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Ernste Mienen bei den Zwölftklässlern des Gymnasiums Kirchseeon. Viele von ihnen hätten gerne mehr Zeit für die Vorbereitung aufs Abitur gehabt.

Es fehlt vor allem an Zeit

Auslaufmodell G8 - Schüler vom Gymnasium Kirchseeon berichten

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Nur sechs Jahre nach dem ersten Abiturjahrgang ist das achtstufige Gymnasium ein Auslaufmodell. Schüler aus Kirchseeon, die kurz vor dem Abitur stehen, berichten, wie es sich anfühlt, Teil eines fehlgeschlagenen Experiments zu sein.

Kirchseeon – Bei den Zwölftklässlern am Gymnasium Kirchseeon (Kreis Ebersberg) steigt der Stress. Für sie und ihre Jahrgangsstufenkollegen in ganz Bayern rückt die Abiturprüfung im Mai immer näher. Ob sie dann richtig vorbereitet sind? Da sind sich die Q12-Schüler aus dem Deutschkurs nicht so sicher. Die 17- und 18-Jährigen sitzen an diesem Tag zusammen und reden darüber, wie sie ihren Weg zum Abi erleben.

Der Zweite Weltkrieg dauert zu lang -  die DDR muss ausfallen

Vor allem eins wird deutlich: Den Schülern des Kirchseeoner Abschlussjahrgangs fehlt Zeit, an allen Ecken und Enden. „Kaum kommt ein neues Thema, ist es schon wieder vorbei“, sagt Max, im roten Kapuzenpulli, und wuschelt sich die Haare. Besonders jetzt, in der Oberstufe, mache sich das bemerkbar. „In Geschichte haben wir gar nicht über die DDR geredet, weil wir nicht mehr dazu gekommen sind“, ergänzt Magdalena, die eine Reihe weiter hinten sitzt. Der Zweite Weltkrieg hat schlicht zu lange gedauert. Und Sozialkunde, das in einem kombinierten Kurs mit Geschichte unterrichtet wird, habe mangels Zeit vor allem aus Blättern bestanden, die die Schüler zu Hause vorbereiten mussten. Nach dem Nachmittagsunterricht oder am Wochenende. Ist da noch Zeit für Hobbys? „Die nehme ich mir“, sagt Basti. „Dementsprechend sieht wahrscheinlich auch mein Abi aus.“ Die Klasse lacht, Basti kann sich nur ein schwaches Grinsen abringen – die Pointe war wohl witziger, als die Prüfungen in weiter Ferne lagen.

Ernste Mienen bei den Zwölftklässlern des Gymnasiums Kirchseeon. Viele von ihnen hätten gerne mehr Zeit für die Vorbereitung aufs Abitur gehabt.

Nach dem Abi erst mal raus, Freizeit nachholen

Finger hoch, wer was zu sagen hat: Die Rückkehr zum G9 in Bayern sorgt für Diskussionsstoff bei denen, die das G8 am meisten betrifft – den Schülern.

Aus den Zwölftklässlern sprudelt es nur so heraus. Fast alle wollen mitreden. Meist sind die Mienen dabei ernst: Es geht um ihre Zukunft. Etwas mehr als die Hälfte der Klasse will studieren. Aber längst nicht alle wissen, was. Oder wie es sonst weitergehen soll. Marc erinnert sich noch dunkel an ein Praktikum bei einer Bank, das er in der Neunten gemacht hat. Er würde eigentlich gern Pilot oder Fluglotse werden. Ganz sicher ist er sich dabei offenbar nicht. Denn das einwöchige Praktikum war das einzige in acht Jahren Gymnasium. Das macht die berufliche Orientierung nicht gerade leicht. Viele wollen deshalb erst einmal auf Zeit spielen – mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr. Oder wegfahren, ein Auslandsjahr machen. „Wir holen unsere Freizeit nach“, sagt Sophia ernst. Es gibt aber nicht nur Kritik am G8, das nun wohl ein Auslaufmodell ist. „Das Projektseminar hat richtig was gebracht“, sagt Basti. Er hat mit seinen Mitschülern eine Radiosendung gestaltet. Die Teamarbeit habe Spaß gemacht. Marc ist da anderer Meinung. „Mehr Unterhaltung als Lernen“, bescheinigt er seinem Projekt, in dem sie Wasserraketen gebaut haben, im Rückblick. Ihm war das wissenschaftliche Seminar lieber, in dem er eine Arbeit über Sportmarketing geschrieben hat.

Immerhin: „Ein Jahr weniger Schule“

Michael sieht es pragmatisch: „Ein Jahr weniger Schule“, erklärt er mit einem Schmunzeln den aus seiner Sicht größten Vorteil des G8. Dann wird er aber ernst, er ist zufrieden mit dem schnellen Weg zum Abitur. „Man kann früher auf eigenen Beinen stehen“, sagt er. „Theoretisch“, schiebt er nach, als sich im Kurs Protest regt.

Viele sind verunsichert, hätten gerne die Wahlmöglichkeiten des früheren G9 genutzt. Bio- und Chemie-Fan Magdalena beneidet ihre Eltern, die sich ihr naturwissenschaftliches Abiturfach aussuchen durften. „Ich muss in Mathe schreiben“, sagt sie und verzieht das Gesicht. Marc hat einen Cousin in Nordrhein-Westfalen, wo es noch Leistungskurse gibt – zwei Fächer, auf die sich die Schüler spezialisieren. „Da sitzen nur die Leute drin, die sich wirklich dafür interessieren“, sagt er. Man könne so viel intensiver arbeiten.

Der Konsens unter den Schülern ist: Wenigstens freiwillig sollte es die Möglichkeit geben, sich mit dem Abi ein Jahr länger Zeit zu lassen. Marc findet: „Das wäre eine Option für einen entspannteren Schulalltag.“ Dann gongt es. Das Abitur ist wieder eine Schulstunde nähergerückt.

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