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Haben alte Geschichten lebendig gemacht: Georg Kirner (links im Bild) und Hias Krinner beim Vortrag in Vaterstetten mit den Bildern von Girgl Jennerwein (links) und Josef Pföderl (rechts). Foto: jro

Semesterauftakt bei der Volkshochschule Vaterstetten

Jennerwein: Leben und Sterben eines Volkshelden

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Er erzählt, als wäre er dabei gewesen. Zum Start des Semesters der Volkshochschule Vaterstetten mit dem Thema „Wir feiern Bayern“ berichtet der Baldhamer Weltenbummler Schorsch Kirner (82) über den Wildschütz Georg Jennerwein.

Vaterstetten –  Kirner nimmt dabei in Anspruch, erfahren zu haben, „wie es wirklich war“, das Leben und das Sterben des „Volkshelden“. Dabei ist manches auch Familiengeschichte Kirners. Denn er bezieht sich unter anderem auf Informationen von seiner Großmutter, seines Großvaters und seiner Taufpatin. Und wie der Weltenbummler gerne erzählt, wurden er und Jennerwein im gleichen Ort geboren, in Haid, einem Ortsteil von Holzkirchen.

Girgl Jennerwein starb am 6. November 1877, erschossen im Alter von 29 Jahren vom Jagdgehilfen Josef Pföderl. Die Leiche wurde laut Kirner erst acht Tage später gefunden. Die beiden kannten sich, waren sogar Kameraden im Krieg 1870/71 gegen Frankreich. Eigentlich hatten sie, aus dem Krieg heimgekehrt, an der Wallfahrtskirche in Birkenstein geschworen, nie wieder zu schießen. Aber es kam anders.

Girgl Jennerwein war einer Rauferei nicht abgeneigt, spielte Zither, sang Gstanzl, konnte Schuhplattln, war ein lustiger Geselle. Er wilderte, hatte an verschieden Stellen seine Gewehre versteckt. Und er war hinter den Mädchen her. Das Drama um Hass und Eifersucht begann, als Jennerwein dem Pföderl die Freundin ausspannte, das Agerl. Das war 1876. Die junge Frau wurde schwanger, davon wusste der Kindvater aber nichts. Auch hatte er wohl bereits mit der Bedienung Reserl ein Kind.

Zur Leonhardifahrt am 6. November 1877 hatte sich Jennerwein mit seiner neuen Freundin Marerl verabredet. Die kam auch samt Kutsche und Pferd zum Treffpunkt. Doch Jennerwein erschien nicht. Stattdessen traf das Marerl die ehemalige Freundin des Wildschützen, das Reserl. Es kam zum Streit zwischen den Frauen. Das Reserl wusste schon, dass Jennerwein nicht kommen würde, denn sie hatte ihn gesehen, wie er heimlich ein verstecktes Gewehr geholt hatte und bergauf verschwand. Auf dem Weg nach Schliersee begegnete das Reserl Josef Pföderl, der inzwischen Jagdgehilfe mit Uniform war und damit ein natürlicher Feind der Wildschützen. Die Frau verriet, wohin Jennerwein unterwegs war, wohl in der Hoffnung, das der Wildschütz bestraft würde. Das bereute sie später. „Nichts im Leben ist Zufall, alles ist Bestimmung“, meint Georg Kirner zu den seltsamen Begegnungen.

Pföderl machte sich auf die Suche nach Girgl Jennerwein, fand ihn am Berg, schoss ihn in den Rücken, ließ ihn liegen und verschwand. Doch Jennerwein war nicht tot. Pföderl kehrte später zurück. Girgl Jennerwein verfluchte ihn. „Pföderl, da Deife soll di hol’n.“ Der Jagdgehilfe feuerte zwei Schüsse auf das Gesicht des Wildschützen ab, zog ihm Schuh und Strumpf aus und klemmte die Zehe an den Abzug seines Gewehrs, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Das jedenfalls soll Pföderl seinem Kollegen, dem Jäger Simon Lechenauer erzählt haben. Der hatte übrigens die Schüsse gehört. Und so erzählte es Kirners Großvater Hans Seidl seinem Enkel weiter. Seidl arbeitete als Holzknecht im selben Forstamt wie auch der Jäger Lechenauer.

Schon in früher Jugend hatte Georg Kirner von seiner Großmutter Kathie Reis, Sennerin auf einer Alm im Spitzinggebiet, Geschichten vom Wildschütz Jennerwein gehört. Auch Jäger, Holzknechte und Schmuggler hatten einiges zu berichten. „Leider aber in sehr unterschiedlichen Versionen“, wie Kirner heute sagt. Und Kirner erzählt noch eine andere Geschichte. Von seiner Taufpatin Anni Jennerwein, geboren 1899, habe er einen vergilbten Zettel erhalten, auf dem ein alter Heustadel im Leitzachtal eingezeichnet war. Auf dem Sims sollte etwas versteckt sein. „Dort fand ich dann auch etwas, das in einem alten Militärmantel eingewickelt war. Ein Gewehr.“ Es soll Girgl Jennerwein gehört haben. Seine Taufpatin soll sich sogar sicher gewesen sein, dass mit dieser Waffe Jennerwein getötet wurde. „Das Gewehr kommt jetzt in ein Museum“, kündigt Kirner an. Auch die Gerichtsakten über den Prozess gegen Josef Pföderl, die jahrelang unter Verschluss waren, hat Kirner gelesen. Der Jagdgehilfe kam glimpflich davon, wurde zu acht Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung wurde er als „Waldaufseher“ nach Valepp versetzt. Er verfiel immer mehr dem Alkohol, wie der Fischbacher Hobby-Historiker Hias Krinner nachgezeichnet hat. Pföderl starb 1889 nach kurzem Krankenhausaufenthalt in Tegernsee.

Untermalt wurde der Vortrag durch alte Fotos und Bilder zu den damaligen Vorkommnissen sowie durch Sepp Kloiber aus Lengries, der das Lied vom Jennerwein zur Gitarre vortrug: „Es war ein Schütz, in seinen schönsten Jahren, er wurde weggeputzt von dieser Erd.“

Broschüre

Georg Kirner hat seine Geschichte zu Girgl Jennerwein aufgeschrieben und in einer Broschüre zusammen mit Hias Krinners Recherchen zu Josef Pföderl veröffentlicht. Verkaufsstellen unter www.georgjennerwein.de.

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