Anstoßen auf runde Hundert: Gertrud Jell sitzt im Kreise der Gratulanten (von links): Stellvertretender Landrat Georg Reitsberger, Sohn Hanns-Klaus Jell, Tochter Beate Horak, Sohn Peter Jell, Aßlings Bürgermeister Hans Fent. 
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Anstoßen auf runde Hundert: Gertrud Jell sitzt im Kreise der Gratulanten (von links): Stellvertretender Landrat Georg Reitsberger, Sohn Hanns-Klaus Jell, Tochter Beate Horak, Sohn Peter Jell, Aßlings Bürgermeister Hans Fent. 

Eine Hundertjährige erzählt

„Das Leben ist ein Zufallsprodukt“: Gertrud Jell aus Aßling wird 100 Jahre alt

Gertrud Jell aus Aßling feierte ihren 100. Geburtstag. Dass es ihr heute so gut geht, hat mit Glück zu tun. Und mit der richtigen Lebenseinstellung.

Aßling – Glück ist es allein schon, mitten im Winter 1920 gesund auf die Welt zu kommen. Glückskinder dürfen sich besonders all die Menschen nennen, die wie Gertrud Jell die Kriegsjahre heil überstanden. Ein weiterer Glückstag wurde ihr als junge Frau beschert, als sie ihren Ehemann Hanns unversehrt in die Arme schließen konnte, nachdem die beiden vier Jahre durch den Krieg und anschließende Gefangenschaft getrennt waren. Das Leben beschenkte sie weiter: mit drei Kindern, acht Enkeln und drei Urenkeln.

„Das Leben nehmen, wie es ist“

Am vergangenen Freitag dann ein weiteres Geschenk des Lebens: Gertrud Jell durfte im Kreis ihrer Lieben, mit wachem Blick und frischem Geist, ihren 100. Geburtstag feiern. „Einfach das Leben so nehmen, wie es ist“, sagte die aparte, gepflegte Frau über ihr Spezialrezept und lachte verschmitzt dabei. Dann stieß sie mit dem stellvertretenden Landrat Georg Reitsberger und Aßlings Bürgermeister Hans Fent an, die als Gratulanten gekommen waren.

Gertrud Jells Tochter Beate ist Lehrerin, ihr Sohn Peter führt im Ort eine Allgemeinarztpraxis. Er betreut die Mutter von ärztlicher Seite. Der zweite Sohn, Hanns-Klaus, ist Kieferchirurg in Rosenheim, die Schwiegertochter Zahnärztin. Vielleicht liegt’s an den vielen Medizinern um sie herum, dass Gertrud Jell so fit und munter ist. „Die Mama ist zäh und hat einen unbändigen Lebenswillen“, sagt Peter Jell. Die Jubilarin selbst begründete das anders: „Ich lese jeden Tag die Ebersberger Zeitung, von vorne bis hinten, seit vielen Jahren, das hält den Kopf fit.“ Gerne erzählte sie ihrer Gästerunde von früher.

Romantische Hochzeit, dann lange Trennung

Geboren wurde Jell in der Pfalz, später zog sie mit ihrer Familie nach München und absolvierte eine Ausbildung zur staatlich geprüften Krankengymnastin. Ihrem geliebten Hanns schwor sie 1942 in der Spitalkirche in München ewige Treue, nachdem er sein Examen als Mediziner abgelegt hatte. Gefeiert wurde im kleinen Familienkreis im Hotel Deutscher Kaiser, das Brautpaar fuhr mit einer Kutsche vor: Gertrud mit Maiglöckchen im Haar und weißem Kleid, Bräutigam Hanns mit Zylinder und Frack, eine Besonderheit mitten im Krieg.

Kurz nach der Hochzeit die schmerzliche Trennung: Hanns wurde in den Krieg berufen, das Wiedersehen feierten die beiden erst vier Jahre später, als der junge Soldat aus der Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern in Bad Aibling zurückkehrte. Ein Bauer hatte Hanns auf dem Mistwagen zurück bis nach Aßling mitgenommen. Dorthin war zwischenzeitlich die Familie umgezogen.

Dem Bombenhagel von München nach Aßling entkommen

Das kam so: Gertruds Vater, ein begeisterter Kunstsammler, sorgte sich während des Krieges, dass eine Bombe das Haus der Familie in München treffen könnte. Glücklicherweise war der damalige Aßlinger Pfarrer Oberhauser ein Verwandter der Familie. Bei Hochwürden Oberhauser durften sie besondere Möbel und wertvolle Gegenstände im Speicher des Aßlinger Pfarrhauses einlagern. Letztendlich hatte der Vater die richtige Eingebung gehabt: Das Haus in München wurde während eines Bombenhagels dem Erdboden gleichgemacht, der Familie selbst geschah nichts.

Die Jells zogen nach Aßling, zunächst in den Ortsteil Obstätt, später in die rosafarbene „Ampletzer-Villa“ in der Ortsmitte, in der sich heute das Aßlinger Rathaus befindet. Dort eröffnete Gertruds Mann Hanns Jell auch seine erste Praxis als Allgemeinmediziner, später zog er mit seiner Frau Gertrud in das Haus an der Rosenheimer Straße. Hanns Jell verstarb 1987 an einer Infektion.

Sie dichtet, malt und philosophiert

Auf die Frage, wie Gertrud Jell das Leben sieht, gerät sie ein wenig ins Philosophieren: „Das Leben ist ein Zufallsprodukt“, sagt sie. Dem Sinnieren und dem Nachdenken schenkte sie viel Zeit, daraus entstand so mancher Text und auch Gedichte, viele in Bayerischer Mundart verfasst. „Für an jedn was“, ist der Titel eines Buches mit Gedichten in Mundart, das sie im Selbstverlag mit einer Auflage von 500 Stück 1995 veröffentlichte. Die meisten der Bücher verschenkte sie, einige wenige bewahrte sie auf.

Auch dem Malen widmete sie sie gerne Zeit, in ihrem Haus finden sich bunte Aquarelle und Hinterglasbilder. Welchen Wunsch hat die Hundertjährige ans Leben? Gertrud Jell wird still, für die Antwort nimmt sie sich Zeit. Dann Bewegung und ein Leuchten in den hundert Jahre alten, warmherzigen und so wachen Augen. „Ja, ich möchte gerne noch einige Jahre bei guter Gesundheit leben.“

Susann Niedermaier

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