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„Wenn die Fahrkarten wegfallen sollten und nur noch übers Handy gekauft werden, kann ich zusperren“, sagt Paolo Zuppa , der den Aßlinger Bahnhofskiosk „Stellwerk“ betreibt.

Seit 10 Jahren betreibt Paolo Zuppa den Aßlinger Bahnhofskiosk

Ein Mann und sein Stellwerk

Ein Bahnhofskiosk ist viel mehr als ein kleiner Laden. Ein Bahnhofskiosk ist Fixpunkt an einem hektischen Ort, ist Kommunikationszentrale und manchmal auch Rettungsanker. Wir haben Paolo Zuppa (56) besucht, der den Kiosk in Aßling betreibt.

„Einen Kaffee bitte, schwarz wie deine Seele.“ Paolo Zuppa (56) lacht, wünscht dem Mann einen guten Morgen und schiebt den Kaffee durchs Fenster. Seit halb sechs Uhr steht er in seinem Kiosk „Stellwerk“, den er im Aßlinger Bahnhofsgebäude seit zehn Jahren betreibt. Die Öffnungszeiten richtet er nach dem Meridian, früh zwischen 6 und 8.30 Uhr und nachmittags ab 16 bis 19 Uhr fahren die meisten Fahrgäste. Manche holen sich bei Paolo den morgendlichen Muntermacher, die Zeitung oder eine Butterbrezn als Frühstück, andere kaufen den Fahrschein bei ihm.

Schneller als der Automat

„Wie viel Streifen brauche ich von Grafing nach Vaterstellen“, erkundigt sich ein Mädchen. Paolo gibt freundlich Auskunft auch dann, wenn er kein Geschäft machen kann. Noch sind viele der Zugfahrer Stammkunden, die kommen wegen des persönlichen Kontakts. Andere bevorzugen den Kauf übers Handy oder benutzen den Automaten am Bahnsteig. „Es gibt immer Leute, die reden nicht gerne“, bedauert Paolo. Ratternd rast ein Trolly vom Parkplatz zum Kiosk, voraus eine Frau, sichtlich in höchster Eile. „Eine Monatskarte München bitte, ich bin arg spät dran.“ Die Frau schiebt Geld, Paolo das Ticket durchs Fenster, während der Zug bereits einfährt. „Sie hat ihn noch erwischt, es geht halt doch schneller bei mir als am Automaten“, freut sich Paolo und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Doch dann zieht ein Schatten über sein Gesicht. „Wenn die Fahrkarten wegfallen sollten und nur noch übers Handy gekauft werden, kann ich zusperren.“ Dennoch hat er keine Angst vor der Zukunft. „Das Leben geht immer irgendwie weiter, wie all die Jahre zuvor auch“ meint er zuversichtlich und greift nach einem dicken, ockerfarbenen Buch. „I Dizionari Sansoni“ stellt er das deutsch- italienische Wörterbuch vor.

Deutsche Mutter und zwei Pässe

Nein, lacht er, seinen Familiennamen Zuppa muss er nicht nachschlagen. Der klingt zwar wie italienisches Essen, doch keiner in der Familie war Küchenchef. Der Vater kam 1944 nach München, arbeitete als Kunstgießer in Bronzeplastiken, Sohn Paolo wuchs im Kreis der Familie in Schwabing auf. „War später schon eine wilde Zeit – wir haben viel philosophiert in den Kneipen“ schwärmt der Halbitaliener, der zweisprachig aufwuchs, eine deutsche Mutter und zwei Pässen hat. Verwurzelt fühlt sich der 1860ziger Fan in Bayern, nur wenn seine Lieblingsmannschaft Inter Mailand kickt, schlägt sein Herz italienisch. Zwischen der Schwabinger Zeit und dem Aßlinger Kiosk liegen Jahre, die er „halbe Hend’l Jahre“ nennt, weil er damals so oft Hendl aß. Nach der Hauptschule lernte Paolo bei Tengelmann Einzelhandelskaufmann, das war nicht sein Traumberuf. Doch er tröstete sich damit, zumindest eine Lehrstelle gefunden zu haben. Heute ist er froh über die gute kaufmännische Grundlage, die er sich damals für den Kiosk legte.

Wenig Umsatz - Partner steigt aus

„Kannst Du meine Mama anrufen, ich glaub‘ die hat vergessen mich abzuholen“ bittet ein kleines Mädchen, das schon einige Zeit auf dem Bahnhofsvorplatz steht. „Das kommt öfters vor“, sagt Paolo, nachdem er die Mutter informiert. „Wenn es kalt ist, darf ein Kind auch mal im warmen Kiosk warten.“ Gratis-Dienste wie diesen leistet Paolo gern. Wo Niklasreuth liegt, fragen ihn manchmal Jugendliche, die zum Jugendhaus wollen, andere benötigen eine Straßenauskunft. „Ich brauche Asyl“ bat kürzlich ein Asylsuchender, der versehentlich in Aßling ausgestiegen war, den schickte er zur Gemeindeverwaltung. Paolo philosophiert immer noch gerne. Schon als Kind las er die Odyssee, heute hat Homers Epos einen festen Platz im Bahnhofkiosk, gleich neben dem Wörterbuch. Er nimmt es nochmals zur Hand. „Diesen „Sansoni“ habe ich selbst in wertvollem Schweinsleder gebunden“, sagt er stolz und erzählt von der Zeit als kaufmännischer Leiter der Buchbinderei seines Bruders in Moosach. Dort wachte Paolo nicht nur über Zahlen, das allein hätte ihn wohl gelangweilt. Interessiert schnupperte er in alle Abteilungen der Buchbinderei, band und prägte bald seine ersten Bücher. Im Familienbetrieb arbeitete auch Paolos Frau, Angelika. Die beiden kennen sich jetzt seit 32 Jahren, haben zusammen einen Sohn und feierten letztes Jahr im 25 der vielen glücklichen Ehejahren ihre Silberhochzeit.

2006 wurde er auf den leerstehenden Raum im Aßlinger Bahnhof aufmerksam. „Du weißt, ich bin Kaufmann“, stellte Paolo sich beim damaligen Bürgermeister Werner Lampl vor und erzählte von seiner Idee eines Bahnhofskiosk. Lampl war angetan vom Vorhaben, kurze Zeit später eröffnete Paolo zusammen mit Freund Rudi Müller das „Stellwerk“. „Anfangs kamen arg wenig Leut‘,wir machen kaum Umsatz und Rudi stieg schnell wieder aus“. Ein Jahr lang spürte Paolo die ungünstige Seite der Lebenswelle, dann ging es langsam aufwärts. Jetzt gibt es sein „Stellwerk“ zehn Jahre.

Hat einer mit halbitalienischen Wurzeln noch eine Beziehung, eine Bindung zum Land, aus dem einst die Vorfahren kamen? Jetzt macht Paolo eine Pause im Redefluss und Stille kehrt ein in den kleinen Kiosk am Aßlinger Bahnhof. „Ja, sagt er nach geraumer Zeit. „In Italien bin ich sehr gerne, besonders in Rom“. Ganz leise klingt etwas an, wie eine sanfte Melodie zwischen den Worten, auch wenn Bayern für ihn immer schon Heimat ist.

Susann Niedermaier

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