Peter Kreissl, Ärztlicher Direktor der Kreisklinik Ebersberg.
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„Alle unsere derzeitigen Patienten sind ungeimpft“: Peter Kreissl, Ärztlicher Direktor der Kreisklinik Ebersberg.

Merkur-Interview mit Direktor

„Auf der Intensivstation kommt die Reue zu spät“: Kreisklinik ringt mit ungeimpften Covid-Patienten

  • Josef Ametsbichler
    VonJosef Ametsbichler
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Die Kreisklinik Ebersberg meldet eine volle Intensivstation und einen plötzlichen Anstieg der Covid-19-Patientenzahlen. Der Ärztliche Direktor Dr. Peter Kreissl spricht über Ursachen und Konsequenzen.

Ebersberg – Das Handy in der Brusttasche von Dr. Peter Kreissl klingelt mitten unterm Interview mit der EZ. Der Zustand eines Patienten auf der Corona-Station hat sich verschlechtert. Aber in Ebersberg ist keines der 18 Intensivbetten mehr frei. Der Patient muss in ein anderes Krankenhaus verlegt werden. Kreissl, Ärztlicher Direktor der Kreisklinik, nennt dem Kollegen am Telefon eine mögliche Option. Es sind nicht viele. Im ganzen Krankenhausverbund mit Erding und Freising ist nur ein freies Bett gemeldet. Hoffentlich findet Kreissls Team eine schnelle Lösung. „Das ist die Lage“, sagt der Chefarzt. „Das ist live.“ Ein Interview über Solidarität in der Pandemie.

- Herr Dr. Kreissl, vor genau einem Jahr hatten wir landkreisweit 31 Infizierte, von Krankenhausbelegung war keine Rede. Jetzt sind es zehnmal so viele und gerade behandeln Sie sieben Corona-Patienten, vier davon auf Intensiv. Was ist da los?

Die Menschen sehen, dass es dank der Impfung voran geht. Und viele derjenigen, die sich daran nicht beteiligt haben, haben das ebenso gesehen. Die Menschen sind unbeschwert in den Urlaub gefahren. Das spiegelt sich in der Inzidenz wider. Die Krankenhauszahlen ergeben sich vor allem aus den Älteren, 50 plus. Alle unsere derzeitigen Patienten sind nicht geimpft. Dabei ist die Impfung für diese Risikopatienten gerade das Allerwichtigste.

- Also ist bei den Jüngeren Entspannung angesagt?

Long Covid und Post Covid können junge Leute sehr belasten. Wir sehen Herzprobleme, Lungenprobleme, Gedächtnisstörungen. Das kann den Alltag lange Zeit verändern. Dieses Restrisiko besteht immer. Außerdem finden die meisten Ansteckungen im privaten Kreis statt. Da sind die Kontakte enger und sorgloser. Wie willst du denn den Enkeln verbieten, die Oma zu umarmen?

Ansteckung in ungeimpften Familien: „Als Corona-Beatmungspatient liegen Sie schnell mal sieben Wochen“

- Sehen Sie die Folgen bei sich auf der Station?

Wir erleben die konkrete Situation, dass ein älteres Paar schwer krank hier ankam. Die Ansteckung kam über die Familie, alle Beteiligten ungeimpft. Die beiden sind noch hier und werden beatmet – Ausgang ungewiss. In der Vergangenheit ist es bei solchen Szenarien auch zu Todesfällen gekommen, einer war ein Mann Mitte 50. Als Corona-Beatmungspatient liegen Sie schnell mal sieben Wochen. Auf der Intensivstation kommt auch die Reue zu spät, dass man sich nicht hat impfen lassen.

- Was macht der aktuell rapide Anstieg der Fallzahlen mit Ihrer Klinik?

Als erste Sicherheitsmaßnahme haben wir einen Teil der Isolierstation wieder eröffnet. Wir wollen nicht überrumpelt werden, wenn es mehr werden. Das Nadelöhr ist naturgemäß die Intensivstation. Wir können das noch schultern, aber notfalls müssen wir schwerere Operationen, die vermeidbar sind, zurückstellen.

Ungeimpfte Covid-Patienten in Kreisklinik: Bei mehr Fällen droht eine „ganz andere Scharfschaltung“

- Gerade haben wir live erlebt, dass für einen Covid-Patienten kein Intensivbett frei war.

Beim Interview: Peter Kreissl (re.), Ärztlicher Direktor der Kreisklinik Ebersberg, am Mittwoch in seinem Büro in der Klinik mit EZ-Redakteur Josef Ametsbichler.

Wenn wir voll sind, müssen wir zum Telefon greifen und versuchen, den Patienten zu verlegen. Momentan bewegt sich das noch im Rahmen unserer Alltagsgeschäfte. Wenn die Covid-Fälle noch mehr werden, muss eine ganz andere Scharfschaltung kommen, die wir uns alle nicht wünschen. Vielleicht haben wir aber auch Glück und wir erleben nach diesem Schub durch die Reiserückkehrer wieder eine Entspannung.

- Müssen wir Angst vor dem Winter haben?

Ich würde mir wünschen: nein. Die Regierung wird sich keinen weiteren Lockdown leisten können. Also werden die Regeln für Ungeimpfte schärfer werden. Alle hatten das Angebot und müssen jetzt mit den Konsequenzen leben. Vielleicht kommen wir dadurch etwas glimpflicher davon. Prinzipiell sind wir gelassener als letztes Jahr. Da spielt auch mit rein, dass unsere geimpften Mitarbeiter für sich und im Umgang mit Anderen mehr Sicherheit haben. Sie können sich nach einem Corona-Kontakt testen und weiterarbeiten.

Impf-Unlust gegen Corona auch bei Klinik-Personal: „Kann es nicht nachvollziehen“

- Rund zwei Drittel Ihrer Mitarbeiter sind geimpft. Die Quote ist also kaum höher als bei der Landkreisbevölkerung insgesamt. Warum?

Das wundert mich. Anscheinend sind wir auch nur Menschen. Kritische Stimmen zum Impfen unter Pflegekräften und Ärzten sind nichts Neues, obwohl sie sehen, was hier passiert. Ich kann es nicht nachvollziehen, nur spekulieren, dass da Ängste im Spiel sind. Aber jeder, der immunologisch auch noch so stark ist, kann trotzdem einen anderen Menschen anstecken – und in so im Extremfall in die Situation bringen, dass er daran sterben kann. Also ist das Impfen eine Kollektiventscheidung. Wir haben eine Pandemie, die es erfordert, dass wir zusammenhalten.

- Braucht es also eine Impfpflicht für Klinikpersonal?

Es würde einen Aufschrei geben, wenn wir es so machen würden wie in Frankreich oder anderen Ländern...

- Sie sind Mediziner, kein Politiker.

Medizinisch könnte ich das nur unterstützen. Wir haben eine Verantwortung für die Mitmenschen, an denen wir hier arbeiten. Dank unserer massiven Schutzmaßnahmen sollte das Ansteckungsrisiko aber generell gering sein.

Ärztlicher Direktor über den Faktor Freiheit nach einer Corona-Impfung

- Viele verweisen auf die persönliche Freiheit bei der Impfentscheidung.

Ich kann das verstehen. Aber ich beobachte auch: Seit ich geimpft bin und nur noch mit Geimpften zusammen bin, hat sich mein Leben wieder deutlich normalisiert. Es ist unkomplizierter geworden. Die Sorge, sich gegenseitig anzustecken ist weg. Natürlich können sich vereinzelt auch Geimpfte infizieren und das Virus übertragen, aber sie entwickeln keine schweren Symptome. Bei uns ist noch keiner auf der Intensivstation gelandet.

- Welche Erfahrungen machen Sie mit Impfnebenwirkungen?

Es kommen gelegentlich Patienten in die Notaufnahme. Mit Kopf- oder Muskelschmerzen, Fieber, Übelkeit, Unwohlsein. Das sind in der Regel flüchtige Symptome, die alle beherrschbar sind. Wir hatten auch ganz wenige Fälle von Herzmuskelentzündung. Auch die sind reversibel gewesen.

Besuchsbeschränkungen wegen neuer Corona-Welle: „Nicht deprimieren, sondern Risiko minimieren“

- Für die Kreisklinik gelten wieder strikte Besuchsbeschränkungen.

Wir wollen nicht unsere Patienten deprimieren, sondern das Risiko minimieren. Vor allem durch die 3G-Regelung haben wir einen ganz guten Schutz und einigermaßen die Sicherheit, dass nichts eingeschleppt wird. Wir können nicht in die Zimmer schauen: Dort ist Emotionalität im Spiel, da kommen sich die Leute auch näher. Das können wir verstehen, aber wir müssen das Kontaminationsrisiko so gering wie möglich halten. Deswegen auch die drei Stunden Besuchszeit am Tag. Ausnahmen machen wir natürlich für Schwerstkranke, Sterbende und bei Geburten. In den glücklichsten und traurigsten Momenten können die Leute also immer kommen.

Die Fragen stellte Josef Ametsbichler

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