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Familie werden alle Zufahrten blockiert – „Nie gedacht, dass sich ganzes Dorf gegen uns stellt“

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Von: Josef Ametsbichler

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Ratlos stehen Nicole und Miroslaw Gola in der Halle, in der sie gerne eine Werkstatt einrichten würden. Das scheitert derzeit daran, dass es keine für sie nutzbare Zufahrt zu ihrer Immobilie gibt. An der Schuldfrage scheiden sich die Geister.
Ratlos stehen Nicole und Miroslaw Gola in der Halle, in der sie gerne eine Werkstatt einrichten würden. Das scheitert derzeit daran, dass es keine für sie nutzbare Zufahrt zu ihrer Immobilie gibt. An der Schuldfrage scheiden sich die Geister. © Stefan Roßmann

Ein Haus mit vier Zufahrten besitzt das Ehepaar Gola in Pörsdorf bei Aßling – und kann trotzdem nicht zu der Immobilie fahren. Dabei wäre eine Renovierung nötig. Doch keiner der Nachbarn lässt sie durch.

Pörsdorf – Nicole und Miroslaw Gola stehen auf abgewetzten Parkett und schauen an schweren, karminroten Vorhängen vorbei durch erblindende Fensterscheiben zu den Nachbarn. „Wir hätten nie gedacht, dass sich ein ganzes Dorf gegen uns stellt“, sagt Nicole Gola (38) und schüttelt den Kopf. Der Raum hinter ihr steht leer, bis auf eine vereinsamte Hängeleuchte aus matschbraunem 70er-Jahre-Glas und den grau gesprenkelten Kachelofen, in dem schon lange kein Feuer mehr gebrannt hat.

Die Golas hatten es sich so schön vorgestellt, als sie den gedrungenen Bau in Pörsdorf bei Aßling vergangenes Frühjahr gekauft haben: eine kleine Betriebsleiterwohnung für sich und ihre beiden Teenager. In der angrenzenden Werkstatthalle wäre Platz für Miroslaw Golas Sanierungsbetrieb mit drei Mitarbeitern. Doch sie hatten die Rechnung ohne ihre Nachbarn gemacht.

Blockiertes Grundstück in Pörsdorf bei Aßling hat vier Zufahrten - und keine ist nutzbar

Von den vier Zufahrten, die aus allen Himmelsrichtungen an ihr Grundstück heranführen, können die Golas keine nutzen. Im Westen und Osten fehlt ihnen die Genehmigung der Nachbarn für die Fahrt auf deren Privatstraßen. Im Norden und Süden ist der durchgängige gemeindliche Weg nur breit genug für Fußgänger und Fahrradfahrer. Dafür haben auch die Nachbarn dort gesorgt, die millimeterakkurat bis an ihre Grundstücksgrenzen Hindernisse aufgebaut haben. Momentan ist schlicht kein Durchkommen.

Zu schmal: Nach Süden blockiert der Nachbar Weber mit Pflanzringsteinen auf seiner Grundstücksgrenze, dazwischen läuft der Gemeindeweg.
Zu schmal: Nach Süden blockiert der Nachbar Weber mit Pflanzringsteinen auf seiner Grundstücksgrenze, dazwischen läuft der Gemeindeweg. Rechts der Zaun eines weiteren Grundstückseigentümers. © Stefan Roßmann

Blockierte Zimmerei: Odelfassl-Streit von Pörsdorf hat ein Vierteljahrhundert Vorgeschichte

Wegen der Ankunft der Golas lodert ein Konflikt wieder auf, der das kleine Pörsdorf schon einmal in Ausnahmezustand versetzt hat: Ende der 1990er-Jahre hatte die Landwirtsfamilie Weber der Zimmerer-Familie Stanzel die direkte Zufahrt von Süden auf ihr Betriebsgelände mit Güllefässern blockiert. Damals stellte sich heraus, dass die Fahrt auf Gemeindegrund mit knapp 1,90 Metern Breite zu schmal war. Die Webers duldeten keine Reifenbreite mehr auf ihrem Grund.

Die Zimmerei musste monatelang kilometerweite Umwege über Feld und Flur fahren, bis eine neue Zufahrt im Ort ausgehandelt war. Ein begonnenes Enteignungsverfahren gegen die Familie Weber zog die Gemeinde nicht durch. Mangels öffentlichen Interesses hatte das Landratsamt ein Scheitern signalisiert. Der „Odelfassl-Streit“ von Pörsdorf ging in die Geschichte ein. „Man darf sich nicht alles gefallen lassen“, sagt Grundstückserbe und Mit-Blockierer Peter Weber (56) heute.

Kein Durchkommen mit dem Auto: Sanierung vom Haus der Golas unmöglich

Jetzt ist der schmale, öffentliche Weg von Nord nach Süd eine beliebte Fahrradverbindung zwischen Grafing und Aßling. Ein Anlieger verkauft in einer „Flohmarkthütte“ per Einwurfkasse buntes Allerlei. Und die Golas müssen, wenn sie ihren Rasen mähen wollen, den Mäher aus der Ortsmitte zu Fuß über den Schotter heraufschieben. An eine Sanierung ihres Kaufs ist in dieser Situation nicht zu denken.

Zu schmal: Nach Norden blockiert die örtliche Zimmerei Einzinger/Stanzel mit Holzzäunen auf der Grundstücksgrenze, dazwischen verläuft der Gemeindeweg.
Zu schmal: Nach Norden blockiert die örtliche Zimmerei Einzinger/Stanzel mit Holzzäunen auf der Grundstücksgrenze, dazwischen verläuft der Gemeindeweg. © Stefan Roßmann

Odlfassl-Streit in Pörsdorf: Nachbar im Norden - „Gebe keinen Millimeter her“

Im Norden liegt die Zimmerei von Richard Stanzel, Innungsobermeister und für die „Unabhängige neue Liste“ im Aßlinger Gemeinderat. „Es ist alles komplett verfahren“, sagt er über die Situation. Stanzel macht keinen Hehl daraus, dass er den 70er-Jahre-Bau selber gerne gekauft hätte, der jetzt den Golas gehört und einst sogar Teil des Zimmereigeländes war. „Die Einzigen, die mit dem Gebäude etwas anfangen können, sind wir“, sagt er. Im Ort erzählt man sich, dass dem nahe liegenden Kaufgeschäft ein zerrüttetes Verhältnis zu den Vorbesitzern entgegenstand.

Stanzel denkt mit Grauen zurück an den „Odelfassl-Streit“ in den 1990ern, der seinen Betrieb damals so blockierte. Heute sagt er: „Ich gebe keinen Millimeter her.“ Die Golas seien aufgrund alter Familienbekanntschaft voreilig davon ausgegangen, über sein Betriebsgelände fahren zu können. Das verhindert nun ein Holzzaun an der Grundstücksgrenze. Dessen offizieller Zweck ist es, durch trichterförmige Enge die auf dem gemeindlichen Fuß- und Radweg vorbeibrausenden Fahrradfahrer umzulenken, auszubremsen und so Unfälle auf dem Zimmereigelände zu vermeiden.

Privatweg: Im Westen ist kein Durchkommen.
Privatweg: Im Westen ist kein Durchkommen. © Stefan Roßmann

Streit um Grundstückszufahrt in Pörsdorf: Suche nach Schuldigen und Lösungsmöglichkeiten

Die neuen Eigentümer stehen nun draußen, am Rand der zugewucherten Wiese, die ihnen seit gut anderthalb Jahren gehört, auf dem viel zu schmalen öffentlichen Weg zu ihrem Haus. „Uns fehlen die finanziellen Mittel hier weiterzukämpfen“, sagt Nicole Gola über die vierkantige Zwickmühle, in der sie sich befinden. Nun sei der Betrieb ihres Mannes woanders in Pacht, die Golas in Steinhöring zur Miete.

500 000 Euro hätten die beiden für das 1226 Quadratmeter große Grundstück mit dem Sanierungsfall in der Mitte hingelegt, erzählen sie. Sie hätten zwar gewusst, dass die Erschließung nicht geklärt sei, sagen die Golas. Dass sich aber gar keine gütliche Lösung finden lasse, hätten sie nicht für möglich gehalten. „Die Hauptschuldige ist die Gemeinde“, sagt Miroslaw Gola (41). Schließlich sei der Bau in den 1970ern genehmigt worden – und die Gemeinde damit in der Erschließungspflicht, der sie bis heute nicht nachkomme.

Gemeinde Aßling weist Verantwortung von sich - Bürgermeister ruft zum Dialog auf

Das wiederum sieht man im Rathaus ganz anders. „Ein Lotteriespiel“ nennt Bürgermeister Hans Fent den Grundstückskauf der Golas zu einem Preis, der wenn überhaupt nur bei voll erschlossenem Baugrund gerechtfertigt sei. Warum die Gemeinde das so sieht, erklärt Christian Weber aus der Verwaltung, mit dem Pörsdorfer Weber übrigens nicht verwandt. „Wir haben die Familie vor dem Kauf darauf hingewiesen, dass es absolut problematisch ist“, sagt er und zieht ein Schreiben des Landratsamts hervor.

„Nicht ausreichend verkehrlich erschlossen“, heißt es darin. Erschließungsfähig sei der Bau, der nun den Golas gehört, nur gemeinsam mit dem angrenzenden Zimmereibau im Norden, weil nur unter der Voraussetzung dieser Einheit damals die Baugenehmigung erteilt worden sei. Juristisch bleibe den Golas nur, einen ihrer Nachbarn auf Notwegerecht zu verklagen – mit ungewissem Ausgang.

Privatweg: Im Osten ist kein Durchkommen.
Privatweg: Im Osten ist kein Durchkommen. © Stefan Roßmann

Die Familie fühlt sich „behandelt wie Sechsjährige“ von Gemeinde und Bürgermeister. Der ruft zum Runden Tisch auf. „Es müssen alle mitmachen“, sagt er darüber, dass es wegen der kleinteiligen Grundstückssituation in Pörsdorf wohl mindestens zwei einverstandene Anlieger bräuchte, um den Golas ein Fahrtrecht zu ermöglichen. Das gehe auch nicht auf Kosten der Gemeinde – es zahle der, der profitiert. Eine Anlieger-Enteignung schließt Bürgermeister Fent aus.

Odlfassl-Streit in Pörsdorf: Jede Änderung schafft neue Betroffenheiten

Landwirt Peter Weber, der über die Jahre in der Sache Fahrtrecht schon mehrfach prozessiert hat, etwa gegen Gemeinde und Freistaat, signalisiert nun: Er könne sich vorstellen, Grund abzugeben, wenn die Fahrt einige Meter weg von seinem Haus verlegt würde. Aber nur gegen sauberes Entgelt, am liebsten von der Gemeinde, versteht sich. Dadurch wären aber wieder andere Nachbarn betroffen. Es ist verfahren.

Video: Einfach mal Baum halbiert - Nachbarschaftsstreit mit kuriosen Folgen

„Blauäugige“ Käufer, „sture“ Anlieger oder ein Dorf als „Wespennest“? Was ist los im beschaulichen Pörsdorf?

Es gibt diejenigen, die die Golas hinter vorgehaltener Hand „blauäugig“ nennen. Es gibt andere, die mit dem Finger auf die Nachbarn zeigen, weil „vor lauter Sturheit“ kein Kompromiss möglich sei. Es gibt diejenigen, die Pörsdorf ein „Wespennest“ nennen. Und es gibt solche, die vermuten, dass der ganze Streit seit den 1990ern überhaupt nur auf gemeinsames Betreiben der Dorfbewohner entstanden sei, um weitere Bauten und den damit verbundenen Zuzug im Ort zu torpedieren – für ein zweites Grundstück in dem toten Winkel existiert seit vielen Jahren ein Bau-Vorbescheid für drei Doppelhäuser, ebenfalls blockiert mangels Erschließung.

Die Golas wollen sich von ihrem Eigentum nicht trennen, auch wenn sie nur zu Fuß hinkommen. Sie haben das Gefühl ausgehungert zu werden, bis sie wieder verkaufen. Dazu sagt Nicole Gola nur ein Wort: „Ausgeschlossen!“

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