1. Startseite
  2. Lokales
  3. Ebersberg

Zu Besuch bei "Staatsfeinden"

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bilder aus der früheren Heimat: Christian und Rosemarie Peter aus Vaterstetten blättern einen Kalender mit Fotos aus Dresden durch. Träumen aber ist genug. Zurück in den Osten wollen beide höchstens für Ausflüge.  foto: stefan rossmann
Bilder aus der früheren Heimat: Christian und Rosemarie Peter aus Vaterstetten blättern einen Kalender mit Fotos aus Dresden durch. Träumen aber ist genug. Zurück in den Osten wollen beide höchstens für Ausflüge. foto: stefan rossmann

Vaterstetten - Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ein Jahr später wurde Deutschland wiedervereinigt. Am 3. Oktober 1990, am Freitag vor 24 Jahren. Christian und Rosemarie Peter aus Dresden haben es nicht erwartet, sie siedelten 1983 um. Der packende Reisebericht der beiden Vaterstettener.

Da stand er, sein Vater. Mitten auf der Straße, kalt war es, Winter. Und er winkte ihm zu, überglücklich. Endlich hatte es Christian Peter geschafft: er war drüben, im Westen. Der Antrag zur Ausreise aus der DDR von ihm und seiner Rosemarie war nach Jahren genehmigt worden. Jetzt, 1983, konnte er den Vater, der Jahre zuvor übergesiedelt war, wieder in die Arme schließen. Tränen laufen Christian Peter über das Gesicht, wenn er heute davon erzählt.

„Eigentlich wollten wir nicht weg“, sagt Rosemarie. Das Paar lebte in Dresden. „Uns ging es gut.“ Er arbeitete in einem Forschungszentrum, sie leitete eine Buchhandlung, beide waren im Kirchenleben aktiv. Eine Grenzkontrolle änderte alles: Das Paar war auf dem Heimweg von Tschechien. Dort hatte es sich mit Rosemaries Bruder, der im Westen lebte, getroffen. Die Polizei stellte fest, der „West-Kontakt“ war unangemeldet. Außerdem fanden die Beamten im Wagen eine versteckte westliche Zeitschrift.

Ab sofort wurde Christian Peter von der Stasi beschattet. Außerdem durfte er in seiner Firma nur noch profane Arbeit verrichten, „ich war abgestellt.“ Bewerbungen bei anderen Firmen scheiterten. Logisch: Seine düstere Personalakte wurde herum gereicht.

Wegen „fehlender beruflicher Perspektive“ und „einem kranken Vater im Westen“, stellte das Paar schließlich einen Ausreiseantrag, „am 5. September 1981, es war ein Samstag“. Christian Peter weiß es genau. Eineinhalb Jahre lebten sie aus gepackten Kisten, feierten mehrmals Abschied. Denn wenn, dann ging es schnell los. Immer wieder wurden die zwei von Arbeitgebern und Stasi einbestellt: Psychoterror. „Wir wurden als Staatsfeinde betitelt, die wollten uns mit allen Mitteln umstimmen.“ Keine Chance. „Wir wussten, es klappt irgendwann“, sagt Rosemarie Peter.

Am 30. Dezember 1983 war es soweit. In der Früh erfuhr das Paar, dass es mittags mit dem Zug ausreisen durfte. Schnell wurden letzte Koffer gepackt, Freunde verabschiedet. „Wir wussten nicht, ob wir uns wieder sehen.“ Am Bahnsteig gab es Tränen, hinter der Grenze Sekt.

Erste Station: Hannover. Christian Peters Vater und Bruder lebten dort. Dann zog das Paar zum zweiten Bruder nach Weinheim/Baden-Württemberg. Eine Arbeitsstelle bei BMW verschlug das Paar schließlich nach München. Christian und Rosemarie Peter starteten neu, mit 37 Jahren. Spät haben sie Sohn Konrad bekommen. Weil es 1993 eine größere Wohnung sein sollte, zog die Familie nach Vaterstetten an den - wie passend - Ostring. Heute wohnen sie in der Franz-Liszt-Straße, noch immer zur Miete. „Etwas Eigenes konnten wir uns nie leisten“, sagt Rosemarie. Gespartes fehlt. Die DDR ist schuld: Man durfte kein Geld mitnehmen.

Zurück in den Osten wollen die Peters nicht. Ihr Leben ist jetzt hier. Gelegentliche Besuche in Dresden sind genug. Bei Mauerfall und Wiedervereinigung klebten die zwei vor dem Fernseher. „Wir haben das nicht für möglich gehalten!“ Christian Peter fuhr sofort nach Berlin, er wollte seine Stasi-Akte lesen. „Unsere Nachbarin hat uns bespitzelt und einer meiner Kollegen.“ Besonderes hatten die nicht heraus gefunden.

Dass die Peters Sachsen sind, hört man noch immer. Auch etwas anderes aus der DDR-Zeit ist geblieben, und darauf sind beide stolz: „Bescheidenheit und ein breites Demokratie-Bewusstsein.“

Carolin Nuscheler

Auch interessant

Kommentare