Rätselhaftes Gebrumme geht nicht nur den Steinhöringern aufs Ohr. In ganz Deutschland klagen Menschen darüber. sro

Es brummt überall

Steinhöring - Es brummt noch immer. Über 50 Menschen im Gemeindegebiet Steinhöring leiden weiterhin unter einem tieffrequenten Ton, Tag und Nacht. Bald sollen weitere Messungen stattfinden. Sie sollen die Ursache ergründen.

Zeitraum und Standorte will Norbert Neugebauer vom Landratsamt Ebersberg nicht verraten. Man wolle verhindern, dass mögliche Verursacher ihre Anlagen in dieser Zeit abschalten. Einstweilen müssen die Steinhöringer das nervtötende Gebrumme aushalten. Sie sind nicht die Einzigen.

Klaus Kölkenbeck, 76, aus Ingolstadt lebt seit zehn Jahren mit einem Brummen im Ohr. Er hat aufgegeben. Nachdem er wenige weitere Betroffene in der Nachbarschaft gefunden hatte, informierte er die Stadt, sprach mit der Gesundheitsbeauftragten - kein Ergebnis. „Manche konnten mir nicht helfen, andere wollten nicht“, sagt er. Seine Vermutung: Die große Klinik in der Nähe ist die Quelle. Messungen hat es nie gegeben, Kölkenbeck versucht mit dem Brummen zu leben. „Der Ton ist da, aber ich habe ihn, na sagen wir’s, überwunden.“ Er war bei der Tinnitus-Beratung in München. „Da wird man geschult, nicht hinzuhören“, sagt er. Außerdem öffnet Kölkenbeck oft das Fenster. Die Geräusche von draußen sind lauter als das Brummen.

Brigitte Rieber, 55, aus Furtwangen im Schwarzwald kommt am liebsten gar nicht mehr heim. Sobald sie das Haus betritt, brummt es, seit 28. Juni 2011. Dieses Datum vergisst sie nicht. „Ich konnte nachts nicht mehr im Haus sein“, sagt sie. Stundenlang ging sie draußen spazieren, legte sich nur wenige Stunden ins Bett. Bald fand sie weitere Betroffene im 20 Kilometer entfernten Villingen-Schwenningen und in Richtung Freiburg. Insgesamt über 50 Menschen sind es mittlerweile.

„Alle denken, wir sind Spinner“, sagt Rieber. Die Gemeinde tut wenig. „Wir werden nur hingehalten.“ Messungen wurden zwar gemacht, Rieber ist sich aber sicher: „Die Verursacher wussten davon und haben alles abgestellt.“ Die Mess-Ergebnisse waren stets im Normal-Bereich, kein Grund zu handeln also. Private Messungen brachten höhere Schallwerte.

Jetzt haben die Betroffenen eine Initiative gegründet. Damit endlich etwas vorwärts geht, sagt Rieber. Sie glaubt, die Mobilfunkmasten sind Schuld. „Die Antennen in der Nähe werden immer mehr und größer.“ Mehrere Stunden pro Tag spazieren gehen, Bergsteigen - das ist Riebers Therapie, dann hat sie etwas Ruhe. Ihr Mann Rudolf, 70, hört den Ton weniger laut. Dafür hat der Schreiner obendrauf mit einem hohen Tinnitus zu kämpfen.

Im Netz ist der Brummton ebenfalls mehr als präsent. Es wimmelt von Informations- und Vernetzungsseiten für Betroffene. Auf www.brummtonheilung.de beispielsweise ist eine Deutschlandkarte abgebildet. Darauf können Betroffene ihren Wohnort markieren. Über 50 blaue Punkte über die ganze Bundesrepublik verteilt leuchten auf. Der Wikipedia-Artikel zum Thema ist lang, auf facebook findet sich die Gruppe „das Brummton-Phänomen“ mit 104 Mitgliedern, dazu gibt es zahlreiche Foren.

Auch die Seite des Vereins „zur Erforschung und Verhinderung des Brummtons“ ist online. Wolfram Sedlak, 58, aus Köln hat diese bundesweite Vereinigung vor 14 Jahren gegründet. Denn auch er hört einen tieffrequenten Ton - nicht zu laut, aber er ist da. Im Haus konnte er keine Ursache finden, in der Nachbarschaft gab es wenige weitere Betroffene. Hilferufe bei der Stadt blieben ohne Erfolg. „Ich habe jetzt ein Gerät im Schlafzimmer, das Geräusche von Wasserfällen, Regen, oder Wellen macht. So kann ich schlafen“, sagt er.

Doch er will anderen helfen, ihr Brummen zu stoppen. Auf seiner Internetseite gibt Sedlaks Verein umfangreiche Informationen zu tieffrequenten Tönen und den Leiden der Betroffenen. „Wir können helfen, bei der Quellensuche systematisch vorzugehen“, sagt der Rechtsanwalt. Er kennt sich aus mit Messungen, Messgeräten und Behörden. Ein weiterer Aspekt der Vereinsarbeit: „Wir wollen Betroffenen zeigen, sie sind nicht allein.“ Ein Ergebnis der Messungen des Landratsamtes Ebersberg soll zum Winter vorliegen. Vielleicht gehören die Steinhöringer bald endlich nicht mehr zum großen Kreis der Betroffenen. (can)

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