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Sabine hat gut lachen: Die 15-Jährige, die gerade an der Mittelschule Aßling ihren „Quali“ macht, hat ihren Ausbildungsplatz zur Friseurin schon sicher. Und freut sich nach so viel Lernen richtig auf die Arbeit.

Start der Abschlussprüfung an der Mittelschule

Absolventen sind gesucht: Quali macht glücklich

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Am Dienstag haben an den Mittelschulen in Bayern die Prüfungen für den „Quali“ begonnen. Arbeitgeber im Freistaat sind scharf auf Absolventen mit dem qualifizierenden Mittelschulabschluss, denn ihre praktischen Talente sind gefragt. Ein Besuch bei einer Schülerin mit Plan.

Aßling/München – Sabine Kühnel sitzt ganz entspannt daheim am Küchentisch. Dort liegen ihre Schulbücher, ein Taschenrechner und der „Quali-Trainer“ für Deutsch, Mathe und Englisch. Sie lehnt sich zurück, streckt den Rücken durch, und sagt mit einem Lächeln: „Im Stress bin ich nicht.“ Dabei ist die 15-Jährige aus Lorenzenberg bei Aßling (Landkreis Ebersberg) im Endspurt: Heute beginnen für sie und mehr als 45 000 andere Mittelschüler in Bayern die schriftlichen Prüfungen für den „Quali“, den qualifizierenden Mittelschulabschluss. Doch der Prüfungsdruck macht ihr nichts aus. Kühnel blickt gelassen in die Zukunft.

Dabei war die Mittelschule, die 2011 aus der Hauptschule hervorging, in der Vergangenheit der Prügelknabe des bayerischen Schulsystems. Eltern beklagten niedriges Niveau, schlechte Berufsaussichten – eine Schulform drohte, als „Resterampe“ abgestempelt zu werden. Auf dieses Wort reagiert das bayerische Kultusministerium heute allergisch. Es diskriminiere Schüler wie Lehrer und entspreche nicht der Realität.

Und tatsächlich: Die Reform der Hauptschule scheint nicht nur ein Etikettenwechsel zu sein. Die Schülerzahlen haben sich stabilisiert, gut ein Drittel eines Jahrgangs geht an die Mittelschule. In den kommenden Jahren rechnet das Kultusministerium damit, dass sich sogar wieder eine steigende Zahl von Schülern und Eltern dafür entscheidet.

Sabine Kühnel ist erst vergangenes Schuljahr von der Realschule auf die Aßlinger Mittelschule gewechselt. Die Noten. Der Lernstress. „Ich wollte nicht mehr“, sagt sie. Auch ihre Mutter Christl sagt: „Ich habe ihr angesehen, wie sie immer unglücklicher geworden ist.“ Jetzt schreibt ihre Tochter gute Noten, sogar in Mathe, dem Fach, das ihr früher am meisten Schwierigkeiten bereitete. „Das war das absolut Richtige“, sagt die Mutter über den Schulwechsel. Schulleitung, Lehrer und die Klassengemeinschaft – alles passte vom ersten Tag weg.

Die neue Attraktivität der Mittelschule erklärt Hubert Schöffmann, der bildungspolitische Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK): „Schüler mit Quali haben auf dem Arbeitsmarkt hervorragende Aussichten“, sagt er. Der hohe Praxisbezug im Unterricht und durch Betriebspraktika sei ein „unschlagbarer Vorteil“. Bei derzeit 40 000 freien Ausbildungsplätzen stehe Mittelschülern, die durchstarten wollten, der Weg zum Facharbeiter und Meister offen. „Aber natürlich ist – wie an anderen Schulformen auch – Gas geben für einen möglichst guten Abschluss angesagt“, sagt Schöffmann.

Das weiß auch Sabine Kühnel, die trotz des Badewetters am Wochenende fleißig Bruchrechnung und Englisch-Zeiten paukt. Bei aller Wohlfühl-Stimmung bleibt sie ehrlich: „Ich habe keine Lust mehr auf Schule.“ Die 15-Jährige hat längst Pläne für die Zeit danach. Und eine Lehrstelle als Friseurin. Das niedrige Einstiegsgehalt macht ihr nichts aus, sie will etwas Praktisches machen, mit Menschen zu tun haben. Und sich vielleicht irgendwann zur Maskenbildnerin fortbilden. „Man kann viel werden mit Quali“, sagt sie und nickt. Die Zukunft kann kommen.

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