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Detlef Hammann und sein „altes Auto“ haben gemeinsam schon viele Abenteuerreise erlebt.
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Ein Blickfang und der Eiffelturm. Egal, wo Detlef Hammann das Kultmobil abstellt, gestaunt und fotografiert wird immer.
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Mit 30 000 Fans im Schlepptau steuerte Hammann den Fanbus in Richtung Pariser EM-Stadion Stade de France.

Grafinger fährt DEN DFB-Fanbus

Er ist der Bändiger des schwarzen Ungeheuers

Detlef Hammann aus Grafing parkt den einzigen DFB-Fanbus gewöhnlich direkt vor den Spielstätten in ganz Europa. Bei der WM in Russland gibt es ein Problem. 

Grafing – Lautes Reifenquietschen, mehrfaches Türknallen und schließlich tuschelnde Passantengrüppchen und gezückte Smartphones. Beim gemütlichen Sonntagskaffee auf ihrer Grafinger Gartenterrasse werden Detlef Hammann und seine Frau am Wochenende immer wieder von derartigen Geräuschkulissen aufgeschreckt. Schuld an dem großen Bahnhof vor seinem Gartenzaun in der Wasserburgerstraße ist Hammann allerdings selbst.

Der 52-Jährige hat das „große schwarze Ungeheuer“ ja nachts zuvor nach seinem dienstlichen Klagenfurt-Trip dort eigenhändig abgestellt. Ausnahmsweise. „Das Auto fällt natürlich überall auf“, weiß der Berufsfahrer aus Erfahrung zu berichten. Wobei der Terminus „Auto“ hier genauer zu definieren ist: Achteinhalb Meter in der Länge und viereinhalb Meter in der Höhe misst der tonnenschwere Blickfang aus England, der von einem handlichen 130-PS-Dieselmotor angetrieben wird. 

Und als würde der in sattem Schwarz lackierte Doppeldeckerbus AEC Routemaster (Baujahr 1960) an sich noch nicht genug aus dem verwinkelten Grafinger Stadtbild herausstechen, jubelt dem Betrachter von der Längsseite her ein überlebensgroßer Thomas Müller zu. Der Bus ist ein Unikat.

Parkplatz-Horror von San Siro

„Seit sechs Jahren fahre ich den DFB-Fanbus zu allen Heimspielen unserer Fußballnationalmannschaft und falls möglich, auch zu den Spielen der Frauen und U-21 vor die Stadien“, beginnt Hammann von den vielen Abenteuern zu erzählen, die der gelernte Landmaschinenmechaniker und frühere Motorrad-Spediteur mit dem ehemaligen Londoner Linienbus auf seinen Reisen erlebt hat. Etliche Episoden, wie der „Parkplatz-Horror von San Siro“, die „Blaulicht-Eskorte durch die Tanke“, der „Fenstersturz von Lille“, oder die „Fähren-Affäre von Marseille“, vermischen sich dabei zu einem kurzweiligen Potpourri aus dem Herzen des Fan- und Trucker-Universums.

Angefangen hat alles 2012 mit einer Annonce im Internet. Hammann fährt seit Jahrzehnten alles mit vier Rädern und Lenkrad kreuz und quer durch Europa, Lkw, Bus, Mietwagen, völlig egal, Hauptsache „nur dann, wenn ich Bock habe“. Der selbstständige Kraftfahrer bietet seine freien Kapazitäten also im Internet an und wird von einer Event- & Werbeagentur aus Pfaffenhofen angerufen, die auf londonbus-bayern.de etliche Oldtimerbusse zu Promotionszwecken vermietet und wo der Fanbus für gewöhnlich parkt.

Laut, heiß, langsam

Kurzes Kennenlernen, ein Handschlag und seitdem tuckert Hammann mit seinem schwarzen Spaßmobil für Fußballfans im Auftrag des DFB Fan Clubs durch die Lande. Nach dem WM-Triumph 2014 hat er den goldenen Pokal auf der sogenannten „Ehrenrunde“ im Jahr darauf an knapp 70 Tagen quer durch die Republik kutschiert. 8000 Reisekilometer, täglich eine neue Station, „das ist harte Arbeit“, versichert Hammann. „Laut, heiß und langsam.“ 

Gegen den röhrenden Motor kommen nicht einmal Kopfhörer an, selbst das Klingeln seines Mobiltelefons wird verschluckt. Klimaanlage bedeutet für Hammann: Fensterkurbeln und eine dampfige Fahrerkabine bei Regen. Und auf der Bahn ist bei einer maximalen Reisegeschwindigkeit von 65 Kilometern pro Stunde Geduld eine Grundtugend.

Alleine mit Fahren ist Detlef Hammanns Job nicht getan. Tontechniker, Innenraum-Ausstatter, Entertainer, ständiger Kommunikator mit Fans und Besuchern, sein veritables Aufgabengebiet beschreibt der gebürtige Brandenburger kurz mit „Mädchen für alles“. Sozusagen seinen „Mädchentraum“ erlebte Hammann auf der 8500-Kilometer langen Frankreich-Rundfahrt im Rahmen der Europameisterschaft 2016. 

„Manchmal denke ich mir, gut dass dich der Kram nicht so interessiert.“

Der Grafinger und das DFB-Kultmobil waren Jogis Jungs dabei nicht nur ständig auf den Fersen, sondern dienten der Fangemeinde als mobiler Ankerpunkt. Stadtrundfahrt zum Eiffelturm, Treffpunkt für den 12. Mann und vor dem Anpfiff Speerspitze des Fanwalks. „Wenn da 30 000 singende Fans hinter dir herlaufen, gibt das schon Gänsehaut“, sagt Detlef Hammann, der ironischerweise „kaum Ahnung von Fußball“ hat. „Manchmal denke ich mir, gut dass dich der Kram nicht so interessiert.“

Was bei den eingefleischten Fußballfans in seinem rollenden DFB-Museum mit zwölf Sitzplätzen auf dem Dach für regelmäßiges Erstaunen sorgt, sieht Hammann oft als Vorteil an. Grundsätzlich kommt er in den Stadien überall hin, könnte die Länderspiele auf der Tribüne genießen. Manchmal ist aber eben Umparken oder Abbauen, statt Bier und Bratwurst in der Arena angesagt. „Andere bekämen da Depressionen. Je nach Wertigkeit der Spiele, bleib ich schon mal im Bus sitzen.“ 

Hammann feiert unterwegs lieber andere, persönliche Erfolgserlebnisse. „Mir macht es Spaß, mich in die alte englische Mechanik rein zu denken. Wenn unterwegs was kaputt geht, habe ich die meisten Ersatzteile an Bord und weiß mir oft selbst zu helfen. An einem Abschlepphaken bin ich noch nie gehangen.“

Die russische Regierung...

Am Freitag stand er natürlich vor der BayArena in Leverkusen, letzter WM-Test gegen Saudi-Arabien. Im Anschluss wurde Frankfurt angesteuert. Dort soll der Bus während der gesamten WM in der Commerzbank-Arena parken. Hammanns längst geplante Russland-Rundreise wurde nämlich gestrichen. „Ursprünglich waren dort ähnliche Aktionen wie in Frankreich vorgesehen. Dafür gab‘s von der russischen Regierung aber jetzt doch keine Genehmigung mehr.“

Von diesem Abenteuer wird er also nicht erzählen können und bis zur Multi-EM 2020, mit Spielorten in mehreren Ländern, warten müssen. Bis dahin sorgt der Grafinger auf deutschen Autobahnen für Aufsehen und spontane Bremseinlagen; oder hechelt, je nach DFB-Terminplan, mit 30 Sachen und rauchendem Auspuff über den Brenner. „Bei der Talfahrt habe ich den intensiven Geruch der Trommelbremsen in der Nase.“ Eilig darf es Detlef Hammann nie haben und quietschende Reifen, Winken und Blitzlicht gehören zum Job dazu.

Von Julian Betzl

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