CSU. Frank Sinatra für die geschundene Seele

Ebersberg - Wahlparty bei der Ebersberger CSU. doch von Partystimmung keine Spur.

Aus den Lautsprechern im Ebersberger Restaurant "Fidelio" klingt - fast ein wenig zu dominant - ein Song von Frank Sinatra. Eine Schnulze, wie man so sagt. Herzzerreißend, ein wenig melancholisch. Ein Lied, was zur Stimmungslage der Gäste im Lokal passt. Es ist 21.20 Uhr. Die CSU-Kreisvorsitzende und wiedergewählte Landtagsabgeordnete Christa Stewens ist mit Gefolgschaft in das Restaurant im Klosterbauhof gekommen, wo eigentlich eine Party angekündigt war. Doch echte Partystimmung sieht anders aus. Um die Etikette zu wahren, wird mit Sekt angestoßen. Die Ministerin spielt noch ein wenig am Handy herum. Das tun auch andere neben ihr. Ablenkung tut gut.

Landrat Gottlieb Fauth ergreift das Wort. In der Hand einen Blumenstrauß. "Mit 43 Prozent liegst Du voll im Trend, ich gratuliere zur Wiederwahl", bemerkt er. Und übergibt das bunte Gebinde. Es ist das erste und beinahe auch das einzige Mal an diesem Abend, dass Applaus die Runde macht unter den Christsozialen des Landkreises Ebersberg.

Die Vize-Ministerpräsidentin redet. Die Zahlen, die sie aus dem nahen Landratsamt mitgebracht hat, sorgen nicht für großes Entzücken. Von einem engagierten Wahlkampf spricht sie, von den vielen auch persönlichen Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern. Dass man gestern noch Tausende Türanhänger verteilt hat. Dass sie sich mit anderen Wahlhelfern mehrfach morgens um 6 Uhr an den S-Bahnen im harten Kampf um die Wählergunst bemüht hat. Nun muss sie, welch Stereotype, festhalten: "Nach der Wahl ist vor der Wahl". Es folgen erste Analyseversuche: Heute werde es immer schwieriger, die Interessen der Bürger unter ein Dach zu bekommen. Man müsse nur nach Österreich schauen. Man müsse klar analysieren, heißt es wenige Augenblicke später. Inzwischen hat auch jemand den Sinatra auf Zimmerlautstärke reduziert.

Besonders müsse interessieren, warum die Freien so stark geworden seien, fügt sie an. Bei der FDP sei das relativ klar. Die Ministerin verweist auf die Gesundheits- und Erbschaftssteuerpolitik der Liberalen.

Danach dankt sie Monika Hohlmeier. Es gibt Blumen für die Listenkandidatin, mutmaßlich nicht im neuen Parlament vertreten. Es sei zuletzt eine schöne Partnerschaft mit ihr gewesen, hört man die Kreisvorsitzende sagen. Der Wahlkampf habe zusammengeschweißt. Nun sei es Zeit, einen Rückschlag zu meistern. "Wir waren erfolgsverwöhnt und müssen auch das Verlieren erlernen". Wer wollte da widersprechen.

Es hat lange gedauert an diesem Abend im Fidelio. Für 19 Uhr hatte die Kreispartei geladen. Lange bleiben die Plätze im Eck unbesetzt. Ein paar Ebersberger Parteimitglieder beratschlagen die immer neuen Hochrechnungen, die vom Fernsehen gegenüber zu ihnen schallen. Die Mittelstandspolitik war schlecht, heißt es. Die Erbschaftssteuerpolitik auch. Dann ist da noch der hohe Anteil an Nichtwählern. Die CSU habe einen Generationenwechsel verschlafen. Vielleicht sei sie sich zu lange zu sicher gewesen, vielleicht habe sich habe man sich wie in einer Monarchie gefühlt. Erklärungsansätze, nicht mehr, nicht weniger. Übertüncht von einer Ratlosigkeit, die auch die Protagonisten im Landkreis voll erfasst hat.

Walter Brilmayer, Ebersberger Bürgermeister, erzählt von Erlebnissen an den Infoständen, die die Aufarbeitung nicht einfacher machen. "Früher haben wir viel mehr auf der Straße gestritten, heuer habe ich viele nette Menschen erlebt. Vielleicht ist das sogar unser Hauptproblem".

Der Aßlinger Bernhard Wieser, Kreisvorstandsmitglied, kommt aus dem Landratsamt. Die Kreiszahlen bestätigen den Landestrend. "Ich bin geschockt", sagt er. Hat wie seine Parteifreunde unzählige mögliche Erklärungen. Aber so recht verstehen kann das alles keiner an diesem Abend, auch er nicht. Wir sollten eine Watschn bekommen, und ein Faustschlag sei es geworden, sagt er sinngemäß. Die Wirtschaftsdaten seien doch so gut gewesen. Warum nur werden Themen wie dritte Startbahn, Nichtrauchergesetz und die Schulpolitik dagegen vom Wähler so stark gewichtet? Später fügt er an, dass der Wähler entschieden habe. Daran gebe es nichts zu mäkeln.

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