"Der Po strahlt, aber die Seele verwahrlost"

"Eigentlich sind wir ja Partner, die Pflegedienste und die Krankenkassen", betont Elisabeth Kleber, Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Vaterstetten. "Aber den Eindruck habe ich derzeit nicht. Die Kassen behandeln uns wie Untergebene und wir müssen springen."

Die Kritik richtet sich gegen die aus Sicht der ambulanten Pflegedienste mangelnde Finanzierung durch die Kassen (wir berichteten). Wie in ganz Bayern gab es am Freitag auch im Landkreis Ebersberg eine Protestaktion. Kleber war im Konvoi mit ihren Mitarbeitern und den roten Einsatzfahrzeugen von Vaterstetten nach Ebersberg gefahren. "Das hat schon Aufmerksamkeit erregt. Allein, dass wir es in so kurzer Zeit geschafft haben, die Organisationen zusammen zu bringen, zeigt doch, wie sehr es brennt."

Getragen wird der Protest im Landkreis von BRK, Diakonie, AWO, Caritas und Paritätischem Wohlfahrtsverband. Die Teilnehmer der Aktion trafen sich am Ebersberger Volksfestplatz.

Dann ging es mit über 20 Einsatzfahrzeugen und begleitet von der Feuerwehr einmal rund um den Einbahnstraßenring. Stehen blieb der Korso in der Eichthalstraße. Felicitas Thiele, Kreisgeschäftsführerin der Caritas, überreichte im Gebäude der AOK einen offenen Brief an Peter Kießling, Mitarbeiter der AOK-Direktion München. "Ich werde das weiterleiten", versprach der.

Danach zog die Gruppe weiter zum Landratsamt, um auch die örtliche Politik aufzurütteln. Stellvertretend für Landrat Gottlieb Fauth nahm Abteilungsleiter Andreas Stephan das Schreiben entgegen. Stephan zeigte Verständnis. "Ihre Sorgen und Nöte kenne ich bereits."

Mit ihrem Protest wollen die Mitarbeiter der Pflegedienste Schwung in die laufenden Verhandlungen bringen. "Die aktuelle Situation ist unakzeptabel", so Wolfgang Strehhuber, Kreisgeschäftsführer des BRK. "Es geht um unsere Existenz", betont Ulrike Bittner, Kreisgeschäftsführerin der AWO. Seit vier Jahren habe es keine Gebührenanpassung mehr gegeben. In der Zwischenzeit seien aber die Kosten deutlich gestiegen. Stichworte sind Löhne und Energie.

"Wir arbeiten doch nicht an Robotern, sondern an Menschen", so Christa Schuling von der Nachbarschaftshilfe Vaterstetten. Sie sieht wie viele ihrer Kolleginnen ein großes Problem im Gesamtsystem, das immer bürokratischer werde. Abgerechnet wird eine genau beschriebene Tätigkeit, unabhängig davon, wie lange sie dauert oder wie schwierig sie ist. Beispiel: Einen Patienten vom Bett zur Dusche und wieder zurück bringen, wird mit 1,76 Euro vergütet. Wenig aber immerhin. Nicht vergütet wird jedoch, wenn die Pflegekräfte mit den Angehörigen sprechen, um ihnen Tipps zu geben, oder wenn sie sich mit dem Betreuten unterhalten, ihn aufmuntern, ihm zuhören. "Der Po strahlt, aber die Seele verwahrlost", hieß es gestern dazu.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Betreuungs-Schock in Ebersberg: Über 50 Kinder gehen leer aus
So schlecht sah es für Ebersberger Familien seit vielen Jahren nicht mehr aus: Nach Grafing ist nun auch in der Kreisstadt der Betreuungsnotstand ausgebrochen.
Betreuungs-Schock in Ebersberg: Über 50 Kinder gehen leer aus
Streit um parkende Fahrzeuge: 34-jährigem Autofahrer Messer in den Bauch gerammt
Ein 34-jähriger Mann aus dem Landkreis Ebersberg hat einen Streit mit zwei Bauarbeitern mit schweren Verletzungen bezahlen müssen. Ihm wurde ein Messer in den Bauch …
Streit um parkende Fahrzeuge: 34-jährigem Autofahrer Messer in den Bauch gerammt
Werden Bäume für Kinderhaus gefällt? 
Die Gerüchteküche brodelt. Und es gibt ersten Widerstand. Werden Bäume für ein Kinderhaus gefällt?  Was wird aus dem Schulwäldchen in Vaterstetten? 
Werden Bäume für Kinderhaus gefällt? 
Gestürzt: Frau will 25 000 Euro von Grafinger Geschäft
Sie wollte für ihre Schwiegertochter ein Oberteil kaufen und brach sich beide Füße. Jetzt hat eine 70-Jährige ein Bekleidungsgeschäft in Grafing wegen mangelnder …
Gestürzt: Frau will 25 000 Euro von Grafinger Geschäft

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion