Blutiges Nachspiel: Wildschwein-Körper nach einer Drückjagd der Staatsforsten im Jahr 2012.
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Blutiges Nachspiel: Wildschwein-Körper nach einer Drückjagd der Staatsforsten im Jahr 2012.

Schweinepest-Verbreiter und Bauern-Schreck

Krieg im Wald: Landkreis Ebersberg zahlt 80 Euro Rüsselprämie pro erlegter Wildsau

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Die Wildschweine in und um den Ebersberger Forst vermehren sich wieder einmal explosionsartig. Jetzt gibt es eine Motivationshilfe für die Jäger: 80 Euro zahlt ihnen der Kreis pro erlegtem Wildschwein für die kommenden drei Jagdjahre.

  • Um den Ebersberger Forst breiten sich die Wildschweine momentan explosionsartig aus.
  • Sie gelten als schädlich für die Landwirtschaft und als Verbreiter der gefährlichen Afrikanischen Schweinepest.
  • Der Landkreis Ebersberg zahlt deshalb Jägern eine Abschussprämie von 80 Euro, doch die Tiere sind schlau.

Landkreis – Wie hilflos moderne Waffentechnik gegen die Natur sein kann, zeigt eine Internet-Suche nach dem Stichwort „Emu-Krieg“. Mit Maschinengewehren rückte das australische Militär in den 1930ern auf das straußenähnliche Federvieh vor, das die dortigen Weizenfelder belagerte. Mit überschaubarem Erfolg, trotz hohen Munitionsverbrauchs, das dokumentiert die Geschichtsschreibung etwas hämisch – weil die lästigen Viecher dazulernten und ihrerseits auf militärische Taktik umschwenkten, sogar Spähvögel abstellten, ohne Schmarrn.

Bestand der Wildschweine hat sich verdoppelt

Dieser Tage plagt den Landkreis Ebersberg ein ähnliches Problem: Die Wildschweine in und um den Ebersberger Forst vermehren sich wieder einmal explosionsartig. Das vermeldete Gerhard Griesbeck von der Unteren Jagdbehörde im Landratsamt bei der jüngsten Sitzung des Kreis-Umweltausschusses: 383 Tiere erlegten die Jäger im Landkreis allein 2019 und nur außerhalb des eingezäunten Teil des Ebersberger Forstes. Zum Vergleich: 2017 waren es 226, 2018, ein Mast- und damit maues Jagdjahr, nur 158 geschossene Tiere. Im Vergleich zum jüngsten normalen Jahr, so Griesbeck, also eine Verdoppelung des Bestands, das schließe man aus den Abschusszahlen.

Wühlschaden und Kahlfraß

Problematisch ist das aus zweierlei Gründen, erläuterte der Wild-Experte Griesbeck: Zum einen machen sich die wilden Schweine in den Äckern, mit Vorliebe Maisfeldern, der Bauern breit – mit allem Wühlschaden und Kahlfraß, der dazugehört. Zum anderen äugen die bayerischen Behörden besorgt nach Sachsen und Brandenburg, wo die Afrikanische Schweinepest (ASP) von Osten her Einzug gehalten hat – eine hochaggressive Tierseuche, immer tödlich, die sich schon über eine weggeworfene Wurstsemmel eines Lastwagenfahrers weiterverbreiten kann. Davor zittern nicht nur Wildhüter, sondern auch Schweinebauern – ist das Virus einmal vor dem oder gar durch das Stalltor, sacken die Fleischpreise ab und ganze Bestände müssen gekeult werden, wie einst beim Rinderwahn. Und die Wildsau ist der ideale Weiterverbreiter.

Jäger müssen technisch aufrüsten

Der Umweltausschuss beschloss daher eine Motivationshilfe für die Jäger im Landkreis: 80 Euro zahlt ihnen der Kreis pro erlegtem Wildschwein für die kommenden drei Jagdjahre. Diese Abschuss- oder Rüsselprämie soll ausgleichen, dass die Jäger technisch aufrüsten müssen – in Wald und Feld kommen mittlerweile Drohnen, Wärmebildkameras und Nachtsichtvisiere zum Einsatz. Den Einsatz dieses Hightech-Arsenals hat die Staatsregierung im Sommer per Allgemeinverfügung genehmigt.

Und hier kommt die australische Emu-Krise ins Spiel. So eine Wildschwein hat nämlich ein größeres Gehirn als jeder Riesenvogel. „Es ist ein schlaues Tier, deswegen haben wir es im Landkreis-Wappen“, kalauerte Landrat Robert Niedergesäß (CSU) am Rande der Umweltausschusssitzung. „Eine Stund fürs Pfund“, lautet eine zugespitzte Jägerweisheit über die nötige Geduld bei der Wildschweinjagd.

Sau profitiert vom Klimawandel

Es wittert Unruhe und Gefahr schon von Weitem, versteckt sich gewieft in Maisfeld und Unterholz, erklärt Karem Gomaa, Chef der Kreisgruppe Ebersberg des Jagdverbands. Er sagt über den Technik-Einsatz: „Ohne diese Hilfsmittel hätten wir schlechte Chancen.“ Vor 25 Jahren, als er mit dem Jagen angefangen habe, sei eine solche Ausrüstungs-Offensive für Nicht-Militärs unvorstellbar gewesen. Hätten damals die gleichen Vermehrungsbedingungen für Wildschweine geherrscht – die Jäger hätten aufstecken müssen. Die Sau profitiert von Klimawandel milden Wintern und mehr Mastjahre als früher – und reichlich Maisanbau im Landkreis.

Aber auch heute ist der Krieg im Wald kostspielig – ein Nachtsicht-Visier kostet an die 8000 Euro. Da müssen bei 80 Euro Abschussprämie mehr Rüssel als Emu-Köpfe in den 1930ern zu Boden sinken, zumal Wildschwein-Fleisch im Verkauf laut Landratsamt keine 50 Cent pro Kilo mehr einbringt.

Corona macht Jägern das Leben schwer.

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