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Für viele Flüchtlinge bedeutet die Dublin-Verordnung eine Abschiebung in die Obdachlosigkeit.

Die Folgen der Dublin-Verordnung

Abgeschoben in die Obdachlosigkeit

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Parsdorf - Das Kinderland Parsdorf hat von heute auf morgen seinen „Bufdi“ verloren. Denn er war Flüchtling – und musste wegen der Dublin-Regelung nach Italien zurück. Dort lebt er seitdem auf der Straße. Ein Schicksal, das aktuell vielen Flüchtlingen droht.

Festus kam im September 2015 nach Bayern – drei Monate, bevor das Sonderprogramm „Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug“ in Deutschland startete. Dafür wurden 10 000 neue Bufdi-Plätze geschaffen. Der 27-Jährige aus Nigeria hatte Glück – er lernte über den Asylhelferkreis in Poing (Kreis Ebersberg) Maria Boge-Diecker kennen, die Geschäftsführerin des Kinderland Parsdorf. So war er unter den ersten Flüchtlingen, die in Bayern „Bufdi“ wurden.

Festus (27) ist obdachlos in Italien.

„Damals konnte er kaum Deutsch“, erinnert sich Boge-Diecker. „Aber er wollte unbedingt arbeiten und hat sich sehr bemüht – deshalb haben wir ihm die Chance gegeben.“ Wenn es nach ihr, ihren Kollegen, den Eltern und den Kindern ginge, dann würde Festus noch heute im Kinderland arbeiten. Doch der 27-Jährige musste Deutschland Ende Januar verlassen. Nicht weil er einen Abschiebebescheid bekommen hatte. Sondern weil er, kurz bevor er vor knapp anderthalb Jahren über die deutsche Grenze kam, bereits in Italien registriert worden war. Nach der Dublin-Verordnung ist der EU-Staat für Asylbewerber zuständig, den die Menschen auf ihrer Flucht als erstes betreten. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben sich seit Herbst 2015, als jeden Tag tausende Flüchtlinge nach Bayern kamen, bergeweise Asylanträge aufgestaut. Deshalb ist Festus’ Fall erst nach 15 Monaten bearbeitet worden. Er wurde vor einigen Wochen abgeholt und in ein Flugzeug nach Rom gesetzt.

Maria Boge-Diecker ist noch immer mit ihm in Kontakt. „Er hat einiges hinter sich“, erzählt sie. Festus lebt in Italien mehr oder weniger auf der Straße. Er hat in Bologna eine Familie kennengelernt, bei der er hin und wieder übernachten kann. Die meiste Zeit ist er auf sich alleine gestellt. Bis zu ihrer Antragsstellung haben die meisten Asylbewerber in Italien kein Dach über dem Kopf und bekommen keine staatliche Unterstützung. Und das kann – je nach Region – auch einige Monate dauern. Selbst danach gibt es nur 26 000 Plätze – und das auch nur für ein halbes Jahr. Danach droht den Flüchtlingen erneut die Obdachlosigkeit.

Das Verwaltungsgericht München hatte in einem Urteil vom September „systemische Schwachstellen des italienischen Asylsystems“ festgestellt – wegen eines „Missverhältnisses“ zwischen der Zahl der Asylanträge und der Zahl der Plätze in den Unterkünften. Das Gericht berief sich auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Es sei demnach nicht ausgeschlossen, „dass eine erhebliche Zahl von Asylbewerbern keine Unterkunft findet, in überbelegten Einrichtungen auf engstem Raum oder sogar in gesundheitsschädlichen oder gewalttätigen Verhältnissen unterbracht wird“. Das Schicksal droht nun vielen Flüchtlingen, die bereits lange in Deutschland leben, aber bereits in Italien registriert sind. Denn das BAMF arbeitet die Anträge nun nach und nach ab.

Festus hat für sechs Monate ein Einreiseverbot nach Deutschland. Wenn in dieser Zeit sein Asylverfahren in Italien nicht aufgenommen wird – was passieren kann –, darf er in Deutschland nochmal einen Antrag stellen. So sehr ihm Maria Boge-Diecker wünscht, dass er nicht mehr auf der Straße leben muss – sie würde sich freuen, wenn sie ihren „Bufdi“ zurückbekäme. Denn für das Kinderland Parsdorf war seine plötzliche Abschiebung eine Katastrophe. „Er hat bei uns eine Erzieherin unterstützt, die im Rollstuhl sitzt und auf Hilfe bei der Arbeit angewiesen ist“, erzählt Boge-Diecker. Dazu komme, dass im Erzieher-Bereich in ganz Bayern händeringend Personal gesucht werde. „Wir wollten einen Beitrag zur Integration leisten“, sagt die Kinderland-Geschäftsführerin. „Wir haben investiert, ihn in unser Team aufgenommen, ihm beim Deutsch lernen geholfen. Die Kinder haben ihn geliebt, die Eltern waren von ihm begeistert.“ Eine Rolle für sein Verfahren spielte das nicht. Boge-Diecker hat mit dem BAMF längst Kontakt aufgenommen. Um darauf hinzuweisen, wie dringend Erzieher gesucht werden. Man sei dort nicht mehr zuständig, wurde ihr gesagt. Auch auf der Ausländerbehörde kam sie nicht weiter. Alles was sie tun konnte, war Festus einige Adressen von Hilfsorganisationen in Italien zu schicken. Und zu hoffen, dass es ihm gelingt, noch einmal von vorne anzufangen. 

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