehrdienst in München quittierte, worüber viele in seinem Umfeld den Kopf schüttelten, gründete er Sportgeschäfte in Bayern. „Ich wollte schon immer mein eigener Chef sein“, sagt er, wenn er sich zurückerinnert. Der Vater von Bastian Schweinsteiger sei ein Spezl von ihm gewesen, daher sei der Kontakt zur Sportbranche entstanden. 1985 eröffnete er seinen ersten Sportladen in Bad Aibling, er setzte alles auf diese Karte. „Der Mensch hat Angst“, erzählt er, „wenn er Neues wagt. Er hat Angst, was er verlieren kann. Er vergisst aber, was er alles gewinnen kann.“ Ja, die Sache mit der Philosophie, da sei er auch nicht ganz verschont geblieben, gesteht Sellner. Übrigens konnten wir den 64-Jährigen für ein Gespräch in Oberbayern antreffen. Im Mai besuchte er seine Mutter, die in Paffing lebt.

Mit unserer Zeitung um die ganze Welt. In unserer Serie nehmen wir Sie mit in fremde Länder und Kulturen. Wir haben Auswanderer aus der Region gesucht, die ihre Wurzeln im Landkreis Ebersberg und vor Jahren ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben. Die Gründe dafür sind vielseitig. Und ganz oft dem Zufall geschuldet. Wir erzählen spannende Geschichten von Weltenbummlern und wie sie sich in ihren neuen Ländern fühlen.

Mit Philosophie hat es auch zu tun, dass er letztendlich nach großem finanziellen Erfolg von fünf gegründeten Sportläden seine Zelte in Bayern abbrach. „Mit einem Freund habe ich philosophiert, der mir eine Geschichte eines Kapitäns auf der Isar erzählt hatte und der Leute suchte, die mit ihm mitkommen. Ohne Ziel.“ Für Sellner war 1995 klar: „Ich mache mit.“ Seine Reise aber führte ihn nicht entlang der Isar, sondern nach Rio de Janeiro. Mit dabei, seine damals 15-jährige Tochter. Wieso Brasilien? Als Kind habe Sellner schon immer gerne Fußball gespielt und als Trikot immer ein brasilianisches mit seinem Lieblingsspieler Pelé angezogen. 

3000 Maßkrüge aus München 

Der wohl triftigste Grund aber dürfte für Sellner damals gewesen sein, dass er Mitte der 90er Jahre seine heutige Frau, eine Brasilianerin, kennenlernte, durch die er auch portugiesisch lernte. Er ging 1995 nach Brasilien und baute am Zuckerhut einen „wunderschönen Biergarten auf“, wie er sagt. 10 000 Quadratmeter groß, Platz für 2000 Gäste, 3000 Maßkrüge und hunderte Bierbänke und Tische ließ er von München nach Rio transportieren. Doch die bayerische Lebensfreude unter Palmen sollte Sellner heftig treffen. Sein Geschäftspartner, ein Deutschbrasilianer, täuschte ihn, nach zwei Jahren musste er sein Projekt Biergarten aufgeben, genauso wie viel investiertes Geld. „Ich habe richtig in die Scheiße gelangt“, sagt er. Sellner wurde krank, musste kürzertreten, kehrte 1997 wieder nach Deutschland zurück. Aufgeben kam nicht infrage.

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Gemeinsam mit seiner brasilianischen Frau gründete er in Mühldorf ein Sport- und Babygeschäft. Bis 2006 führte Sellner noch einen Sportladen in Rosenheim. Im Januar 2007 dann die endgültige Entscheidung: Es sollte doch Brasilien werden, wo Sellner gemeinsam mit seiner Familie bleiben wollte. Er wagte erneut den Schritt, wanderte aus, sein Sohn folgte ihm, er beteiligte sich an einer Firma die Schutzausrüstung, Schweißmaterial und Werkzeug verkaufte, lebte in Niteroi mit Blick auf den Zuckerhut und den Corcovado, bis er 2013 aufhörte zu arbeiten und in Buzios ein Haus in Eigenregie zimmerte. Brasilien sei vollkommen anders, sagt er: „Korruption ist normal und wird quasi geduldet, weil es auf höchster und auf niedrigster Ebene gehandhabt wird“, sagt er.

A Stückerl Bayern

Sein Sohn hat ein Restaurant in Buzios, die Frau von Franz Sellner arbeitet dort in der Verwaltung. Die Tochter Sellners lebt in Vancouver in Kanada. Sie sei der selbe Zugvogel wie ich, sagt der Papa, der aktuell viel Zeit mit seinem Schäferhündin Luna, im Garten oder beim Kitesurfen auf dem Ozean verbringt. Das Wasser hat das ganze Jahr, je nach Küste, zwischen 21 und 24 oder zwischen 25 und 28 Grad.

Manchmal hilft er in Buzios – eine Stadt, die Touristen immer mehr für sich entdecken – als Touristenführer aus. Vor einigen Wochen hatte er eine Reisegruppe aus Bayern getroffen – ein Paar aus dem Landkreis Ebersberg war dabei. „Das war toll und hat mir ein Stück Bayern hier her gebracht“, sagt Sellner, der sich wohlfühlt auf der anderen Seite des Globus’, auch wenn er die Berge und das Skifahren vermisst. „Ich blicke auf ein bewegtes Leben zurück“, sagt er. Es habe ihn viel gekostet, Kraft und Geld. „Ein Sprachkurs wäre billiger gewesen, aber ich möchte nie am Morgen aufwachen und fragen, was wäre gewesen wenn.“

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