Das Tier, bei dem es sich um einen weiblichen Wolf handeln dürfte, auf der Wiese nahe Aßling.
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Das Tier, bei dem es sich um einen weiblichen Wolf handeln dürfte, auf der Wiese nahe Aßling.

Jäger beobachtet und fotografiert Raubtier

„Zu 100 Prozent sicher“ - Wilder Wolf im Kreis Ebersberg gesichtet

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Ein Jäger ist überzeugt: Er hat bei Aßling einen Wolf beobachtet und fotografiert. Ein Experte unterstützt diese Einschätzung. Die Region ist in Aufregung.

Aßling – Es waren 74 bis 80 Meter Abstand, Andreas Schwarz hat im Bayernatlas nachgemessen. So nah ist er herangekommen an das Tier, bevor es ihn scheute. Zehn Minuten, schätzt der 46-Jährige, hat er es mit dem Fernglas beobachtet. Wie es auf der Wiese zwischen Niclasreuth (Gemeinde Aßling und Antersberg (Gemeinde Tuntenhausen) stand und ihn zurück-beäugte. Wie es – vermutlich zum Trinken – in einen zugewachsenen Graben sprang, sodass nur noch die Rückenlinie aus den Grashalmen ragte. Andreas Schwarz hat lange und genau hingeschaut. Er sagt: „Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass das ein Wolf ist.“

Wolf im Landkreis Ebersberg gesichtet: Zehn Minuten Aug in Aug mit dem Raubtier

Dass Schwarz sich so sicher ist, liegt auch daran, dass er sich auskennt. Er ist Jäger, hat mal eine Hundeschule geleitet und Jagdhunde ausgebildet. Und dafür Bücher von den Tier-Verhaltensforschern Konrad Lorenz und Erik Ziemen gewälzt. Was er am Dienstagvormittag gegen 9.30 Uhr auf der Wiese bei Aßling unweit eines Segelflugplatzes zwischen Bach und Jägerstand gesehen hat, war kein Husky und kein Malamute, davon ist er überzeugt. „Die Körperlinie, die Fellfarbe: Das hat nichts mit einem Hund zu tun.“

Fotografiert und beobachtet hat den Wolf der Jäger und Hundefachmann Andreas Schwarz, der tags darauf den Sichtungsort zeigt

Wegen dieser Sachkenntnis hatte ihn seine Nachbarin angerufen, die genau wissen wollte, was dort Hundeartiges auf der Wiese vor ihrem Bauernhof unterwegs war. Je näher Schwarz herankam, desto größer waren Aufregung und Gewissheit. Die zehn Minuten Aug in Aug mit dem Raubtier wird er so schnell nicht vergessen. „Ich habe ihn angeschaut und er hat mich auch angeschaut“, sagt der Jäger.

Besser gesagt: sie. Denn während Schwarz vom Autofenster aus das Fernglas auf den Wolf angesetzt hatte, ließ das Tier Wasser. Er identifizierte es als Fähe, also eine Wölfin. Gut genährt, kräftig, groß und stabil. Als Schwarz sich näher heranwagte, wich das Tier zurück. „Sie hat probiert, mich einzuordnen“, sagt der Jäger über die Momente mit dem Wolf, bevor das Tier irgendwann genug hatte und im nahen Unterholz verschwand.

Trotz verschwommenen Fotos: Experte schätzt Wolf-Sichtung in Ebersberg als glaubwürdig ein

Keinen Zweifel an der Sichtung hat der Landesfachbeauftragte für Naturschutz des Bayerischen Landesbund für Vogelschutz (LBV), Andreas von Lindeiner. „Die Körperhaltung, der Sattelfleck auf dem Rücken und der helle Kehlbereich sprechen dafür“, sagt er mit Blick auf die verschwommenen Fotos, die Andreas Schwarz auf die Schnelle mit dem Smartphone schießen konnte. Zu 100 Prozent könne er sich wegen der Fotoqualität nicht sicher sein. „Aber wenn sich einer so auskennt, würde ich das nicht in Zweifel ziehen“, sagt der Wolfsexperte über die Beobachtung des Jägers und Hundeexperten aus Aßling.

Es ist also kein verwegener Schluss, davon auszugehen: Der Wolf ist zurück im Landkreis Ebersberg. Oder er hat wenigstens mal wieder vorbeigeschaut. Immer wieder kursieren Gerüchte über Sichtungen in der Region, Jäger sprechen hinter vorgehaltener Hand von Fotos, die auf Wildkameras gelandet sein sollen. Nur Greifbares kam dabei nicht herum, seit vor gut fünf Jahren nachweislich ein Wolf bei Zorneding mehrere Schafe riss. Die Aßlinger Sichtung durch Andreas Schwarz hat da eine andere Qualität.

Wolfs-Sichtung: Aßling und die Region in Aufregung

Dementsprechend heiß liefen noch am selben Tag die Social-Media-Kanäle in und um die Südgemeinde. Ein bislang nicht verifiziertes Video tauchte auf, das den Wolf bei Tuntenhausen zeigen soll, wie er neugierig neben einem Auto herläuft. Von einer Sichtung wenige Tage zuvor im nahen Schönau war die Rede. Vermutungen wurden laut, es könne sich um den Wolf handeln, der am 19. April im Kreis Miesbach gefilmt wurde.

Auch einen Pfotenabdruck fand der Jäger rund 800 Meter von der Stelle entfernt, wo er den Wolf beobachtete. Der Abdruck könne aber auch von einem großen Hund stammen. Anders als bei seiner Sichtung will sich der Jäger da nicht festlegen.

Nun auch im Landkreis Ebersberg: Bayern als Drehscheibe für den Wolf

„Bayern ist eine Drehscheibe geworden“, sagt der Wolfsexperte des LBV. Die Tiere kämen aus Nord- und Ostdeutschland sowie vom Balkan. „Er kann überall auftauchen“, so von Lindeiner. Es habe heuer zig Sichtungen im ganzen Freistaat gegeben. Einzelne Tiere, wie jenes, das wohl durch den Landkreis streifte oder immer noch streift, seien „hochmobil“.

Jäger, Landwirte und Haustierbesitzer sind auf Wölfe nicht gut zu sprechen. „Für ausgeschlossen halte ich es nicht“, sagt von Lindeiner darüber, dass der eine oder andere Jäger dem Wolf gegen alle Schutzregeln eine Kugel verpassen könnte, um für Ruhe im Revier zu sorgen. Dann aber nicht Andreas Schwarz, der ist dafür viel zu begeistert von dem wilden Besucher. „Es sind faszinierende Tiere“, sagt er. „Aber der Wolf darf ruhig weiterziehen.“

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