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Hier geht's hinein ins "Faltydorf". Harold Faltermeyer lebt auf 6,5 Hektar Graund mit Tonstudio, Tennisplatz, Brauerei und Metzgerei. 

So lebt Harold Faltermeyer /63) in  Baldham

Zu Besuch bei einer Musiklegende

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Baldham – Harold Faltermeyer ist eine lebende Musiklegende. Der 63-Jährige weiß trotz des Ruhms seit den 1980er Jahren, wo er hingehört. Wir waren auf Hausbesuch in Baldham und „Faltydorf“.

Ein paar Wochen ist es nun her, dass Hollywoodstar Leonardo DiCaprio endlich seinen ersten Oscar in Händen halten durfte. Als der 41-jährige Amerikaner unter tosendem Applaus ans Mikro tritt, tut er etwas, was Hunderte Schauspieler vor ihm getan haben: Er bedankt sich zuallererst bei der Oscar-Jury. „I wanna thank the academy“, flüstert er sichtlich bewegt. Zeitgleich sitzt im 9500 Kilometer entfernten Baldham Komponist Harold Faltermeyer vor seinem Fernseher und schmunzelt. Denn auch er ist mit diesen Worten gemeint. Ja, der Bayer ist seit 1987 Oscar-Jury-Mitglied, darf mitbestimmen, wer die goldene Statue sein Eigen nennen darf. Eine Ehre, die nur wahren Stars gebührt.

Und genau das ist Harold Faltermeyer. Heute noch. Wer im fernen Hollywood nach großen Musikern aus „Germany“ fragt, wird immer die gleichen Namen zu hören bekommen: die Scorpions, Faltermeyer – vielleicht noch Rammstein. Das war’s. Immerhin ist der 63-Jährige der einzige Pop-Künstler aus Bayern, der je einen Grammy gewann – für seinen Titelsong zum Film-Klassiker Top Gun. Eine Oscar-Nominierung folgte. „Deswegen bin ich auch in diese ganzen Jurys aufgenommen worden“, erzählt der dreifache Vater grinsend. „Was natürlich eine Menge Spaß macht.“

Aber trotz all des Ruhms hat sich der Bayer nie selbst verraten, ist immer am Boden geblieben. „Meine Heimat war immer hier“, erzählt der Musiker. Mit hier meint er sein Anwesen in Baldham. Ein richtiges Paradies hat er sich dort aufgebaut – auf 6,5 Hektar Grund. Faltydorf hat er es getauft. Da gibt es einen eigenen Tennisplatz, eine eigene kleine Brauerei, eine eigene Metzgerei. Ja, kein Witz – sogar seine Würste macht der Profi-Musiker selbst. „Dann weiß ich wenigstens, was drin ist.“ Und das ist nicht alles: Auch ein Sägewerk mit Schreinerei steht auf dem Gelände. „Ich werkel halt gerne so rum.“ Gäbe es eine Apokalypse auf der Erde – in Faltydorf könnte man sie problemlos überleben. Aber der Musiker lässt es gerne auch mal ruhiger angehen: Zum Entspannen geht’s zum Angeln an die Mangfall. Fliegenfischen – stundenlang. „Ich bin einfach ein Naturbursche. Ich brauche all das“, sagt der Bayer fast verteidigend.

Und wann wird eigentlich komponiert? „In den Morgenstunden. Ich bin Frühaufsteher, krabbel so um 5 Uhr aus dem Bett und schleiche in mein Studio im Keller. Da wird dann gearbeitet.“

Ein Frühaufsteher! Nein, Faltermeyer war wahrlich nie der typische Musikstar, das wild gewordene Klischee: Damals als sein Song Axel F. Platz 3 der amerikanischen Top-Ten belegt, da schnupft sich Falty nicht mit Kokain voll oder schmeißt in teuren Hotels Fernseher aus den Fenstern. Im Gegenteil: Er steht für Disziplin. Deutsch eben. „Ich war damals kein Engel, aber wenn wir im Studio zu arbeiten hatten, war ich um 10 Uhr da – egal, wie wild die Nacht vorher war.“

So kommt es manchmal zu bizarren Situationen: Als er beispielsweise Mitte der 1980er die Keyboard-Aufnahmen zum legendären Billy-Idol-Album Whiplash Smile beisteuert, ist der wilde Sänger mit der Punk-Frisur urplötzlich verschwunden. Drei Tage suchen alle nach Billy, grasen die ganze Stadt ab – ohne Erfolg. „Bis er plötzlich völlig verkatert vor der Studio-Tür stand.“ Man macht den Rocker wieder fit – Harolds Keyboard-Parts sind natürlich längst fertig. „Während die anderen gesucht haben, habe ich einfach die Zeit genutzt.“

Faltermeyer prägt damals den Sound der 1980er. Seine Synthesizer-Teppiche mit den kurzen Ohrwurm-Melodien inspirieren die ganze Szene, zig Künstler kupfern von ihm ab. Von den Machern der Serie Miami Vice bis zu den Pet Shop Boys, die ihn Anfang der 90er dann selbst für ein Album engagieren. Egal ob Pop, Rock, Soul oder auch ein Hauch Jazz: Faltermeyer kann alles. Er ist ein musikalischer Wolpertinger.

Dieses Verschmelzen von Sounds – das war halt alles ganz neu, was wir damals gemacht haben“, erzählt der Baldhamer. „Und wenn man ehrlich ist: Viel hat sich seitdem in der Popmusik nicht mehr getan. Wenn man sich zum Beispiel Rihanna oder den Justin Bieber anhört, ist das die gleiche Musik wie unser Zeug aus den 80er-Jahren.“ Während er das sagt, blickt der Beatles-Liebhaber kurz aus dem Fenster und fügt an: „Heute gibt es keine Vielfalt mehr, keine musikalischen Helden. Nenne mir einen Künstler aus den letzten 20 Jahren, der auch in 20 Jahren noch eine Rolle spielen wird?“ Zweifelsohne eine schwierige Aufgabe.

Faltermeyer jedenfalls sucht heute noch nach diesen Melodien, die nie mehr aus dem Kopf gehen wollen. Jeden Tag, immer wieder. Vor Kurzem komponierte er mit dem Rockgitarristen Steve Stevens eine Hymne für die Fliegerstaffel von Red Bull. Ein großartiges Stück. Episch, kraftvoll, neun Minuten Power. Und ein Musical hat er auch gerade fertiggestellt, das im Sommer in Los Angeles uraufgeführt wird. „Deswegen fliege ich zurzeit immer wieder dort hin. Ich habe es gern, wenn was los ist im Leben.“

Nein – nur Rumsitzen ist nicht das Ding des Musikers. Sogar wenn der leidenschaftliche Koch Freunde empfängt, gibt er Gas. Dann bekocht er alle. Dafür hat er sich extra eine Art Gastro-Hütte in seinem Faltydorf eingerichtet – mit riesigem Profi-Herd und langem Holztisch. An der Wand hängen Hirschgeweihe – daneben alte Fotos. Im Eck steht ein Schatullen-Schrank mit edlen Zigarren. Und draußen vor der Tür türmt sich ein riesiger, selbst gemauerter Grill auf. „Ich bin ein Genussmensch. Die schönen Dinge im Leben sind mir einfach sehr wichtig.“ Für einen Künstler ist das sicherlich nicht die schlechteste Eigenschaft.

Natürlich ist Harold Faltermeyer heute mit seinen 63 Jahren auch ein bisserl ruhiger geworden. Manchmal geht er einfach nur in seinem Wald hinter seinem Haus spazieren. Ob er manchmal mit Wehmut an die wilden 80er und seinen großen Ruhm zurückdenkt? „Nicht wirklich. Eher mit Amusement“, stellt der Komponist fest. „Es waren tolle Zeiten, und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, fügt er bescheiden an. Faltermeyer ist kein Aufschneider. Auch das unterscheidet ihn von so mancher Berühmtheit. „Man braucht halt auch Glück im Leben.“ Wie viel, zeigt eine Anekdote über den berühmten Filmproduzenten Jerry Bruckheimer. Der produzierte damals den Film Beverly Hills Cop und wollte schnellstmöglich das Titellied hören. Als Harold ihm Axel F. vorspielt – ein Thema nur mit Synthesizern, ganz ohne Orchester und das für einen Comedy-Film – da schüttelt Bruckheimer immer wieder den Kopf. „Nein, das passt nicht. Nein.“

Noch heute muss Faltermeyer beim Erzählen schmunzeln. Zum Glück bestand der Regisseur des Films darauf, das Lied zu behalten. „Sonst hätte es den Song, der meine musikalische Visitenkarte geworden ist, nie gegeben.“ Bei diesen Worten blickt er wieder kurz aus dem Fenster – auf sein Faltydorf: „Ja, irgendwie bin ich ein Glückskind. Schon immer."

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