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„In 50 Jahren noch nicht erlebt“: Die Schwammerl verdursten

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Von: Michael Seeholzer

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Eine Frau geht an einem Maronenröhrling-Pilz vorbei. Heuer haben die Schwammerlsucher im Landkreis Ebersberg schlechte Karten – bisher zumindest. Ob sich das noch ändert, hängt vom Regen ab.
Eine Frau geht an einem Maronenröhrling-Pilz vorbei. Heuer haben die Schwammerlsucher im Landkreis Ebersberg schlechte Karten – bisher zumindest. Ob sich das noch ändert, hängt vom Regen ab. © SRO

Die extreme Dürre verhindert bislang das Wachstum von Steinpilz und Co. im Landkreis Ebersberg. Damit sich das ändert, reichen ein paar Schauer nicht aus.

Landkreis – Auch wenn in den nächsten Tagen Regen fallen sollte, die Folgen der bisher ausgebliebenen Niederschläge bleiben sichtbar, in den Jahresringen der Bäume wird die Dürre ohnehin noch Jahrhunderte lang erkennbar sein: „Wir haben derzeit oberflächennah eine extreme Trockenheit“, sagt Michael Waldherr. „Das sieht man daran, dass sich die Buchen schon verfärben.“ Schlechte Bedingungen für die heimische Pilzwelt. Waldherr ist stellvertretender Leiter des Forstbetriebes Wasserburg. Von hier aus wird der Ebersberger Forst betreut.

Wenn‘s den Bäumen schlecht geht, geht es auch den Pilzen schlecht

Das Waldgebiet ist derzeit extrem trocken. Die Bäume haben Stress. Und wenn’s den Bäumen nicht gut geht, geht es auch ihrem besten Kumpel nicht gut: den Pilzen. Mit denen leben zahlreiche Arten in Gemeinschaft. Die Biologen nennen so etwas Symbiose. „Wenn viel Regen käme, könnte sich das schnell wandeln“, sagt Waldherr zu den Aussichten auf die Schwammerlsaison. Aber ein paar Schauer würden das nicht ausgleichen, meint er sinngemäß. Eher schon ein ergiebiger Landregen. Der ist aber nicht in Sicht.

„Ich gehe seit 50 Jahren in die Schwammerl, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, berichtet Pilzexperte Günter Baumgartner aus Grafing. Im Frühjahr habe er ein paar Reherl gefunden. So heißen die Pfifferlinge in Bayern. Danach war Schluss. Kein einziger Sommerschwammerl bisher, kein Steinpilz, keine Rotkappen, keine Röhrlinge. Gar nix. Dabei sei der Ebersberger Forst eigentlich „ein guter Wasserspeicher“.

Pilzexperte sagt: Mitschuld sind auch die zahlreichen Drainagen

In den kleinen Bauernhölzln wachse derzeit ebenfalls kein einziger Pilz mehr, schildert Baumgartner die Lage. Schuld an dieser Situation seien auch zahlreiche Drainagen überall im Landkreis, die die Felder entwässern würden. „Die müssen irgendwann mal raus“, wagt Baumgartner, der auch schon Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz war, einen Blick in die Zukunft. „Anders wird es nicht mehr gehen.“

Seit zehn Jahren beobachtet der Grafinger jetzt, wie der Untergrund immer trockener wird. In der Folge wachsen keine Schwammerl mehr oder aber nur mehr in einer ganz kurzen Vegetationsperiode. „Da kann’s passieren, dass du drei Stunden lang dein Körberl umsonst spazieren trägst.“

Nicht ganz unschuldig an der Trockenheit im Untergrund ist die bayerische Staatsregierung. „Schaumberge, umgekippte und stinkende Gewässer gehören der Vergangenheit an“, freut sich das Landesamt für Umwelt zwar mit Recht darüber, dass die „Ersterschließung der Haushalte mit einer zeitgemäßen Abwasserentsorgung“ inzwischen abgeschlossen sei. Nahezu jeder einzelne Weiler ist mittlerweile an die Kanalisation angeschlossen. In den letzten 70 Jahren wurden dafür 35 Milliarden Euro aufgewendet. Aber ein Gedanke wurde dabei vernachlässigt: „Jede Kanalisierungsmaßnahme ist auch eine Entwässerungsmaßnahme“, bestätigt Baumgartner.

Pilze auf einem Strohballen im Garten ziehen

Das Wasser fehlt in der Fläche und geht unter anderem auch den Pilzen ab. Ohne Pilze gibt es auf lange Sicht keinen Wald. Und obwohl die Bedeutung dieser Lebensgemeinschaft für den Nährstoffaustausch im Boden so wichtig ist, werden Pilze im Forstbetrieb nicht extra gepflegt. „Das läuft bei der ganz normalen Waldwirtschaft mit“, informiert Waldherr und weist auf die „Rückegassen“ zum Holzeinschlag hin. Mit denen verhindere man, dass der Waldboden verdichtet werde, was schlecht für die Pilze sei. Privat könne man sie im Garten aber auf einem Strohballen ziehen.

Auch in der Unteren Naturschutzbehörde bilden die Schwammerl eher eine Art, der ein untergeordnetes Interesse entgegengebracht wird. Eigenes Pilz-Fachbersonal gibt es dort nicht. Wenn Fragen geklärt werden müssen, bediene man sich der Expertise der Bayerischen Botanische Gesellschaft, bestätigt die Behörde auf Anfrage.

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„Kein Regen, kein Wasser, keine Schwammerl“, bringt Baumgartner die derzeitige Situation auf den Punkt. „Ich habe noch ein paar getrocknete und ein paar eingefrorene aus der letzten Saison, aber wenn die weg sind, dann suche ich mir ein anderes Hobby“, ist er wenig zuversichtlich, künftige Ernten betreffend.

Die Spaziergänger im Forst scheinen seinen Pessimismus zu teilen. „Ich habe bis jetzt noch keine Gäste mit einem Schwammerkorb im Biergarten gesehen“, sagt Rosemarie Dachs, die zusammen mit ihrem Mann Peter seit kurzem wieder die beliebte Ausflugsgaststätte Sauschütt bewirtschaftet. „Der geht auch in die Schwammerl“, erzählt die Wirtin über ihren Gatten, aber heuer sei dabei noch nichts rausgekommen. Die Gastwirtin denkt aber langfristig: Wenn es dieser Tage regne, sei das zwar momentan nicht gerade ideal fürs Biergartengeschäft, „aber vielleicht kommen ja dann die Schwammerl wieder“, meint sie fröhlich. Nach extremen Trockenperioden kann es aber bis zu zwei Wochen dauern, bis das Pilzwachstum einsetzt.

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