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Cannabis-Legalisierung: Fachleute warnen - Arzt bringt völlig neue Lösung ins Spiel

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Von: Josef Ametsbichler, Max Wochinger

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Bald auch in Deutschland? Ein Mann raucht in einem niederländischen Coffee Shop einen Joint mit Marihuana.
Bald auch in Deutschland? Ein Mann raucht in einem niederländischen Coffee Shop einen Joint mit Marihuana. © dpa

Die neue Ampelkoalition plant die Cannabis-Legalisierung für Erwachsene. Ein Suchtmediziner, eine Drogenpräventions-Expertin und ein Polizist wurden zu den möglichen Folgen befragt.

Landkreis – 2017 wurde Cannabis zu medizinischen Zwecken freigegeben. Nun planen die Ampelkoalitionäre die Abgabe von Haschisch und Marihuana zu Genusszwecken. Noch ist Cannabis nicht legal: In der Drogen-Statistik von Polizei und Justiz spielt es die Hauptrolle. So meldet etwa die Polizeiinspektion Poing, dass mehr als die Hälfte der entsprechenden Delikte auf den Umgang mit Cannabis zurückzuführen sind. Ist es Zeit, das nicht mehr zu bestrafen oder muss der Staat seine Bürger vor den Gefahren der Volksdroge schützen?

Cannabis-Legalisierung: Mediziner sagt - „Aktuelle Gesetzgebung nicht befriedigend“

„Ich arbeite seit 20 Jahren in der Suchtmedizin. Cannabis kann Psychosen induzieren. Junge Patienten, die zu uns kommen, sind oft völlig verwirrt und haben Halluzinationen oder Wahnvorstellungen. Cannabis kann abhängig machen. Die aktuelle Gesetzgebung ist aber nicht befriedigend. Man sollte die Grundprinzipien der Suchtbehandlung in die Gesetze einarbeiten. In der Suchttherapie ist es völlig evident, dass es keinen Sinn macht, Patienten eine Meinung aufzuoktroyieren.

Prof. Ulrich Zimmermann
Prof. Ulrich Zimmermann © Gerald Förtsch

Therapieziel ist vielmehr, dass Menschen selbst verstehen, dass Drogen schlecht für sie sind. Deshalb müssen Suchtregeln verstehbar sein. Unter jungen Menschen etwa ist heute völlig klar: Wenn man getrunken hat, fährt man nicht mit dem Auto. Für das Verständnis braucht es keine Polizei. Das ist das Ziel, das auch mit Cannabis erreicht werden sollte.

Nur: Junge Menschen wissen wenig über Cannabis. Deshalb sollte der Konsum vom Wissen abhängig gemacht werden. Wenn Cannabis legal abgegeben werden soll, dann nur an Erwachsene und mit einem Cannabis-Führerschein. Bevor Konsumenten Cannabis an lizensierten Stellen kaufen können, sollten sie fünf Fragen beantworten. Zum Beispiel: Stimmt es, dass man nicht kiffen und Autofahren soll? Sind Jugendliche anders gefährdet als Erwachsene? Wenn die Fragen richtig beantwortet sind, könnte man einen QR-Code erhalten. Mit dem gibt’s dann das Cannabis.

Cannabis-Legalisierung in Deutschland: „Konsum sollte vom Wissen abhängig gemacht werden“

Es darf aber frühestens ab dem 21. Lebensjahr abgegeben werden, erst dann ist die Gehirnentwicklung abgeschlossen. Das jugendliche Gehirn ist nämlich viel empfindlicher für Drogen als das von Erwachsenen. Bei einer Legalisierung kann zudem die Qualität von Cannabis kontrolliert werden. In den letzten fünf bis zehn Jahren nimmt der Konsum von sogenannten synthetischen Cannabinoiden zu. Der Stoff ist viel brutaler, er führt häufiger zu Psychosen. Er ist kaum von normalem Cannabis zu unterscheiden.“

Ulrich Zimmermann ist Professor und Chefarzt der Klinik für Suchtmedizin und Psychotherapie des kbo Isar-Amper-Klinikums in Haar.

Video: Deutsche Unternehmen bereiten sich auf Cannabis-Legalisierung vor

Cannabis-Legalisierung: Sucht-Beauftragte stellt klar - „Gibt keinen risikoarmen Konsum“

„Mit unseren Angeboten verfolgen wir das Ziel, dass möglichst wenige Menschen ein Suchtmittel konsumieren und, dass all diejenigen, die nicht konsumieren, in ihrer Entscheidung bestärkt werden, kein Cannabis zu nehmen. Ein direkter Zusammenhang zwischen Gesetzesänderungen und Cannabiskonsum ist generell schwer nachweisbar. Was in Deutschland nach einer Legalisierung passieren würde, lässt sich kaum aus Daten anderer Länder schließen, auch weil noch unklar ist, welche Regeln gelten werden. Wir können allerdings die Legalisierungsdebatte als Anlass nehmen, um aufzuklären.

Christin Strell
Christin Strell © Landratsamt

Generell kann man sagen, egal um welche Substanz es sich handelt – dabei spielt es keine Rolle, ob legal oder illegal erhältlich –, dass es keinen risikoarmen Konsum gibt. Ergebnisse der CaPRis-Studie zeigen etwa, dass ein regelmäßiger und häufiger Cannabiskonsum die Hirnleistung und insbesondere das Gedächtnis verschlechtern kann. Ein geringerer Bildungserfolg gegenüber nicht konsumierenden Altersgenossen zeigt sich vor allem, wenn Jugendliche über Jahre hinweg viel Cannabis konsumieren und schon vor dem 15. Lebensjahr damit begonnen haben.

Cannabis-Legalisierung: Prävention von Jugendlichen und Erwachsenen im Fokus

Bei der Legalisierungsfrage gibt es, meiner Ansicht nach, nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern viele Grautöne dazwischen. Falls die Legalisierung tatsächlich kommt, muss sie unbedingt mit Begleitmaßnahmen und einem Ausbau des Hilfesystems einhergehen – besonders für die Konsumenten, die aufgrund ihres Konsums bereits in Problemlagen geraten sind.

Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen steht für mich weiter die Prävention im Fokus. Das Wichtigste ist auch hier ins Gespräch zu gehen und nicht zu tabuisieren. Die Förderung von Lebenskompetenzen ab dem Grundschulalter macht Kinder und Jugendliche zu starken, resilienten Personen, die gute Entscheidungen für sich und ihr Leben treffen.“

Christin Strell ist Fachkraft für Suchtprävention im Gesundheitsamt Ebersberg

Cannabis-Legalisierung: Polizist meint - „Könnte Hemmschwelle zum Konsum senken“

„Über ungelegte Eier ist schwer zu reden. Allerdings sehe ich Cannabis gerade im Mischkonsum mit Alkohol als gesundheitsgefährdend und in seiner Wirkung als unkalkulierbar an. Eine Legalisierung könnte die Hemmschwelle zum Konsum senken, nach dem Motto: Ist ja nicht so schlimm. Wir werden uns auf eventuell neue Regelungen einstellen müssen, was das Thema generell angeht. Aber ich hoffe sehr, dass nicht an den THC-Grenzwerten für den Straßenverkehr gerüttelt wird. Gerade da wundere ich mich oft, dass nicht mehr passiert. Der Abbau des Wirkstoffs im Blut ist viel schwerer abzuschätzen als der von Alkohol.

Helmut Hintereder
Helmut Hintereder © Polizei

Natürlich würde eine Legalisierung für Erwachsene zunächst einmal weniger Delikte bedeuten. Allerdings sehen wir bei Alkohol, dass junge Erwachsene immer wieder Jugendlichen aus ihrem Umfeld einen Zugang bieten. Cannabis muss nicht, kann aber eine Einstiegsdroge für härteren Konsum sein. Ein Urteil, welche Rolle da eine Legalisierung spielen würde, erlaube ich mir nicht. Für Erstdelikte beim Eigenkonsum sind die Strafen schon jetzt nicht hoch und viele Verfahren werden eingestellt.

Die Leute müssen wissen, was für Risiken sie eingehen. Darum jagen wir nicht nur Verstößen hinterher, sondern stoßen auch Präventionsangebote mit an.“

Helmut Hintereder ist Polizeioberrat und Leiter der Polizeiinspektion Poing

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