Seit dreieinhalb Jahren lebt Erika Brendl (51) in einer Wohngemeinschaft auf einem Einödhof in Baiern. Die Stühle auf dem Foto hat sie selbst gemacht. „Upcycling“ ist eines ihrer Steckenpferde.
+
Seit dreieinhalb Jahren lebt Erika Brendl (51) in einer Wohngemeinschaft auf einem Einödhof im Bairer Winkl. Die Stühle auf dem Foto hat sie selbst gemacht. „Upcycling“ ist eines ihrer Steckenpferde.

Sie kauft sich nichts Neues mehr

Frau aus Bayern lebt den Minimalismus: „14 Quadratmeter reichen vollkommen“

Die Energiewende beginnt im Kleinen. Bei Menschen, die ihren Beitrag dazu leisten, ihren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Zum Beispiel Erika Brendl aus Baiern.  

Baiern - Die froschgrün lackierten Zehennägel passen zur Fleecejacke. Erika Brendl sitzt im Schneidersitz auf einer geschwungenen Holzbank vor dem Haus, in dem sie ein WG-Zimmer bewohnt. Auf dem rustikalen Holztisch vor ihr steht ein Topf mit gelben Blumen. Am Balkon über der Bank sprießen rote und rosafarbene Geranien. Ein Rosenstrauch wächst an der Hauswand hinauf.

Baiern: Erika Brendl lebt seit dreieinhalb Jahren in einer WG - auf 14 Quadratmetern

„Warum wohne ich in einer WG?“, fragt Brendl mit leiser Stimme, wie um die Bauernhaus-Idylle nicht zu stören, und gibt gleich selbst die Antwort: „Weil 14 Quadratmeter für einen Menschen vollkommen reichen.“

Seit dreieinhalb Jahren lebt die 51-Jährige mittlerweile auf dem Einödhof im Bairer Winkl. Mehr als die 14 Quadratmeter brauche sie auch gar nicht, daheim halte sie sich schließlich kaum auf – und zum Sauberhalten sei es die perfekte Größe. Sie lacht ein ansteckendes Lachen.

Seit sie in einer WG lebt: Frau kauft sich nichts Neues mehr - „außer Essen, Trinken und Schuhe“

Seitdem sie in die Wohngemeinschaft gezogen ist, sagt Brendl, habe sie sich nichts Neues mehr gekauft, „außer Essen, Trinken und Schuhe“. Zumindest „seltenst“, relativiert sie gleich im Anschluss. Wenn sie wirklich etwas Neues brauche, dann kaufe sie sich das auf Flohmärkten oder über Flohmarkt-Apps. Bücher hole sie sich aus den öffentlichen Bücherschränken. Anschließend gebe sie sie dann auch dort wieder ab. Die Fitnesstrainerin versucht, ihr Leben so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

Das fängt beim Leben auf dem Hof an. Wozu andere Menschen zig Quadratmeter für sich alleine brauchen, kann die gebürtige Fränkin nicht nachvollziehen. Ressourcensparend leben beginnt für sie bei dem Wohnraum, den man für sich selbst beansprucht. Und im Gegenzug für den Verzicht auf viel Platz, scheint sie mit ihrem WG-Zimmer ein kleines Stück vom Paradies bekommen zu haben.

Ressourcensparendes Leben beginnt beim Wohnraum

Vor dem Haus, soweit das Auge reicht: Wiesen und Wald. Ein eingezäuntes Obst- und Gemüsebeet, das von ihren Mitbewohnern gepflegt wird. Ein paar Schritte den schmalen Schotterweg entlang, der vor dem Haus vorbeiführt, und schon bietet sich ein spektakulärer Blick in die Berge.

Video: So pflanzen Sie nachhaltig

„Am meisten genieße ich hier draußen einfach die Ruhe“, erzählt die 51-Jährige, während sie barfuß über eben diesen Weg läuft. Im nächsten Moment fängt sie laut an zu lachen, als ein Flugzeug über den Hof hinwegfliegt und die Ruhe damit minutenlang zerstört. „Da hab’ ich jetzt an gscheiden Schmarrn verzählt, oder?“

Einödhof im Bairer Winkl: Im Sommer schläft Erika Brendl im Zelt - „Was Schöneres gibt‘s doch ned!“

Hinter einem Hügel steht, direkt neben dem Schotterweg, ein Einmannzelt in der Wiese: „Da schlaf ich“, sagt Brendl mit einem kurzen Nicken in Richtung Zelt. Den Sommer schlafe sie draußen, im Winter verbringe sie die Nächte dann aber doch wieder im Haus. „Das ist so genial. Ich wach nachts auf oder wenn ich nicht schlafen kann, dann seh ich die ganzen Grashalme vor mir und den Sternenhimmel. Und du liegst mitten in der Wiese“, schwärmt sie. „Also was Schöneres gibt‘s doch ned!“

„Was Schöneres gibt es nicht“: Erika Brendl schläft im Sommer im Zelt auf einer Wiese vor dem Haus.

Besonders dicht sei das Zelt allerdings nicht gerade. „Manchmal hab ich auch schon Wasser schöpfen müssen“, gibt Brendl zu. Das sei aber noch lange kein Grund, sich ein neues, dichtes Zelt zu kaufen. „Haust eine Dose Imprägnierspray drauf, das langt“, meint sie. „Easy!“

Ein Auto hat sie zwar, das teilt sie sich mit einem ihrer drei Söhne, nach Möglichkeit lege sie aber die etwas weiteren Strecken (auch bis nach München) mit dem Rad und alles andere zu Fuß zurück. Die sieben Kilometer zur Arbeit beispielsweise fahre sie meistens mit dem Rad, Sommer wie Winter. Gelegentlich sei sie die Strecke im Winter aber auch schon gegangen. Und abends dann natürlich wieder zurück. „Ich komm ja nicht mehr auf meine Kilometer ohne Bedienen“, sagt die Fitnesstrainerin, die vor Corona auch als Messe- und Biergartenbedienung gearbeitet hat, und lässt wieder ihr ansteckendes Lachen hören.

Minimalismus leben: Wenn Erika Brendl in die Berge will, fährt sie mit dem Rad

Die 51-Jährige geht gerne Wandern. Die Notwendigkeit, dafür jedes Mal mit dem Auto in die Berge zu fahren, sehe sie aber mittlerweile nicht mehr. „Das ist jedes Mal ein Haufen Geld für Sprit. Und dann fährst du da rüber wegen zwei Stund Wandern.“ Sie schüttelt den Kopf. „Wo ist der Sinn?“ Wenn es sie wirklich in die Berge zieht, fährt sie mit dem Rad. Ansonsten gibt es auch vor der eigenen Haustür ausreichend Möglichkeiten, sich zu bewegen.

Und auch an anderer Stelle bemüht sie sich um Nachhaltigkeit: Zurück im Schneidersitz auf der Holzbank erklärt die 51-Jährige, bei ihren Spaziergängen habe sie sich vorgenommen, immer drei Stück Müll zu sammeln. „Drei Teile findet man immer“, sagt sie. Auch bei ihrem Fußmarsch in die Arbeit habe sie Tüten für den Müll dabei, innerhalb einer Woche habe sie so schon mal Flaschen für insgesamt zehn Euro Pfand gesammelt.

Upcycling ist Erika Brendl wichtig: Schon seit Jahren verschenkt sie vor allem Selbstgemachtes

Außerdem beschäftige sie sich mit Upcycling, also der Umwandlung von Abfall oder Nutzlosem in neuwertige Produkte. Sie zeigt auf zwei bunte Hocker mit roten Sitzkissen, die sie vor dem Haus zwischen Tür und Bank aufgestellt hat. Die habe sie selbst gebaut. Eine Zeit lang habe sie sie auch verkauft, aber der Laden, in dem die Sitzmöbel gehandelt wurden, ist nach München umgezogen.

„Die wollten wissen, ob ich noch weitermachen will, das wären aber Einzelanfertigungen gewesen“, erzählt Brendl. „Aber ich lass mir doch nicht vorschreiben, was ich machen muss.“ Sie lacht. Dann nimmt sie eine Tasche von einem der beiden selbst gebauten Hocker. Den Stoff habe sie vom Spielwarengeschäft in Glonn bekommen, das seien Werbebanner aus dem Laden gewesen. Brendl hat daraus eine große Umhängetasche gemacht.

Sie erklärt, schon seit Jahren vor allem Selbstgemachtes zu verschenken – wie eben diese Tasche. Einen ganzen Schwung davon habe sie während des Lockdowns als Weihnachtsgeschenke genäht.

Nachhaltig Leben: Ab und zu mal ein Stück Fleisch

Zum Thema nachhaltig leben gehört auch die Ernährung. Und das Brendl’sche Muster zieht sich durch: Nicht verzichten, sondern beschränken auf das, was man wirklich benötigt. So ernähre sie sich größtenteils vegan/vegetarisch. Das Luxusstück Fleisch gönne sie sich aber hin und wieder, wenn sie wirklich Lust darauf habe. Genau so halte sie es auch beim Urlaub. Das Leben möglichst nachhaltig gestalten, „dafür leiste ich mir aber zwischendurch auch mal einen Flug.“ Ganz verzichten muss man nicht. „Ich kann so viel im Alltag sparen“, erklärt Erika Brendl. Strom sparen, kein Plastik kaufen, keine Alufolie verwenden.

„Ich habe alles, was ich nicht brauche, von Klamotten über Ski und Inliner verkauft“, blickt die 51-Jährige zurück. „Wenn ich umziehen würde, würde mein ganzes Zeug passen in ... in einen Kombi“, schmunzelt sie. Was sie vielleicht doch noch mal brauche, könne sie sich auch einfach ausleihen. „Minimalismus“, sagt Brendl schließlich. „So könnt man das zusammenfassen.“ Und das beschreibt ihren Lebensstil perfekt.

Von Helena Grillenberger

Zum Themenkomplex Energiewende im Kleinen finden Sie hier einen weiteren Artikel. Oder: Lukas Höger betreibt in Ingelsberg eine Mikrofarm. Noch mehr aus der Region Ebersberg lesen Sie hier. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Ebersberg-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare