Unüberwindlich: Am neuen Bahnhof in Steinhöring tut sich zwischen Bahnsteig und Zug eine zu große Lücke auf. Foto: Jürgen Rossmann

Bahnhof sollte barrierefrei werden: Behinderte müssen Fahrt anmelden

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Steinhöring - Beim Bahnhofsumbau in Steinhöring hat der Freistaat nicht an das Betreuungszentrum gedacht mit erheblichen Nachteilen für dessen Bewohner.

Der Bahnhof ist barrierefrei, der Zug ist es nicht. Das ist die bittere Erkenntnis für behinderte Menschen in Steinhöring nach dem Ausbau des Bahnhofes, den der bayerische Innenminister Joachim Herrmann als „Herzstück“ bezeichnete. Die Realität: Wer eine Gehbehinderung hat oder im Rollstuhl sitzt, muss sich künftig zur Mitfahrt „anmelden“. Ausgerechnet in Steinhöring.

In der Gemeinde unmittelbar an der Bahnlinie zwischen Wasserburg und Ebersberg ist eine der größten Betreuungseinrichtungen für Behinderte in ganz Bayern. Und hier müssen sich jetzt gehandicapte Bewohner in Zukunft „extra anmelden“, wenn sie ganz normal den Zug benutzen wollen. Der Grund dafür: Zwischen Zug und Bahngleis klafft eine Lücke, tut sich eine Hürde auf. „Unüberwindbar für Rollstuhlfahrer und auch für Gehbehinderte sehr gefährlich“, sagt Gertrud Hanslmeier-Prockl, die Leiterin des Einrichtungsverbundes Betreuungszentrum Steinhöring. „Unsere Leute sind sehr enttäuscht.“ Ohne fremde Hilfe gehe es nicht. Die Selbständigkeit der Behinderten - sie blieb beim Bahnhofs-Umbau auf der Strecke.

Im November vor zwei Jahren hatte Ministerpräsident Horst Seehofer noch ein großes Ziel verkündet: „Bayern wird in zehn Jahren komplett barrierefrei - im gesamten öffentlichen Raum und im Öffentlichen Personennahverkehr.“ Hanslmeier-Prockl freute sich: „Es hat geheißen, Steinhöring bekommt einen barrierefreien Bahnhof. Die Ausschreibung sah aber dann anders aus“, kritisiert sie die bayerische Staatsregierung.

Das bestätigt auch Bernd Honerkamp, Sprecher Bayern der Deutschen Bahn. „Der Freistaat hat bei der Ausschreibung zugelassen, dass alte Züge weiter verwendet werden dürfen.“ Er hätte auch neue Züge bestellen können. „Dann ist das Problem weg.“ Honerkamp berichtet, dass jetzt an einer Lösung gearbeitet werde. Die sieht so aus: Am Bahnhof wird irgendwo eine Holzrampe aufgehängt und mit einem Schloss versehen. Jeder Behinderte, der den Zug benutzen will, bekommt einen Schlüssel zu diesem Schloss. Will die betreffende Person mit dem Zug mitfahren, muss sie sich vorher anmelden. Wie lange vorher? Das steht noch nicht fest. Es soll in Steinhöring eine Art „ehrenamtlicher Reisedienst“ organisiert werden, der den Behinderten zum Bahnhof begleitet, die Rampe aufsperrt, sie holt und zwischen Zug und Bahnsteig legt - und anschließend wieder aufräumt. „Der Zugführer kann das nicht machen“, sagt Honerkamp.

Hanslmeier-Prockl stellt einen Vergleich an: „Wir haben einen Elektro-Rollifahrer. Den bringen wir mit dem Auto nach Ebersberg, von wo er mit S-Bahn und U-Bahn selbständig und ohne Hilfe bis zur Pfennigparade in den Münchner Norden fahren kann.“ So sehe Barrierefreiheit aus, sagt Hanslmeier-Prockl und verweist darauf, dass auch ältere Menschen mit einem Rolator kaum in den Zug einsteigen könnten. „Aber vielleicht klappt es ja bei der nächsten Ausschreibung“, meint sie bitter.

Der Verkehrsvertrag mit der Südostbayernbahn gilt bis zum Dezember 2024, bestätigt das bayerische Innenministerium, dass es mit der für ganz Bayern versprochenen Barrierefreiheit zumindestens in Steinhöring nichts wird - es sei denn, die mobile Rampe bewährt sich. „Derzeit befindet sie sich in der Testphase“, so Pressesprecher Michael Siefener.

In Wasserburg und München Ost gebe es Hublifte am Bahnsteig, „mit deren Hilfe Rollstuhlfahrer ein- und aussteigen könnten.“ Die jetzt eingesetzten Fahrzeuge seien im Vergabeverfahren zugelassen worden und „besonders komfortabel und laufruhig“.

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