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Es ist eine ganz besondere Baustelle, mitten im Ebersberger Forst. Da wächst ein zerbrechlich wirkender Mast in den Himmel, an dem Arbeiter herumklettern.

Industriekletterer bauen Windmessmasten

Baustelle in 140 Metern Höhe

Purfing - Es ist eine ganz besondere Baustelle, mitten im Ebersberger Forst. Da wächst ein zerbrechlich wirkender Mast in den Himmel, an dem Arbeiter herumklettern. Dem normalen Beobachter wird schon vom Zuschauen schwindelig.

Langsam schwebt ein Metallgestänge an einem Seil in die Höhe, nahe an der glänzenden Gitterkonstruktion. 55 Meter misst der Mast bereits, 140 Meter sollen es werden. Bald wird die Konstruktion Instrumente für die Windmessung tragen. Die damit ermittelten Daten sind Grundlage für die Entscheidung, ob an dieser Stelle ein Windpark gebaut wird – oder nicht. Oben, am derzeit höchsten Punkt, warten angeschnallt Alex Kusch (34) und Jens Bednarek (38) neben einem ausgefahrenen Galgenbaum, um das mit einer Winde hochgezogene Gestänge in Position zu bringen und mit dem schon stehenden Teil des Mastes zu verschrauben. Wieder ist der Stahlgitterturm um ein Stück gewachsen. „Wenn es gut geht, schaffen wir zehn Elemente am Tag“, sagt Alexander Batsch (30), der zusammen mit André Heubaum (25) das Bodenteam bildet. Später werden sie wechseln, dann kommt das Turmteam nach unten, Batsch und Heubaum klettern hoch. „Wenn der Mast fertig ist, brauchen wir bis zur Spitze 25 Minuten, mit mehreren Pausen dazwischen.“ Es gehe auch viel schneller. „Manche schaffen den Aufstieg in elf Minuten“, erzählt Heubaum. „Aber langsamer ist sicherer.“

Die vier Männer, die alle aus den neuen Bundesländern stammen, sind „Industriekletterer“. Sie arbeiten an Häuserfassaden, an Türmen, auf Dächern, in Schächten. Und inzwischen immer mehr an Windkraftanlagen oder deren Vorstufen, den Masten für die Windmessung. „Das boomt total“, erzählt Batsch. Die Investoren wollten wissen, ob sich der Standort lohne. „Inzwischen bauen wir fast nur noch Masten mit 125 oder 140 Metern.“ Auch 200 Meter seien im Gespräch. „Aber da gibt es Probleme mit der Statik“, so Batsch.

Die Baustelle liegt etwas abseits einer Forststraße.DieZufahrt sieht aus, als wäre sie in den Wald gefräst. Am Eingang hängt ein rotweißes Absperrband und ein Hinweisschild. Zutritt verboten. Auf der kleinen gerodeten Lichtung wurde eine Grube für das Fundament ausgehoben. „Weil das hier Wasserschutzgebiet ist, musste der Bagger jeden Abend wieder raus fahren“, erzählt Batsch. Von der im Boden liegenden Platte ist fast nichts mehr zu sehen. Auf das Fundament kommen die dreieckigen Gitterelemente, jede Kante 120 Zentimeter lang, fast drei Meter hoch und rund 120 Kilogramm schwer. „Für den Job musst du schon fit sein“, erzählt Batsch, der seine Kondition durch regelmäßiges Joggen hält. Das Klettern ist ebenso anstrengend wie das Hantieren mit den schweren Bauteilen. „Und wenn etwas passiert, dann must du deinen Partner retten und runterbringen können.“ Sicherheit wird groß geschrieben. Die Arbeit ist gefährlich. Eigentlich besteht das Team aus fünf Leuten. Einer fehlt jedoch. Er ist erst kürzlich „ins Seil gefallen“. „Nichts dramatisches“, meint Batsch. „Aber er fällt zwei Wochen aus.“

Alexander Bartsch und seine Kollegen arbeiten schon länger zusammen. Sie sind „Freiberufler“, haben nach der entsprechenden Ausbildung und Prüfung jeweils ein eigenes Gewerbe angemeldet und werden von den Auftraggebern gebucht. Jetzt planen sie, zusammen eine Firma zu gründen. „Wir funktionieren als Team. Und nur so so geht es. Man muss sich aufeinander verlassen können“.

Rund 15 Tage brauchen sie für einen derartigen Turm. Gearbeitet wird fast bei jedem Wetter. „Wir sind nicht aus Zucker, wir sind gerne draußen“, erzählt Heubaum. Nur bei extremem Wind geht es nicht. Oder wenn die Metallteile im Winter vereist und glatt sind. „Wenn ein Gewitter aufzieht, dann musst du schnell runter“, ergänzt Batsch. „Da habe ich schon ein paar knifflige Situationen erlebt.“ Ausgeglichen werde das Risiko durch gute Bezahlung. „Sonst würden wir das nicht machen.“ Und eines macht der 30-Jährige auch ganz klar: Der Beruf habe nichts mit Sportklettern beispielsweise in den Alpen zu tun. „Damit habe ich gar nichts am Hut.“ Klettern gehöre auch nicht zu seinen Freizeitbeschäftigungen. „Mir reicht das was ich jeden Tag mache.“

Bilder: Baustelle in luftiger Höhe

Das Funkgerät, das Heubaum in der Brusttasche seiner Arbeitsjacke trägt, knackt. Kurzes Gespräch. Das Turmteam braucht das nächste Element. Die Winde wird angeworfen, ein Sicherungsseil gezogen. Heubaum hat die Steuerung in der Hand, das Element hebt sich, Batsch zieht es mit dem Seil in Position. Während das Metallelement langsam nach oben schwebt, kommt der Industriekletterer ins Schwärmen. „Gestern konnten wir von oben die Alpen klar sehen. Wenn du da auf der Spitze des Mastes bist, dann hast du schon ein erhebendes Gefühl.“

Robert Langer

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