Die Corona-Krise stürzte auch im Landkreis Ebersberg viele alte Menschen in die Einsamkeit. Eine 71-jährige Frau berichtet.
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Die Corona-Krise stürzte auch im Landkreis Ebersberg viele alte Menschen in die Einsamkeit. Eine 71-jährige Frau berichtet.

Bericht einer 71-Jährigen

Das Schlimmste ist, die Enkel und Urenkel nicht mehr zu sehen

  • vonJörg Domke
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„Das Schlimmste“, sagt Gerda B. (Name geändert), „ist, dass man die Enkel und Urenkel nicht sehen kann“. Ein  Beispiel, wie Senioren unter Corona-Einschränkungen leiden.

Landkreis Die Frau ist 71, Witwe, wohnt seniorengerecht in einer kleinen Wohnung im Landkreisnorden, ist inzwischen auf einen Rollator angewiesen und im Moment froh, in Zeitungen oder im Fernsehen davon hören und lesen zu können, dass jeden Tag ein Stück mehr Normalität in den von Corona beherrschten Alltag einzieht.

Seit 2014 im Altenheim

Gerda B. hat, wie viele Seniorinnen und Senioren in diesen Krisenzeiten, viel hinter sich. Und weiß doch, dass es ihr noch verhältnismäßig gut gegangen ist. Besser jedenfalls als ihrer Schwester. Die ist „erst“ 64, aber aufgrund einer schweren Krebserkrankung körperlich so sehr eingeschränkt, dass Gerda B. sie nicht mehr selber pflegen konnte. Seit 2014 lebt die Schwester daher in einem Altenheim im Landkreis. Zwölf Kilometer von der Wohnung der gelernten Großhandelskauffrau entfernt.

Jeden Tag zur Schwester geradelt

Vor Corona machte sich Gerda B. trotz ihrer eigenen Einschränkungen auf und radelte mit einem E-Bike jeden zweiten Tag zur Schwester. Dann wurde stundenlang geratscht. Man vergnügte sich in einem Café, Gerda B. schob den Rollstuhl der Schwester, machte mit ihr Arztbesuche oder kleinere Einkäufe. Geistig, sagt sie, ist ihre Schwester fit. Sie bewohnt ein Einzelzimmer, hört gerne Musik oder Hörbücher.

Mitte März war schlagartig Schluss

Doch Mitte März war schlagartig Schluss mit diesen Besuchen. Wegen Corona ließ das Heim keine Gäste mehr ins Haus. Ein übliches Verfahren, gegen das Gerda B. auch nichts sagt. So gut es ging, hatte sich das Heimpersonal weiterhin fürsorglich um die Bewohner gekümmert, sagt sie. Weiterhin radelte sie zum Heim, gab dort an der Pforte Schokolade oder Nüsse ab. Manchmal, so die gebürtige Schwabenerin, habe man das Küchenfenster offengelassen, sodass wenigstens ein kurzes Gespräch mit der Schwester möglich wurde. Oft nur zehn Minuten, aber immerhin. Diese Kontaktmöglichkeiten hätten sehr geholfen, meint Gerda B.. Und dass sie und ihre Schwester sich trotz der Tag für Tag schwieriger werdenden Situation (Stichwort Kontaktbeschränkungen) eine Restportion Humor bewahren konnten. Gerda B. berichtet aber auch davon, zuletzt viel Traurigkeit gesehen zu haben.

Bei schönem Wetter im Garten

Dann gab es erste leichte Lockerungen. Eine Kontaktperson darf ins Haus für maximal eine Stunde in einen Extraraum mit Plexiglastrennung. „Eine sonderbare Situation“, sagt Gerda B.. Bei schönem Wetter konnte man immerhin in den Garten gehen und mit gehörigem Sicherheitsabstand reden. Inzwischen dürfen Bewohner auch wieder Kontakt zu weiteren Personen haben.

Schutzmaßnahmen haben sich rentiert

Die Schutzmaßnahmen haben sich rentiert, sagt Gerda B. einerseits. Im Heim habe es ihres Wissens keinen Corona-Fall gegeben. Und doch fragt sich die Seniorin jetzt, ob nicht doch schon die Zeit da sei, weitere Lockerungen, die sie in den Medien jeden Tag mitbekommt, auch lokal umzusetzen. Zum Beispiel, dass der Friseur wieder ins Heim darf. „Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man fast vier Monate auf einen Friseur verzichten muss“. Im Gesundheitsamt rief sie an, beim Träger des Heims. Und fragte, wann mit weiteren Lockerungen zu rechnen sei. Erschöpfende Antworten habe sie nicht bekommen. Inzwischen soll es wieder Friseurbesuche geben, sagt Gerda B.. Nur eine Kleinigkeit vielleicht, aber trotzdem etwas, was besonders bei ihrer Schwester die Lebensfreude wieder hat zusätzlich erblühen lassen. „Wir Alten“, fügt sie an, „haben ja sonst nicht mehr viel, was wir machen können“.

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