Regina Hofmann (24) träumt von einem eigenen Bauernhof. Bis es soweit ist, arbeitet sie als Dorfhelferin (wie hier bei Ebersberg) und unterstützt andere.
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Regina Hofmann (24) träumt von einem eigenen Bauernhof. Bis es soweit ist, arbeitet sie als Dorfhelferin (wie hier bei Ebersberg) und unterstützt andere.

Eine Dorfhelferin berichtet von ihrer ungewöhnlichen Arbeit – „Jeder Tag ist anders“

Diese Frau ist Bäuerin von 100 Höfen

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
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Regina Hofmann aus Baiern arbeitet heute hier, morgen dort. Die 24-jährige Frau ist Dorfhelferin. Sie springt ein, wenn‘s auf einem Hof „brennt“.

Baiern/Ebersberg – Regina Hofmann geht in die Küche eines 80-Kühe-Bauernhofs in einem Weiler bei Ebersberg. Die 24-Jährige macht sich Kaffee, holt Besteck aus der Schublade und isst ein Stück Apfelkuchen. Die Stärkung braucht sie, gleich geht sie raus zur Stallarbeit. Hofmann kennt die Kühe, sie weiß die Tiere zu melken. Die zupackende Frau wirft Heu von einem Speicher und füttert die Rinder damit. Alles reine Routine. Sie grüßt den alten Bauern, er fegt mit krummen Rücken Heu vom Boden. Hofmann weiß genau, dass man ihn trotz seines fortgeschrittenen Alters sowieso nicht vom Arbeiten abhalten kann. Keine Spur von Unsicherheit, dabei gehört sie gar nicht zum Hof. Regina Hofmann ist Dorfhelferin. Die Aushilfe aus Baiern arbeitet für zehn Wochen auf dem Hof.

Die Bäuerin, die Hofmann vertritt, war nach dem Melken auf einem dünnen Schlauch ausgerutscht, Beinbruch. Später ist ihr Mann auch noch von der Leiter gefallen, Fersenbeinbruch. Die Arbeiten im Stall und Haushalt können die Landwirte nicht erledigen. Für ihre Kinder und Eltern alleine sind es zu viele Aufgaben. Was tun? Regina Hofmann hilft aus.

Dorfhelferin: Einsatz in Krisen und Notsituationen

Wenn Landwirte sterben, überlastet sind, krank oder schwanger werden, übernimmt die Aushilfe deren Aufgaben. Kühe in den Melkstand treiben, Kälber füttern, für die Familie kochen, das Wohnhaus putzen. Auch pflegerische und pädagogische Aufgaben erledigt die Fachkraft. In Krisen und Notsituationen. Ihr Einsatzgebiet: die Landkreise Ebersberg und Rosenheim.

Dorfhelferinnen sind ausgebildete Hauswirtschafterinnen

Arbeitsunfähige Bauern wenden sich an den Maschinenring, eine landwirtschaftliche Vereinigung. Sie vermittelt die Aushilfskräfte. Einsätze dauern drei Tage bis zu mehreren Monaten. Bei einem Todesfall gibt es ein Budget für zwölf Monate. Bezahlt werden Dorf- und Betriebshelfer über die landwirtschaftliche Sozialversicherung. Betriebshelfer haben eine bäuerliche Ausbildung hinter sich, Dorfhelferinnen sind ausgebildete Hauswirtschafterinnen, mit Schwerpunkt Landwirtschaft.

100 Arbeitseinsätze werden pro Jahr vermittelt

100 Arbeitseinsätze bei landwirtschaftlichen Betrieben vermittelt der Maschinenring Ebersberg im Jahr, sagt der Geschäftsführer Josef Winkler. 25 Einsätze gibt es im gleichen Zeitraum bei privaten Haushalten. Auch sie haben Anspruch auf eine Dorfhelferin, etwa, wenn eine Mutter von kleinen Kindern erkrankt.

Insgesamt 25 Frauen und Männer zählt der hiesige Maschinenring, sie arbeiten als Betriebshelfer und Dorfhelferinnen. Einige der Arbeitskräfte sind selbstständig, andere angestellt oder nebenberuflich tätig. Die Aushilfen können die Anfragen an den Maschinenring bei Weitem nicht decken, sagt Winkler.

Dorfhelferin sagt: „Es ist mein Traumberuf“

Das bestätigt Hofmann, die als Selbstständige arbeitet: „Während Corona war wenig los, jetzt läuft’s aber ohne Ende.“ Seit vier Jahren ist sie Dorfhelferin. „Es ist mein Traumberuf.“ Bei rund 100 Betrieben hat sie schon gearbeitet. Sie hat viele Erfahrungen gemacht: Bauernhöfe, so verdreckt, dass die 24-Jährige keinen Unterschied zwischen Wohnhaus und Stall gesehen hat. Betriebe, bei denen sie ganz alleine fremde Kühe melken musste. Hofmann hat werdende Mütter begleitet und tragische Todesfälle erlebt. Es sei ein vielfältiger Job, so Hofmann. Er verläuft auch an der sozialen Belastungsgrenze.

Die Dorfhelferin steht oft morgens um 5 Uhr auf, um nach einem 14-Stunden-Arbeitstag zurück nach Hause zu kommen. Sie klappert bis zu vier Betriebe am Tag ab: morgens Kühe melken, danach Badezimmer putzen, am Nachmittag Essen kochen und später wieder melken. Eine Magd im 21. Jahrhundert.

„Man kommt ganz tief in die Familien rein“, sagt Hofmann. Sie kennt deren Geschichten und Geheimnisse. Oft bilden sich auch Freundschaften. Ihr Traum: ein eigener Hof. Dorfhelferinnen passiere es oft, dass sie in einen der Bauernhöfe einheiraten, sagt Hofmann. Aus ihrem Jahrgang in der Dorfhelferinnen-Schule (nur zwölf Frauen) arbeiten noch fünf Frauen in dem Beruf. Viele der anderen haben jetzt einen eigenen Hof. Bis ihr Traum wahr wird, hilft die Dorfhelferin in Not geratene Landwirte. Hofmann weiß, wo auf dem Ebersberger Hof der Kaffee steht und dass sie den alten Bauern arbeiten lassen muss. Es ist, als ob es ihr eigener Hof wäre. Zumindest für ein paar Stunden am Tag.

Mitarbeit: Raffael Scherer

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