Das waren noch Zeiten: Wann der Männerchor Kirchseeon – und alle anderen Chöre – wieder auftreten können, steht in den Sternen.
+
Das waren noch Zeiten: Wann der Männerchor Kirchseeon – und alle anderen Chöre – wieder auftreten können, steht in den Sternen.

Corona-Lockdown gilt für sie noch

Weil sie nicht singen dürfen: Chöre stinksauer

Chorsänger im Landkreis Ebersberg reicht‘s. Sie sind stocksauer und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.  Grund: Gesangsverbot wegen Corona.

Landkreis – Geduld und Vertrauen brauchen einen langen Atem. Diese leidvolle Erfahrung mussten bayernweit alle Chorsänger nach Bekanntgabe jüngster Lockerungs-Ankündigungen zur Corona-Pandemie machen. Einem frühen Lockdown folgte ein über drei Monate andauernde Phase des Gesangsverbots. Nach all den vollzogenen Lockerungen sollte der Beschluss des Ministerrats vom 26. Mai zur begrenzten Wiederaufnahme des Theater Konzert- und „weiteren kulturellen Veranstaltungsbetriebs“ ab dem 15. Juni unter Schutzauflagen Hoffnungen erwecken, dass auch Sänger ihre gemeinsamen Proben- und Konzertaktivitäten wieder aufnehmen dürften.

Am 4. Juni schickten die Staatsminister Melanie Huml, Staatsminister Bernd Sibler und Staatsminister Florian Herrmann den Ministeraldirektor Dr. Winfried Herrmann per Mail zur Konkretisierung vor. Darin wurde der Instrumentalmusik noch zusätzlich ein einwöchiges Vorziehen der Probentätigkeit eingeräumt. Der Hammer folgte aber im Schlusssatz: „Wegen der erhöhten Infektionsgefahr, die mit lautem Gesang verbunden ist, gilt diese ausnahmsweise Regelung nicht für Chöre und sonstige Gesangsgruppen.“

Viele Chöre hatten drei Monate zuvor die Aktivitäten total eingestellt. Andere nutzen das Internet. Da hieß es dann individuell Woche für Woche: Zimmertür zu, Noten bereithalten, ein Mineralwasser bereitstellen, Handy, Tablet oder Notebook einschalten, Hörstöpsel ins Ohr und sich in eine vorher bekanntgegebene Internetadresse und in einen Chorprobenbetrieb einwählen.

Alle Teilnehmer an diesen Übungen waren sich einig, dass dies nicht die zu einem Konzert hinführende gemeinsame Aktivität sein kann. Halbwegs brauchbar war die einstimmige Arbeit, bei Vielstimmigkeit für die Chorleiter jedoch sehr viel Arbeit. Die ZOOM-Meetings boten aber auch die Möglichkeit, sich virtuell zu treffen und auszutauschen, wenn auch ein im Sinn der Chorarbeit produktives Weiterkommen allgemein jedoch für mindestens „sehr beschwerlich“ eingestuft werden musste.

Es gab auch sehr kreative Lösungen. Der im Landkreis dank eines bestens besuchten Workshops auch bestens bekannte Berliner Komponist, Arrangeur und Chorleiter Carsten Gerlitz hat mit seinen Happy Disharmonists mit einer Version des „Scheiss Corona“ in Youtube den Humor nicht sterben lassen. Das Grafinger Jugendorchester wirbt trotz Absage der traditionellen Sommerkonzerte im Alten Speicher mit gelungenen Instrumental- und Vocal-Videoclips für Zuversicht.

Die Reaktion auf die „Ergänzung zum Vollzug der 5. BaylfSMV“ ließ nicht lange auf sich warten. Am 6. Juni hat sich der Bayerische Musikrat, vertreten durch Dr. Thomas Goppel empört über das kulturelle „Stiefmutter-Konzept“ empört, und er sprach von der sich breit machenden Verbitterung und empfand das Vorgehen der Staatsregierung als unzumutbare Gängelung. Auch die vier bayerischen Musikverbandsvertreter Karl Wendler (BSB-Bayerischer Sängerbund), Dr. Paul Wengert (Bayerisch-Schwaben), Prof. Dr. Friedhelm Brusniak (Franken) und Hermann Arnold (Maintal) machten sich gegenüber der Staatsministerin Melanie Huml, Staatsminister Berns Sieber und Staatsminister Florian Herrmann mit Mail vom 8. Juni Luft.

Nicht nur, dass keine Perspektive für die Wiederaufnahme von Proben- und Konzert-Aktivitäten aufgezeigt wurden. Ganz unakzeptabel wird die von keinerlei fundierter wissenschaftlicher Grundlage gewählte Begründung „lauter Gesang“ betrachtet. Sie verweisen hingegen auf wissenschaftliche Untersuchungen des Instituts für Musikermedizin an der Uni-Klinik Freiburg (Prof. Dr. Bernhard Richter)vom 19. Mai 2020, des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Bundeswehr-Universität München (Prof. Dr. Christian Kähler) vom 8. Mai 2020 und einer „Beurteilung der Ansteckungsgefahr mit SARS-CoV2-Viren beim Singen“ der Charité Berlin vom 4. Mai 2020.

Mit analogen wie sicheren Maßgaben wird die sofortige Aufnahme des Probenbetriebs der Chöre und Ensembles gefordert. Dabei geht es nicht um eine Durchsetzung eines Rechts auf Singen. Man ist sich auf allen Ebenen der Verantwortung für die Gesundheit der bayernweit rund 95 000 Sänger bewusst. Die der Redaktion vorliegenden Reaktionen aus vielen Chorvereinen des Landkreises lassen einen regelrechten „Shitstorm der Empörung und Enttäuschung“ vermuten.

„Wir alle sind uns einig, dass beim Singen besonders aufgepasst werden muss“, meint Eckhard Meißner (BSV-Vorstandsmitglied, Vorstand Chorverband Region Münchener Osten und Chorleiter bei A Cappella! Zorneding), „aber bei der ganzen Lockerungsorgie sieht man mal wieder, welchen Stellenwert die Kultur im allgemeinen und die Musik im besonderen bei den hohen Tieren am Schaltknüppel der Gesellschaft besitzt.“ Zumindest im Freien sollte jetzt im Sommer aus seiner Sicht gesungen werden können.

Keine Zurückhaltung zeigt Kathrin Schiele Kiehn, seit über 15 Jahren Chorleiterin beim Rondo Vocale Chor aus Vaterstetten. „für viele ist das Chorsingen nicht nur Musik, sondern auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt, daher schmerzt die Zwangspause sehr. Kein gutes Haar lässt sie an der Politik: „In der Coronakrise zeigt sich die Missachtung der Politik gegenüber der Rolle der Kultur in unserer Gesellschaft. Zuerst werden Künstler bei der Verteilung von finanziellen Unterstützungen ‚vergessen’. Dann wird Musikunterricht im Homeschooling vielerorts einfach gestrichen.

Sie ist noch nicht fertig und fürchtet eine Veränderung der gesamten Chorszene: „Singen mit Abstand und Maske macht wenig Spaß. Chorgröße, Art des Programms, Saalgröße, Konzertatmosphäre und der Kampf ums finanzielle Überleben wird die Zukunft bestimmen. Chöre brauchen einen langen Atem und große Frustrationstoleranz.“

Die Stimmung weiter im Osten des Landkreises ist nicht besser. Michael Riedel, Chorleiter vom Männerchor Kirchseeon (MCK), befürchtet bei anhaltender Chorblockade nicht mehr Infektionen aber dafür mehr „kranke Seelen“.

MCK-Vorstand Gabor Fischer bemängelt die widersprüchliche und uneinheitliche Vorgehensweise der Politik. Er hofft wie alle Vereinsvorstände, dass das Verständnis stärker als der Verzichtfrust ist.

Die Sorgen und das Bedauern über das anhaltende totale Gesangsverbot werden nicht geringer, fragt man noch weiter im Osten nach, wo auch die traditionsreichsten Chöre das Landkreises beheimatet sind.

Ursula Roth, im dritten Jahr Chorleiterin des Sänger- und Orchestervereins von 1842 in Ebersberg, empfindet, „als ob etwas Wesentliches im Leben fehlt, das einen hebt und trägt“. Sie findet Chorgesang mit fünf oder sechs Meter Abstand bei 30 Sängerinnen für illusorisch, vor allem, wenn auch noch mit Atemmaske gesungen werden sollte. Vorstand Maria Grabmeier und Chorleiterin Theresa Rothenaicher von der Liedertafel Grafing von 1857 hoffen, dass eine noch länger anhaltende Pause und Trennung dem Bestand ihres Chors nichts anhaben wird, zumal auch alle gesellschaftlichen Aktivitäten wie Chorreise ausfallen müssen. Die Einsicht in die Notwendigkeit von Beschränkungen ist groß, wenn auch viele Fragezeichen bleiben.

Auch beim Wasserburger Bachchor ist die Stimmung schlecht. Tenorist Klaus: „Klar, Sicherheitsbestimmungen sollten eingehalten werden, aber mit sinnvollen Lockerungen und eigenverantwortlichem Umgang der Situation sollte es doch möglich sein, Proben in kleinen Gruppen, wie bei Theater oder Kino, Kapellen oder kleinen Orchestern abzuhalten.

So gibt es im Landkreis auch Stimmen, die wenig Vertrauen in die Maßnahmen und Informationsehrlichkeit der Politik zeigen und auch um Anonymität bitten. Besonders beklagt wird die Ungleichbehandlung verschiedener Interessengruppen. Der oft mit viel Herzblut über Jahrzehnte aufgebaute und gepflegte Bestand von Chören und Vereinen gerät in Gefahr. Auf der einen Seite gibt es Abstandsregeln und Maskenpflichten, die weggelächelt werden, andererseits aber als Ordnungswidrigkeiten zu Geldstrafen führen. Fingerspitzen- als auch Gerechtigkeitsgefühl der Ordnungshüter bleiben gefragt in der Hoffnung auf baldige Entspannung.

Wilfried Gillmeister

Auch interessant

Kommentare