„Passieren kann immer was“, sagt Leonhard Spitzauer. Der Kommandant ist 33 Jahre alt und seit der Kindheit bei der Feuerwehr. Anderen zu helfen sei eine Sache tief im Herzen. Als Feuerwehrmann sei man stolz auf die Heimat. Spitzauer, ein Retter von 2326 Feuerwehrlern im Kreis
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„Passieren kann immer was“, sagt Leonhard Spitzauer. Der Kommandant ist 33 Jahre alt und seit der Kindheit bei der Feuerwehr. Anderen zu helfen sei eine Sache tief im Herzen. Als Feuerwehrmann sei man stolz auf die Heimat. Spitzauer, ein Retter von 2326 Feuerwehrlern im Kreis

Serie: Kette der helfenden Hände

Dieser Mann rettet Leben - und er steht für Hunderte in unserem Landkreis 

  • Christoph Hollender
    VonChristoph Hollender
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In der Weihnachtsserie erzählen wir Geschichten von Menschen, die freiwillig und ehrenamtlich für andere da sind. Einer ist Leonhard Spitzauer (33). Der Feuerwehrmann steht nachts auf, um Unfallopfer aus Fahrzeugen zu schneiden.

Wenn Leonhard Spitzauer verbrannte Haare riecht, muss er an diese eine Nacht denken. An diesen Abend um 10 Uhr im Oktober 2002. Spitzauer ist 17 Jahre alt. Er steht bettfertig in seinem Kinderzimmer im Elternhaus in Parsdorf. Sein Funkwecker piepst. Ein Hof soll brennen, erfährt er.

Er schaut aus dem Fenster, denkt kurz, dass es der Holzstall seiner Eltern sein könnte. Sein Herz klopft. Er blickt zum Horizont. Ein riesiger rötlicher Feuerball färbt den Nachthimmel. Vaterstetten brennt, denkt er. Es ist die Nachbargemeinde: Luftlinie zwei Kilometer. Er weiß, es pressiert. Er will helfen. Er springt auf seinen Roller, düst über Feldwege zum Feuerwehrhaus in Parsdorf. Ältere Kollegen sind bereits da. Spitzauer ist voller Adrenalin und außer Atem. Es ist sein erster großer Einsatz als Feuerwehrmann in dieser Nacht, die sich in sein Gedächtnis brennen wird.

Gemeinsam mit sechs Kameraden rast er im Einsatzwagen nach Vaterstetten. Ein Pferdestall mit Dutzenden Tieren steht lichterloh in Flammen. Dichter, dunkler Rauch steigt auf. Spitzauer hält mit seinem Löschschlauch in die Flammen. Er, der 17-Jährige Jungfeuerwehrmann, funktioniert. Ein Geruch von verbranntem Fleisch und Haaren brennt in seine Nase. Die Retter können nicht alle Pferde retten. Sie verbrennen. Spitzauer muss zuschauen.

„Wir tun unser Bestes, um Leben zu retten“

Die Bilder und der Geruch holen Spitzauer immer wieder ein. Auch heute, 16 Jahre danach. Er steht in der großen Garage im Feuerwehrhaus in Parsdorf neben einem wuchtigen Feuerwehrauto. Neonlicht, gelbe Schläuche, um die Abgase der Fahrzeuge abzusaugen. Die Lüftung einer großen Batterie surrt in dem Raum mit den grauen Fliesen und den Funkgeräten, die an einer Wand griffbereit in einem Holzregal stehen.

Heute ist Leonhard Spitzauer 33 Jahre alt und Kommandant. Er ist Einsatzchef einer Truppe mit 70 Parsdorfern, die nachts ausrücken, um Menschen auf der A 99 aus ihren Fahrzeugen zu schneiden. Freiwillig, ehrenamtlich, ohne Bezahlung. Spitzauer sagt: „Wir tun unser Bestes, um Leben zu retten. Weil wir alle helfen wollen.“

Spitzauer ist einer von 2326 Aktiven im Landkreis, die freiwillig den Feuerwehrdienst verrichten. Davon sind 144 Feuerwehrfrauen. Ohne sie würde das Land düster ausschauen.

Auch Sie können Vereine und Organisationen unterstützen, in denen diese Menschen tätig sind. Wenn Sie die Aktion unterstützenmöchten, überweisen Sie Ihre Spende für die „Kette der helfenden Hände“ bitte auf das Spendenkonto des Lions Hilfswerks bei der Raiffeisen-Volksbank Ebersberg; IBAN: DE46 7016 9450 0002 9800 29 (BIC: GENODEF1ASG). Falls Sie eine Spendenquittung wünschen, vermerken Sie das bitte bei der Überweisung.

Spitzauer streicht mit seiner Hand über eine schwere, hydraulische Schere, die zur wichtigsten Ausstattung des Feuerwehrautos zählt. Das Metall ist matt und makellos geputzt. Mit dem Gerät können Spitzauer und seine Kollegen Stahlteile von Autos auseinanderzwicken. Im Einsatz müsse man sich alle paar Minuten abwechseln, beginnt der Kommandant zu erzählen. Weil das Ding so schwer sei. 

Dass sie das Stahlmonster, das Leben rettet, einsetzen müssen, liege an den beiden Autobahnen neben Parsdorf: der A 99 und A 94. In den letzten zehn Jahren seien die Einsätze gestiegen. 2008 waren es 60, 2018 dürften es etwa 100 werden.

Er pumpt und pumpt und pumpt: sinnlos

Einen Einsatz mitzuerleben, könnten sich viele, die nichts mit der Feuerwehr zu tun haben, nicht vorstellen. Als ein Fahrer vor vielen Jahren im Sommer auf der Autobahn während der Fahrt einen Herzinfarkt bekommt und in einen Graben fährt, sind Spitzauer und seine Kameraden nur wenige Minuten später vor Ort. 

Zwei Polizisten reanimieren den Mann, sind bereits völlig erschöpft. Spitzauer übernimmt. Er führt die Herz-Druck-Massage weiter. Eins, zwei, drei. Immer und immer wieder. „Es war brutal heiß“, erinnert er sich. Der Schweiß tropft von seiner Stirn auf die feuerfeste Kleidung mit den gelben Reflexionsflächen. Spitzauer pumpt und pumpt und pumpt. Wie im Rausch. Das Herz des Mannes will nicht schlagen. Spitzauer hechelt, ruft: „Der Nächste!“

Sinnlos. „Ich glaube, er ist gestorben“, seufzt der 33-Jährige und klopft mit einer Hand gegen die Hydraulikschere, als ob er sagen will: Kopf hoch, so ist das. Nicht alle Menschen könne man retten. Das gehöre auch dazu: Zu akzeptieren, dass Feuerwehrmänner keine Garantie geben können, immer Leben zu retten. „Du bist nicht alleine verantwortlich“, sagt Spitzauer in den Raum.

„Ich bin auch mal froh, wenn ich  keine abgetrennten Körperteile sehe“

In seiner Zeit als Feuerwehrmann hat Spitzauer viel gesehen. Menschen die sterben. Tote. Vielleicht 20. Vielleicht 25, schätzt er. Er wisse es nicht. Seit er 2015 Kommandant wurde, sei er nicht mehr so viel an der „Front“. Er müsse von hinten den Einsatz im Überblick haben, schauen, dass seine Leute mit den Sauerstoffflaschen wieder alle heil aus einem brennenden Haus herauskommen. Das sei wichtig. Und: „Ich bin auch mal froh, wenn ich  keine abgetrennten Körperteile sehe.“

Spitzauer nimmt all das freiwillig auf sich. Er ist selbstständig, arbeitet auf dem elterlichen Pferdehof. Da sei es einfacher, wenn er zu einem Einsatz müsse. Dass er nachts aufschreckt, wenn der Funkwecker schreit, daran habe sich seine Freundin gewöhnt. Ob sie Angst habe, dass er eines Tages verletzt wird? Wahrscheinlich ja. „Passieren kann immer was.“

Eine Pflicht fürs Leben

Aber es sei inzwischen normal, dass er sein Leben für andere riskiere. „Ich fühle mich verpflichtet, natürlich auch, weil ich Kommandant bin.“ Dennoch: Eigenschutz habe Priorität. Auch wenn auf der Autobahn Lkw an ihm vorbeidonnern. Oder wenn sich der Geruch von verbranntem Holz oder Fleisch in die Kleidung frisst.

Spitzauer steht vor seinem Spind im Feuerwehrhaus. Seine feuerfeste Jacke aus Nomex-Gewebe riecht nach Ruß und Rauch und schaut auch so aus. Was ihn traurig mache? Dass die Feuerwehr inzwischen für alles gerufen, sogar für schiefe Laternen am Straßenrand. Oder Ölflecken am Parkplatz.

Und die Bürokratie. Die halte Menschen davon ab, das zu tun, was den Landkreis zusammenschweiße. Ehrenamtlich helfen.

Am Hauptbahnhof ist ein 75-Jähriger kollabiert. Eine 27-Jährige reagierte geistesgegenwärtig und begann sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen.

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