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Von München nach Grafing: Jakob und Beth Berr mit Jakob (1) und Annie (3).

Serie: Wie der Boom eine Region prägt

Unsere Stadt wird unbezahlbar: 25.000 Münchner ziehen aufs Land

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München wächst – und das spürt auch das Umland. In einer großen Serie fragt die tz, wie sich der Boom rund um München auswirkt. Diesmal besuchen wir den Landkreis Ebersberg, wo immer mehr Menschen hinziehen.

Es ist nicht so, dass Jakob (37) und Beth (33) Berr aus München wegwollten. „Man kann in München sehr schön leben“, sagt Jakob Berr, „wenn man ein sechsstelliges Einkommen hat.“ Zwar verdienen der Fotojournalist und die Produktfotografin mehr als der Durchschnitt der Deutschen - aber immer noch zu wenig, um für sich und ihre Kinder in München ein Eigenheim mit Garten kaufen zu können. Die Berrs beschlossen deshalb, ihr Glück im Umland zu suchen. 

Immer mehr Münchner ziehen auf der Suche nach einer bezahlbaren Immobilie in die Region. Im Jahr 2017 waren es dem Statistischen Amt zufolge mehr als 25.000! Darunter fast 4600 Kinder bis zehn Jahre. Dagegen zogen nur 17.870 Menschen aus der Region in die Stadt - ein Plus von fast 7500 Münchnern zugunsten der Region. Vor vier Jahren waren es noch 24.069 Münchner, die in den Speckgürtel auswanderten. Zu einem der beliebtesten Ziele entwickelt sich der Landkreis Ebersberg. Hier sind Immobilien vergleichsweise günstig. In der Stadt Ebersberg zum Beispiel liegt der Kaufpreis für ein Einfamilienhaus laut IVD-Marktbericht bei „nur“ 46 Prozent des Münchner Niveaus. Nur wie lange noch? Fast 2500 Münchner  zogen im Jahr 2017 in den Kreis Ebersberg. Er steht damit auf Platz drei der gefragtesten Ziele der Münchner in Oberbayern (siehe Tabelle). Übertroffen nur vom Landkreis München mit fast 9700 Zuzüglern aus der Stadt und dem Landkreis Fürstenfeldbruck mit mehr als 4400. 

Grafing? „Der perfekte Ort für eine traumhafte Kindheit“

Auch die Berrs leben seit Kurzem mit Annie (3) und Jakob (1) im Landkreis Ebersberg. In der 14.000-Einwohner-Stadt Grafing mit historischem Ortskern und Kino haben sie ein knapp 90 Quadratmeter großes Haus aus dem Bestand gekauft.  Garten, Panoramafenster, offener Kamin - „I love it“ flüsterte die US-Amerikanerin Beth Berr ihrem Mann bei der Besichtigung ins Ohr. Auch die Nähe zum Ebersberger Forst überzeugte die Familie. „Hier können unsere Kinder im Wald spielen, sich dreckig machen. Der perfekte Ort für eine traumhafte Kindheit.“ Durchschnittlich 650.000 Euro kostet eine Doppelhaushälfte in der Stadt Grafing laut IVD-Marktbericht. Die Berrs hatten gar nicht mehr damit gerechnet, ein Haus zu finden. „Wir haben drei Jahre lang gesucht wie blöd“, erzählt Jakob Berr. „Wir waren in Aying, Aßling und Germering, in Unter- und in Oberschleißheim. Wir waren in jedem Landkreis rund um München.“ Seinerzeit wohnten sie zur Miete auf 60 Quadratmetern in Milbertshofen. Das zweite Kind war unterwegs, und so langsam drängte die Zeit. 

Die Berrs überlegten sogar, in Jakob Berrs Heimatstadt zu ziehen - 100 Kilometer nördlich von München! Doch täglich mit dem Auto zur Arbeit nach München zu fahren, war ihnen zu riskant: Jakob Berr war drei Jahre alt, als sein Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. „Wenn ich jeden Tag 200 Kilometer pendle, fordere ich das Schicksal heraus. Das wollte ich für meine Familie nicht“, sagt er. Klar war also, dass das neue Heim ans S-Bahn-Netz angeschlossen sein muss. Das ist für die meisten Münchner Auswanderer wichtig. Seit der Landkreis Ebersberg in den 1970er-Jahren ans S-Bahn-Netz ging, kletterte die Einwohnerzahl nach oben - seit 1980 um 40 Prozent. „Je höher der Druck in München, desto mehr entweicht er entlang der S-Bahn-Äste“, sagt Stephan Kippes vom Maklerverband IVD. Bis 2035 soll der Landkreis Ebersberg nach Angaben des Bayerischen Amts für Statistik um weitere 15 Prozent wachsen. München wird im gleichen Zeitraum nur um 12,4 Prozent größer werden. Schon jetzt entwickeln sich die Mietpreise im Landkreis Ebersberg rasanter als in München. In der Kreisstadt Ebersberg stiegen sie von Frühjahr bis Herbst 2017 laut IVD-Marktbericht um fast 13 Prozent! Im gleichen Zeitraum verteuerten sich die Mieten in München nur um 3,3 Prozent. Noch krasser entwickelten sich die Kaufpreise: Einfamilienhäuser in Ebersberg sind um fast 12 Prozent teurer geworden, in München nur um 5,4 Prozent. In Vaterstetten - sehr nah an München - übersteigt die Nachfrage nach Kaufimmobilien bei Weitem das Angebot. Die Preise für Einfamilienhäuser zählen zu den teuersten im Umland (siehe Tabelle).

Lesen Sie dazu: Das ist die Wunschliste der Kreisklinik Ebersberg 

Auch das Haus der Berrs war begehrt - nicht zuletzt weil Grafing zwei S-Bahn-Stationen hat. Dass sich die Familie Berr gegen zahlreiche Kaufinteressenten durchsetzen konnte, hat mit einer schicksalhaften Fügung zu tun. „Unsere Kinder haben jeweils am gleichen Tag Geburtstag wie die Kinder der Verkäufer“, erzählt Beth Berr. „Als die Verkäuferin das erfahren hatte, war sie überzeugt, in uns die Richtigen gefunden zu haben.“

„Zu uns kommen die Familien“

Der Volkswirt Robert Niedergesäß (CSU) ist seit 2013 Ebersberger Landrat. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in Vaterstetten. 

Herr Niedergesäß, Ihr Landkreis ist auf Platz drei der begehrtesten Ziele Münchner Auswanderer. Ist das Fluch oder Segen? 

Robert Niedergesäß: Wir freuen uns, dass unser Landkreis so beliebt ist. Es sind ja insbesondere Familien mit Kindern, die zu uns ziehen. Dadurch bleiben wir ein junger Landkreis. Das ist mir lieber als die Abwanderung, die es in anderen Regionen gibt und die mit einem Abbau der Infrastruktur einhergeht. Aber natürlich hat jede Medaille zwei Seiten. Es wird enger, und wir müssen mehr Infrastruktur schaffen. 

Der Volkswirt Robert Niedergesäß (CSU) ist seit 2013 Ebersberger Landrat. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in Vaterstetten. 

In welchen Bereichen? 

Niedergesäß: Der Landkreis hat beschlossen, in den nächsten zehn Jahren 160 Millionen Euro in Bildung zu investieren, darunter ein fünftes Gymnasium in Poing und ein Berufsschulzentrum. Hauptknackpunkt ist bezahlbarer Wohnraum. Damit einhergehend brauchen wir mehr öffentlichen Nahverkehr. Das alles muss im Einklang mit der Natur geschehen, denn wir sind nicht nur durch den Ebersberger Forst ein grüner Landkreis und wollen das bleiben. 

Wie gelingt das? 

Niedergesäß:

Wir engagieren uns seit Jahrzehnten freiwillig für bezahlbaren Wohnraum, obwohl das keine Aufgabe der Landkreise, sondern der Gemeinden ist. Wir haben letztes Jahr eine neue Wohnbaugesellschaft gegründet. Gerade bauen wir in Grafing das erste Gebäude mit 21 Wohnungen, das zweite mit zehn Wohnungen wird dieses Jahr in der Gemeinde Moosach errichtet. In Anzing geht es kommendes Jahr weiter mit 20 bis 30 Wohnungen. Das sind wichtige Mosaikstücke. Wir wollen auch gut 100 Wohnungen an der Kreisklinik bauen für das Personal. Damit unterscheiden wir uns von anderen Landkreisen, die sagen, das ist nicht unser Thema. Außerdem werden wir den Regionalbusverkehr ausbauen. In den acht MVV-Landkreisen haben sich seit 1996 die gefahrenen Buskilometer von 17 Millionen auf über 36 Millionen Kilometer pro Jahr mehr als verdoppelt. Und es geht weiter.

Hier finden Sie die anderen Teile der Serie: 

Unterföhring: Klein-Hollywood an der S-Bahn

Miesbach: München gräbt uns das Wasser ab

Oberschleißheim: So wichtig wären neue Rad-Autobahnen

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