Schreinermeister Franz Xaver Riedl an seinem Arbeitsplatz mit Blick auf eine traumhafte Landschaft.
+
Schreinermeister Franz Xaver Riedl an seinem Arbeitsplatz mit Blick auf eine traumhafte Landschaft.

Hausbesuch - In Jakobsbaiern arbeitet Franz Xaver Riedl bei Postkarten-Bergblick

Wie soll man bei dieser Aussicht arbeiten? Schreinerei am Traumfleck

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
    schließen

Wie soll man hier arbeiten? Eigentlich müsste man den ganzen Tag aus dem Fenster schauen, so schön ist die Aussicht. Zu Besuch in einer Schreinerei mit Traumblick.

Jakobsbaiern – Franz Xaver Riedl, Schreinermeister, steht, die Hände in den Jackentaschen vergraben, vor seiner Schreinerei und schaut kilometerweit ins Blaue. Der Wind zaust durch sein Haar. Unter ihm, im Tal, rollen sich grüne Wiesen, braune Äcker und herbstliche Wäldchen zu einem bunten Flickenteppich aus. Hinter dem Kirchlein von Großhöhenrain auf dem nächsten Hügel ragt, als stünde sie direkt dahinter, die Alpenkette auf. Riedl schnauft durch. „Wer so eine schöne Aussicht hat, der baut auch schöne Möbel“, sagt der 48-Jährige. Das hat einmal eine Kundin zu ihm gesagt. Der Spruch blieb hängen.

Sägen, hobeln, leimen im Postkartenidyll

Wo er schreinert, neben dem einsamen Kirchturm von Jakobsbaiern in der Gemeinde Baiern, könnte genauso gut ein Panoramahotel stehen. Stattdessen haben Riedl, der Seniorschreiner Sepp Eglseder, der Geselle Christian Hellmair und der Lehrling Jakob Litsch den Wahnsinnsblick für sich. Das Quartett sägt, hobelt und leimt in einem Postkartenidyll.

Franz Xaver Riedl hat die feuchte Novemberkälte an diesem Tag draußen gelassen und ist in die Schreinerei geschlendert, wo die Hackschnitzelheizung für Wärme sorgt. Heizmaterial fällt genug an. Durch die Fenster strahlt die Sonne. Ihr Licht flutet die ganze Werkstatt. Über die Hobelbänke an den Südfenstern hinweg fällt es auf die Holzbretter, die an der Wand lehnen, die Breitbandschleifmaschine, den Verleimständer. Es sind nicht viele Maschinen, die in derWerkstatt Platz haben. „Aber die Grundausstattung“, sagt Riedl.

Karibik-Flair in Jakobsbaiern

Holzstaub wabert als dünner, gelblicher Nebel durch die sonnengetränkte Luft. Aus dem Radio auf dem Regal singt Rupert Holmes „If you like Piña Colada“ – ein bisserl Karibik-Flair in Jakobsbaiern, von dem sich offenbar auch die Bikini-Badenixen anstecken haben lassen, die sich auf den Kalenderblättern eines Werkzeugherstellers an der Wand räkeln.

Riedl hat gerade keinen Blick für sie. Er fährt mit den Fingerkuppen über metallene Schubladengriffe und Platten aus massiver Wildeiche. Gerade arbeitet er an einer Garderobeneinrichtung. Schrank, Sitzfläche und Schubladen. Maßanfertigung, das ist sein Geschäft, ganz gleich, ob es Küchen, Eckbänke oder Wandverkleidungen sind. Daneben steht sein Werkstattkollege, Sepp Eglseder (63) und nickt anerkennend. „Nur so kannst du mit den Großen mithalten“, sagt er. Der Seniorschreiner hat die Werkstatt an seinen jüngeren Kollegen verpachtet, arbeitet selber aber auch noch darin. „Kleinere Sachen“, sagt er und lacht. „Damit ich nicht so im Weg umgehe.“

Traumkulisse führt zu kuriösen Geschäften

Die Maßschreinerei vor Traumkulisse hat schon zu kuriosen Geschäften geführt, erzählt Schreinermeister Riedl. Einmal habe ihn eine Kundin aus Mainz (Rheinland-Pfalz) angerufen, sie wünsche sich unbedingt eine Massivholzküche aus Bayern, Jakobsbaiern, genauer gesagt. Zunächst habe er dankend abgelehnt, Das Rheinland war ihm zu weit. Ein paar Tage später ein erneuter Anruf: Die Frau hatte ein Hotelzimmer in München gebucht, ließ nicht locker und bekam schließlich ihre Küche. „Die hat sich in die Gegend verliebt“, sagt Riedl. „Das war gewaltig.“

Das geht nicht nur Mainzer Küchenfans so. Rund um die Schreinerei herrscht, besonders am Wochenende, ein reger Auftrieb an Wanderern, Spaziergängern, Picknickern. „Da geht es zu wie am Tegernsee“, sagt Riedl. Der sensationelle Blick, dazu das Ensemble mit Kirchturm und den umliegenden Bauernhöfen ist Oberbayern-Idyll an der Grenze zur Überdosis.

Kaum mehr Platz am Brotzeitbankerl

Auf ihrem Brotzeitbankerl an der Südseite der Schreinerei haben die Schreiner kaum mehr Platz zum Brotzeitmachen: Bis zu zehn „Tischwechsel“ pro Tag beobachten die Handwerker von drinnen. „Wir schauen schon mal durchs Fenster auf den Teller“, sagt der Schreiner und schmunzelt. Dass die Bankbesetzer schon gar nicht mehr fragen, ob sie sich hinhocken dürfen – damit haben sie sich abgefunden. Viele Aussichtswütige kommen aus München. Riedl vermutet, dass sein Brotzeitbankerl irgendwie als Geheimtipp in einem Online-Reiseführer gelandet ist. Und mit öffentlichen Geheimtipps ist es halt so eine Sache.

Irgendwie haben die vier Handwerker auch Verständnis, dass die Leute zu ihnen in den Bairer Winkl pilgern. „Wenn bei Föhn die Berge direkt dastehen, das ist was ganz Besonderes“, sagt Christian Hellmaier (45), der Geselle, der seit 21 Jahren in Jakobsbaiern stemmt, schleift und schraubt. Von der Hobelbank aus schaut er dabei auf den Wendelstein. Und an Novembertagen wie diesen wogt unter ihm im Tal manchmal ein Nebelmeer, dass er sich vorkommt wie über den Wolken. Wer im Paradies arbeitet, braucht nicht weiterzuziehen.

Wenn die Schreiner doch einmal ein Platzerl auf ihrem Brotzeitbankerl für eine Feierabendhalbe ergattern, wird ihnen der Ausblick nicht fad. Der Schattenwurf, das Abendrot, die Wolken, das Laub und die Berge: „Jeder Tag ist anders“, sagt Riedl. Er wohnt nur ein paar Meter weiter, ist seit genau 20 Jahren Pächter der Werkstatt – und bekommt trotzdem nicht genug von seiner täglichen vollen Dröhnung Bilderbuch-Oberbayern.

Unser Hausbesuch bei Grafings Ex-Bürgermeister Rudolf Heiler

Unser Hausbesuch bei Alt-Landrat Gottlieb Fauth

Mitarbeit: Raffael Scherer

Auch interessant

Kommentare