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Kunstrasen löst Platz-Problem: „Die normalen Rasenplätze sind bei uns zu 100 Prozent überspielt“, sagt Fußball-Abteilungsleiter Helmut Lämmermeier. 

Platzgewinn auf Kosten der Umwelt

Durch Kunstrasen-Debatte im Abseits - Mikroplastik-Studie beschert Fußballverein Nachteil

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Die Diskussion um Kunstrasen-Plätze hat auch beim SC Baldham-Vaterstetten Spuren hinterlassen. Mit einem offenen Brief an die Politik hofft man auf Hilfe.

Baldham – Mitglieder drohen mit Austritt, Sponsoren gehen auf Distanz. Die Diskussion um Kunstrasen-Plätze hat bei den Vereinen Spuren hinterlassen. So auch beim SC Baldham-Vaterstetten, einem Verein mit 42 Fußball-Mannschaften. Mit einem offenen Brief an die Politik hofft der Verein jetzt auf Unterstützung.

Eigentlich sollte im Oktober der neue Kunstrasen-Platz des SC Baldham-Vaterstetten (Landkreis Ebersberg) mit einem großen Fest eingeweiht werden. Aber nach Feiern steht Fußball-Abteilungsleiter Helmut Lämmermeier, derzeit nicht der Sinn. „Wir betreiben Schadensbegrenzung“, sagt er.

Seit der Kunstrasen durch eine Studie des Fraunhofer-Instituts Oberhausen in den Ruf geriet, besonders umweltschädlich zu sein, steht auch Lämmermeier im Kreuzfeuer. Mitglieder haben mit Austritt gedroht, Sponsoren gehen auf Distanz. „Die Situation ist gerade nicht einfach“, sagt Lämmermeier.

Der SC Baldham-Vaterstetten hat ein Platzproblem

Das hatte sich der 52-Jährige anders vorgestellt. Als sich der Verein vor drei Jahren entschied, einen der Rasenplätze als Kunstrasenplatz umzubauen, dachte Lämmermeier, endlich eines der größten Probleme des Vereins gelöst zu haben: das Platz-Problem. 42 Mannschaften mussten sich bis dato einen Kunstrasen-Platz und fünf Rasenplätze teilen. „Das reicht hinten und vorne nicht“, sagt Lämmermeier.

Im Sommer seien die Rasenplätze, die eigentlich regelmäßige Regenerationspausen bräuchten, zu 100 Prozent überspielt. Noch größer sei die Not im Winter, wenn die Rasenplätze kaum bis gar nicht bespielt werden können. „Auf unserem Kunstrasen-Platz müssen vier Mannschaften gleichzeitig trainieren“, sagt Lämmermeier, „und trotzdem kommen nicht alle zum Zug.“ Einige Mannschaften könnten auf Turnhallen ausweichen, andere gar nicht regelmäßig trainieren.

Mikroplastik-Verbot lässt Traum vom neuen Fußballfeld platzen

„Wir haben in der Vergangenheit viel versucht, hier Abhilfe zu schaffen“, sagt Lämmermeier. Letztlich aber bekam der Verein von der Gemeinde keinen zusätzlichen Platz. Angesichts eines Quadratmeterpreises von 1000 Euro habe es sich der Verein nicht leisten können, selbst neuen Grund zu kaufen.

Einen der Rasenplätze in einen zweiten Kunstrasen-Platz umzubauen, war da noch die günstigere Variante. Kunstrasen deshalb, weil er auch im Winter bespielbar ist. Und weil er robuster ist als Naturrasen. Die Kosten liegen bei etwa 800 000 Euro. Ein Drittel fördern Gemeinde und Landessportverband, zwei Drittel muss der Verein selbst tragen. Der Plan war, sagt Lämmermeier, dass davon etwa 85 000 Euro von Sponsoren getragen werden, um den Verein zu entlasten. Die Mikroplastik-Diskussion hat diesen Plan, zumindest vorerst, zunichtegemacht. Kaum einer hat gespendet.

Vereins-Leiter sucht Unterstützung in der Politik

„Diese Situation betrifft nicht nur uns, sondern viele Vereine“, sagt Lämmermeier. Deshalb sucht er jetzt die Unterstützung der Politik. In einem offenen Brief an die EU-Politikerin Angelika Niebler (CSU) und den CSU-Generalsekretär Markus Blume warnt er vor der „aktuell existenzgefährdenden Situation von Fußballvereinen“ durch das angekündigte Verbot von Kunststoffgranulat für Kunstrasen-Plätze. „Ich hoffe“, sagt er, „dass die Politik dafür sorgt, dass endlich mit seriösen Fakten diskutiert wird.“

Auslöser der Debatte ist eine Studie des Fraunhofer-Instituts in Oberhausen. Laut dieser Studie zählen Verwehungen von Kunstrasen-Plätzen zu den größten Quellen für Mikroplastik in Deutschland. Meldungen über ein drohendes EU-Verbot des Kunststoffgranulats haben die Unruhe in den Vereinen verstärkt. Da half es auch nichts, dass das Bundesumweltministerium erklärte, dass zum jetzigen Zeitpunkt nicht feststehe, ob die EU-Kommission ein Verbot vorschlagen werde. „Plötzlich steht man als riesengroßer Umweltsünder da und weiß nicht, wie einem geschieht“, sagt Lämmermeier.

Mittlerweile hat das Fraunhofer-Institut seine Zahlen zu den Kunstrasen-Plätzen relativiert. Man sei von einem „Worst-Case-Szenario“ ausgegangen, um zu sensibilisieren, erklärte das Institut. Mit einer neuen Studie wolle man die Zahlen jetzt „konkreter quantifizieren“.

Wie viel Kunstrasen-Granulat in die Umwelt gelangt, lässt sich nicht pauschalisieren 

In ihrem Antwortschreiben an Lämmermeier sichert Angelika Niebler den Vereinen ihre Unterstützung zu. Sie fordert, dass zunächst fundierte Daten erhoben werden müssten. Erst dann ließe sich entscheiden, „welche Maßnahmen zielführend und verhältnismäßig sind“.

Unbestritten ist, dass ein gewisser Anteil des Granulats in die Umwelt gelangt. Das streitet auch Lämmermeier nicht ab. Wie groß dieser Anteil ist, hängt mitunter von der Bauweise des Platzes ab, und davon, ob der Verein in Austragschutz-Maßnahmen wie Umzäunungen oder Auffangboxen mit Abtretegittern an den Ausgängen investiert hat. Die Kosten hierfür schätzt Lämmermeier auf 10 000 Euro. „Wir werden versuchen, diese Maßnahmen bei uns umzusetzen“, sagt er. Bei der nächsten Sitzung steht dieser Punkt ganz oben auf der Agenda.

Der Verein dachte, mit dem Kunstrasen-Platz sein größtes Problem gelöst zu haben.

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Das geplante Verbot von Mikroplastik bedroht Kunstrasen tausender Fußballvereine. Doch es gibt auch umweltfreundliche Kunstrasen, einen solchen gönnt sich der SV Miesbach.

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