In ihrem Testzelt in der Ebersberger Bahnhofstraße hat Jutta Hiebel bisher 220 Abstriche auf das Coronavirus genommen. Ab kommender Woche will sie in Ebersberg und Glonn bis zu 800 Tests die Woche stemmen.
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In ihrem Testzelt in der Ebersberger Bahnhofstraße hat Jutta Hiebel bisher 220 Abstriche auf das Coronavirus genommen. Ab kommender Woche will sie in Ebersberg und Glonn bis zu 800 Tests die Woche stemmen.

Sie lässt den Staat alt aussehen

„Möchte mein altes Leben zurück“: Bayerische Apotheken-Mitarbeiterin startet eigene Corona-Test-Offensive

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Jutta Hiebel hat in einer Ebersberger Apotheke installiert, wozu der Staat bislang nicht in der Lage ist: Ein kostenloses Corona-Schnelltest-System, das tatsächlich funktioniert.

Ebersberg/Glonn – Vor der Marienapotheke in Ebersberg steht ein Zelt und in dem Zelt steht Jutta Hiebel. Die pharmazeutisch-technische Assistentin* und Frau des Apothekers hat das geschafft, wozu der Staat bislang nicht in der Lage ist: ein kostenloses Corona-Schnelltest-System auf die Beine zu stellen, das tatsächlich funktioniert. Über 800 Abstriche in der Woche soll Hiebels Team bald schaffen – im Wechsel sind es dann 21 Helfer, die auf 450-Euro-Basis testen wie die Weltmeister. Ihre „Taskforce“, nennt Hiebel das. „Ich bin total stolz, dass das so klappt“, sagt sie.

Apotheke bietet systematisch Corona-Schnelltests - Testwillige kommen sogar extra aus München

Die Testwilligen rennen ihr die Zelttür ein – inzwischen ist der Andrang so groß, dass die Termine auf Tage ausgebucht sind. Die Leute kommen aus Ebersberg und der ganzen Region, von Grafing über Markt Schwaben bis Wasserburg. Pendler aus München und Rosenheim sind darunter, für die die testwütige Apotheke auf der Strecke liegt. Und auch Firmen buchen Reihentests, sogar das benachbarte Amtsgericht habe sich schon gemeldet. Offenbar füllt Hiebel eine Marktlücke. Sie sagt: „Das ließe sich in jeder Apotheke machen.“ Nur ist sie bisher halt die einzige.

Corona-Schnelltest in der Apotheke: Ein zweites Testzelt öffnet in Glonn

Vor der noch nicht eröffneten Filiale der Hiebels in Glonn, der Hubertus-Apotheke, wird expandiert: Auch dort öffnet Anfang April, ein Testzelt. Ab dann wird in Ebersberg und Glonn von Montag bis Samstag an sechs Tagen in der Woche getestet, auch feiertags, einzige Ausnahme: der Ostersonntag, weil da kein Laborfahrer unterwegs sei.

Angefangen hat es damit, dass sich Jutta Hiebel Ende Januar einen Ganzkörper-Schutzanzug überstreifte und sich allein nach draußen in ihr kleines Testzelt in die Kälte stellte. Sechs Wochen lang. Und obwohl die Kunden damals noch bezahlen mussten – für 32 Euro gab es den Antigen-Schnelltest und noch zwei FFP2-Masken obendrauf –, stellte sich laut der 57-Jährigen schnell eine rege Nachfrage ein.

Bisher kein positiver Corona-Test in der Apotheken-Station

In der Folge organisierte Hiebel ein Labor, das nun die komplexeren PCR-Tests für sie auswertet, die als amtlicher Nachweis für eine Infektion gelten. Das Ergebnis gibt’s am nächsten Tag. Bisher haben an der Marienapotheke rund 220 Tests stattgefunden – noch sei kein Positiv-Ergebnis darunter gewesen.

In der Apotheke: Gratis-Corona-Tests für (fast) alle

Für alle mit Wohnsitz in Bayern ist sowohl der Schnell- als auch der PCR-Test seit 8. März kostenlos – es zahlt der Staat. Einzige Ausnahme: Reiserückkehrer und solche, die es werden wollen, den PCR-Test also für den Urlaub brauchen. Sie müssen knapp 100 Euro bezahlen.

Anders als bei den Diagnostikzentren am Sparkassenplatz und in der Kreisklinik funktioniert die Testbuchung bei der Marienapotheke online, darin sieht Jutta Hiebel ihr Alleinstellungsmerkmal. „Ich frage mich, warum das dort nicht funktioniert“, sagt sie kritisch über die per Telefon agierenden Testzentren.

Forderung: Apotheken mehr in Teststrategie einbinden

Die pharmazeutisch-technische Assistentin trommelt dafür, ihre Branche mehr einzubinden. In Hausarztpraxen sei es schwierig, Personal zum Testen abzustellen. „Die Apotheken sind besser aufgestellt“, sagt Hiebel. Die Tests führen bei ihr Studenten nach einer kurzen Schulung durch, die sich so etwas dazuverdienen. „Eine Win-win-Situation“, diagnostiziert Hiebel. Die Apotheke erhalte 15 Euro pro durchgeführtem Test und könne es sich daher leisten, die Mitarbeiter fair zu bezahlen. „Sicherlich, das lohnt sich“, sagt sie über den finanziellen Aspekt ihrer Test-Offensive.

Corona-Pandemie: Mit Test-Offensive das „alte Leben zurück“

Deswegen allein mache sie es aber nicht, betont die die 57-Jährige. „Es macht Spaß und ist sinngebend“, sagt sie über den organisatorischen Aufwand, den sie für ihr Konzept mitsamt Online-Anmeldung betreiben musste. Insgesamt halte sie das viele Testen für sinnvoll, um die Ausbreitung des Virus besser in den Griff zu bekommen. „Ich möchte mein altes Leben zurück“, sagt Jutta Löbel. Mit ihrer Testoffensive wolle sie dazu einen Beitrag leisten.

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*In einer früheren Version des Textes wurde Frau Hiebel als Apothekerin bezeichnet. Die korrekte Berufsbezeichnung lautet pharmazeutisch-technische Assistentin.

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