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Der letzte Ziffernjongleur

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Von: Josef Ametsbichler

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Ebersbergs letzte analoge Preistafel wird mit neuen Preisen versehen.
Per Stapler hievt der Tankstellen-Chef seinen Mechaniker Bernhard Weilhammer hoch zur Preis-Anzeige, damit er die Ziffern austauschen kann. Im Hintergrund Antholing.  © Stefan Rossmann

An der Tankstelle in Antholing steht die einzige analoge Spritpreis-Tafel im Landkreis

Antholing – Der Gabelstapler röhrt ein bisschen lauter, als es sein müsste, als er Bernhard Weilhammer in die Höhe stemmt. Der Mechaniker plus die Gitterbox, in der der 42-Jährige einen sicheren Stand hat, sind so schwer nicht. Von der improvisierten Kanzel aus kann Weilhammer bequem die mehr als kopfgroßen, schwarzen Ziffern erreichen, die an der Tankstelle Eierstock in Antholing (Gemeinde Baiern) die Spritpreise ausweisen. Es ist die letzte analoge Tankstellen-Preissäule im Landkreis Ebersberg – und wenn der Ölkurs fällt oder steigt, müssen der Tankstellen-Chef und sein Mechaniker zwar nicht mehr mit der Leiter, aber mit dem Stapler ran.

An dessen Steuer sitzt Michael Eierstock, Betreiber der gleichnamigen Autowerkstatt und Tankstelle und linst unterm Fahrerkabinen-Dach heraus zum wolkenverhangenen Himmel. Für den Moment hat es aufgehört zu regnen. „Wenn es richtig pritscht, dann hat der Kunde einen Vorteil“, sagt der 48-Jährige schmunzelnd. „Dann fahren wir da nicht rauf.“

Meistens günstiger als die Tankstellen-Ketten

Mit Blick auf die Kapriolen an den internationalen Rohstoff-Märkten möchte man meinen, dass der Stapler momentan alle paar Stunden über den Hof der kleinen Tankstelle rattert. Weit gefehlt. „Nur, wenn der Tankzug kommt“, sagt Eierstock. „Wir bescheißen keinen.“ Will heißen: Alle vier, fünf Tage fährt bei ihm ein 34 000-Liter-Lkw auf den Hof. Der Einkaufspreis in dem Moment plus Eierstocks Gewinnmarge diktiert den Preis an der Zapfsäule bis zur nächsten Lieferung. Im Berufsverkehr oder zum Wochenende die Preise hochdrehen, bis zu acht Mal am Tag, wie die Großen? „Das machen wir hier nicht“, sagt der Tankstellen-Chef. „Das haben wir hier noch nie gemacht.“

Michael Eierstock vor seiner Tankstelle.
Ein Mann und seine Tankstelle – mitten im Grünen: Michael Eierstock (48) steht an den Zapfsäulen vor seiner Werkstatt in Antholing (Gemeinde Baiern), wo er 24 Stunden am Tag Super, Diesel und eine Premium-Dieselmarke ausschenkt. Mehr als die drei Sorten sucht man bei ihm vergeblich. „Das reicht“, sagt der Chef. © Stefan Rossmann

Wegen seiner Geschäftspolitik, immer die vorhandene Lieferung zu verkaufen, sei ihm vor dem 1. Juni für zwei Tage das Super ausgegangen. Lieber so, als dass er den teuren Sprit nach Inkrafttreten des Tankrabatts nicht mehr losbekommen hätte. Meistens, so Eierstock, sei er günstiger als die „Farben“, so nennt er die großen Tankstellen-Ketten im Branchen-Sprech. Manchmal sei er ein paar Tage lang auch ein paar Cent teurer. „Die Leute kommen trotzdem zu mir“, sagt der Tankstellen-Betreiber.

Analoge Tafel - Digitale Zahlung

Das liege an der Qualität seines Sprits – und, das klingt vielleicht jetzt kurios, an seiner modernen Ausstattung: Vergangenheit und Zukunft liegen bei der Tankstelle Eierstock keine 20 Meter auseinander. Unterhalb der analogen Anzeigetafel, an der Zapfsäule hat der Chef seit Jahren schon auf Automaten-Zahlung umgestellt. Die Kunden tanken rund um die Uhr mit Bargeld, EC- und Kreditkarte.

Die Preise dort steuert er über den Computer im Büro – der sie gleichzeitig an die Markttransparenzstelle des Kraftfahrtbundesamtes übermittelt. So will es das Gesetz. Von dort wiederum haben diverse Online-Vergleichsportale fast in Echtzeit Zugriff auf die Zahlen. Wer am Smartphone Spritpreise sucht, sieht also sofort, was auf Eierstocks altmodischer Anzeigetafel steht.

Elektroautos bereiten Eierstock keine Sorgen

Von dieser mag er sich nicht so recht trennen. Weniger aus Nostalgie, als aus Kostengründen. 20 000 bis 30 000 Euro würde ihn eine Digital-Anzeige kosten. Momentan habe er schon genug zu tun mit den Wartungskosten, speziell für die unterirdischen Tanks, die 80 000 Liter fassen, und die Rohranlagen. „Am teuersten kommt das, was man nicht sieht“, sagt er über seinen Betrieb.

Der wirkt in Tagen, in denen ein EU-Parlament für ein Verbot des Verbrennungsmotors stimmt, fast ein bisschen aus der Zeit gefallen. In dem kleinen Shop verkauft Eierstock nicht wie andere Tankstellen Bier, Zigaretten und Wurstsemmeln, sondern lediglich Kühlmittel, Scheibenwischblätter, Ersatzbirnderl. In der Werkstatt steht ein alter Bulldog, den er herrichtet, zwischen haufenweise eingelagerten Winterreifen. Über Photovoltaik-Anlagen und Elektroautos sagt der Werkstatt-Betreiber trocken: „Davon halte ich nichts.“ Sollte das Verbrenner-Verbot 2035 wirklich kommen, „dann bin ich längst in Rente!“

Steuererleichterung „bringt eh nix“

Auch wenn Michael Eierstock sonst die Ruhe weg hat, was die Preisschwankungen beim Sprit angeht, so hat ihn die Ukraine-Krise doch alarmiert. „Die Vorleistung ist enorm geworden“, sagt er. Statt 40 000 Euro koste ihn ein voller Tankzug mittlerweile 67 000 Euro – für so einen kleinen Betrieb ein gewaltiger Umsatz alle paar Tage. Weniger Sprit verkaufe er angesichts steigender Preise übrigens nicht. Im Gegenteil: „Viel mehr!“ – aus der ganzen Region kämen die Kunden zu ihm angefahren. Teurer wird das Tanken aber auch in Antholing, den Preisforderungen der Konzerne komme er nicht aus. Vor der Einführung des Tankrabatts und auch danach schaut er den Einkaufspreisen beim Klettern zu. Über die Steuererleichterung sagt er nur einen Satz: „Das bringt nix!“

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