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Ein Dorf hüllt sich in Schweigen

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Hier war Bartholomäus Eder zu Hause: Der Dienstbote hat die Heiler-Villa aber nie erreicht. Er wurde auf dem Heimweg von Steinhöring nach Endorf erschlagen und ausgeraubt. © Rossmann

Steinhöring - Es ist das Jahr 1920. Eine Nacht im Februar. Schreie hallen übers Ebrachtal. Schreie der Angst. Maria Lederhuber kann sie ganz genau hören, daheim in ihrem warmen Bett. Ein letztes Mal ruft Bartholomäus Eder um Hilfe.

Aber es kommt niemand. Noch ein fürchterlicher Schrei. Dann ist es ruhig. Eder hatte keine Chance. Hinterrücks wurde er erschlagen und ausgeraubt.

Diese furchtbare Geschichte hat Gabriele Chrastny bis heute nicht losgelassen. Ihre Nachbarin, die inzwischen verstorbene Maria Lederhuber, hat der kleinen Gabi vor Jahrzehnten von dem grausamen Mord erzählt. „Es gab oben am Bankerl auf dem Weg nach Endorf sogar ein Schild, das an die schreckliche Tat erinnerte“, sagt die ehemalige Dorflehrerin Chrastny.

Außer einer Sterbeurkunde haben Chrastny und der Heimatverein Steinhöring bis heute nur wenige Fakten in der Hand. Viel wird erzählt im Dorf, noch mehr gemutmaßt über die Vorgänge in dieser eisigen Februarnacht, aber genaues weiß keiner - oder will keiner wissen, geschweige denn öffentlich machen.

„Bartholomäus Eder war auf dem Weg zur Heiler-Villa bei Endorf“, das

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Am Tatort: Eine neue Tafel erinnert an den Mord: Barbara Niedermeier, Thomas Grundmann v. Holly, Max Niedermeier, Gabriele Chrastny und Johann Preimesser (v.l.) vom Heimatverein.

weiß Gabriele Chrastny. „Dort hat er als Dienstbote gearbeitet.“ Bevor er sich auf dem Heimweg macht, hat er im Gasthaus Post reichlich gezecht. Auch das ist Fakt. Ja, und dabei wird er auch am Stammtisch ordentlich vom Leder gezogen haben. „Es heißt, er habe in München Maulwurfsfelle verkauft“, berichtet Chrastny. Maulwurfsfelle waren im Jahr 1920 topmodern. Mäntel wurden aus dem gegerbten Pelzen genäht oder auch Zylinder. Während das gemeine Volk hungerte, gab das wohlhabende Bürgertum gerne viel Geld für seine Luxusartikel aus. Ein Maulwurfspelz brachte einem Fallensteller immerhin 25 Mark ein. Das war so lukrativ für die Landbevölkerung, dass die Nützlinge fast ausgerottet wurden.

Barthl Eder hat in München wohl ziemlich viele Felle versilbert. Allein den Wirtshausbesuch hätte er sich von seinem Dienstbotengehalt nicht leisten können - und der kostet ihn schließlich das Leben.

Es sind nur wenige Gäste in der Post an diesem kalten Abend, mindestens einer davon muss Eder gefolgt sein. Auf dem Weg nach Endorf, dort wo früher mal ein Kreuz war und heute noch ein Bankerl steht, schlägt er zu. „Am nächsten Tag wurde seine Leiche gefunden“, sagt Gabriele Chrastny. Es gab Spuren, habe Maria Lederhuber ihr erzählt. „Die Polizei ist sogar mit Hunden hinter dem Täter her.“ Angeblich seien die Hunde bis St. Christoph gelaufen. Erst dort habe sich die Spur verloren. Gut möglich, dass der Mörder tatsächlich aus der damaligen Nachbargemeinde stammt. Immerhin hält sich bis heute das Gerücht, dass er auf dem Sterbebett dem Christopher Dorfpfarrer die Tat gestanden haben soll.

Verurteilt, weiß Thomas Grundmann von Holly vom Heimatverein, wurde niemand. „Den Verdächtigen konnte nichts nachgewiesen werden.“ Grundmann hat schon im Hauptstaatsarchiv nach den alten Ermittlungsakten gesucht. „Aber ich habe noch nichts gefunden.“ Und: Bis heute hüllt sich das ganze Dorf in Schweigen.

Gabriele Chrastny hat der Mordfall keine Ruhe gelassen: „Man kann doch den armen Kerl nicht einfach vergessen!“ Die alte Tafel, die an den gewaltsamen Tod des Dienstboten erinnerte, war schon vor Jahrzehnten verblichen. Jetzt hat Chrastny mit ihren Mitstreitern vom Heimatverein eine neue aufgehängt, direkt am Tatort auf dem Weg nach Endorf. Darauf steht: „Hier starb durch ruchlose Mörderhand Herr Bartholomäus Eder, Dienstbote in der Heiler-Villa, Endorf, im Jahr 1920.“

Sabine Heine

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