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„Letztendlich geht es immer um Macht und Kontrolle“: Renate Jess (66) vom Frauennotruf Ebersberg.

Ebersberger Frauennotruf

Bei Renate Jess (66)  finden misshandelte Frauen Zuflucht und Hilfe

In der Weihnachtsserieerzählen wir Geschichten von Menschen, die für andere da sind. Auch Sie können Vereine und Organisationen unterstützen, in denen diese Menschen tätig sind. Eine ist Renate Jess (66). Sie berät Frauen, die von ihren Männern grün und blau geschlagenwurden.

Eine junge Frau steht in einem Zimmer eines Frauenhauses, in dem sie vorübergehend Schutz vor ihrem gewalttätigen Partner gefunden hat. Der Landkreis Ebersberg hat kein eigenes Frauenhaus.

Ebersberg – Es war Sommer. Samstagnacht. Irgendwo im Landkreis. Um halb eins greift Melanie O. (Name geändert) zum Telefon und ruft den Frauennotruf in Ebersberg an. Am anderen Ende der Leitung nimmt Renate Jess den Hörer ab. Was sie hört, ist eine schluchzende Frau. Kaum zu beruhigen.

Dann fängt Melanie O. zu erzählen an: Ihr Ehemann habe sie geschlagen und gewürgt. Er sei betrunken. Sie habe ihre zweijährige Tochter geschnappt und sei zur Nachbarin gegenüber geflüchtet. Das sechs Monate alte Baby sei noch in der Wohnung. Sie habe Angst, wolle nicht zurückgehen.

Renate Jess ruft die Polizei. Sie fährt zu Melanie O., zur Wohnung der Nachbarin. Dort findet sie die aufgelöste Mutter. Sie hat Würgemale, und blaue Flecken überall am Körper.

Wenn Frauen wie Melanie O. zuhause nicht mehr sicher sind, muss Renate Jess schnell sein. Die Ebersbergerin ist eine von zehn ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs in Ebersberg. Sie sind oft die erste Anlaufstelle für Frauen und Mädchen, die Gewalt erleben.

Renate Jess öffnet die Tür eines Beratungszimmers im Büro des Vereins „Frauen helfen Frauen“. Die Wände sind in zarten Beige gestrichen. An einer Seite gibt es eine Ecke für Kinder – mit Spielzeugeisenbahn und Kuschelbär. In einer anderen Ecke steht eine Lampe, die warmes, sanftes Licht macht. Renate Jess setzt sich an einen kleinen Holztisch auf einen der gemütlichen Stühle. Die 66-Jährige sieht elegant aus: Unter einem weiten Pullover trägt sie eine weiße Bluse. Sie hat schulterlange, hellgefärbte Haare. Auf ihrer Nase sitzt eine weinrote Brille. Ihre Augen sind ernst, der Blick ist konzentriert. Wie meistens, wenn sie auf einen der Stühle sitzt, ihre Füße übereinanderschlägt und den Frauen und Mädchen zuhört.

„Hier tun sich menschliche Abgründe auf“, sagt sie. Eingesperrte Frauen, Knochenbrüche, Vergewaltigungen – häusliche Gewalt hat viele grässliche Gesichter. Oft beginne die körperliche Gewalt mit Demütigungen und Drohungen. „Letztendlich geht es immer um Macht und Kontrolle“, sagt Renate Jess.

Wenn die Ebersbergerin von Watschen und Verbrennungen, Ausgehverboten und Stalking erzählt, ist sie gefasst, fast nüchtern. „Ich muss professionell bleiben“, sagt sie. „Für Emotionen ist kein Platz“.

Manchmal wird Renate Jess mit den Schicksalen der Frauen, die sie berät, nicht alleine fertig. Dann spricht sie mit eine der festangestellten Sozialpädagoginnen. Über Kinder, die zusehen, wenn der eigene Vater die Mutter schlägt. Oder darüber, ob sie als Helferin alles richtig gemacht hat. Es kommt auch vor, dass die Männer der betroffenen Frauen anrufen. Sie wollen wissen, wo ihre Frauen stecken. „Da werden wir auch beschimpft“, berichtet Jess.

Warum tut sich das Renate Jess freiwillig an – seit 20 Jahren? „Ich habe selbst zwei Töchter. Das Thema ist natürlich wichtig“, sagt die Frau. Ihr gehe es um das große Ganze der häuslichen Gewalt: Nicht nur die Beratung der Opfer sei wichtig, sondern auch ihre Stärkung in der Politik. Sie fordern besser Ausstattung und mehr Personal für die Frauenhäuser in Bayern.

Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten, sagt Renate Jess. Reiche, Arbeitslose, „Normale“ von nebenan – Gewalt an Frauen gebe es überall.

Fast 400 mal kontaktierten Frauen und Mädchen den Notruf im vergangenen Jahr – meist telefonisch. Das ist mehr als ein Kontaktversuch am Tag. Tendenz steigend. „Durch unsere Präsenz in Zeitungen und bei Veranstaltungen trauen sich immer mehr Frauen anzurufen“, sagt Jess. Sie habe aber auch das Gefühl, dass die Gewalt zunimmt. Laut Kriminalstatistik der Ebersberger und Poinger Polizei gab es im vergangenen Jahr 128 Opfer von häuslicher Gewalt im Landkreis – davon waren 107 weiblich. Die Dunkelziffer, also die nicht gemeldeten Fälle, schätzt Renate Jess viel höher.

Ein wichtiger Baustein des Vereins ist die Notfallwohnung. Dort können Betroffene für ein paar Tage bleiben, wenn sie keinen Platz in einem Frauenhaus finden. So wie im Fall von Melanie O. Sie war vor ihrem Ehemann nicht sicher. Gemeinsam mit der Polizei brachte Renate Jess die Mutter und ihre zwei Kleinkinder in das geheime „Krisenappartement“. Hier wohnte die junge Mutter eine Woche, bis sie einen Frauenhausplatz gefunden hatten.

Die Suche danach ist für die Ehrenamtlichen ein großes Problem: Weil Ebersberg kein eigenes Frauenhaus hat, müssen die Mitarbeiterinnen auf die Häuser in Erding, Rosenheim und München ausweichen. In dem vom Landkreis Ebersberg mitfinanzierten Frauenhaus in Erding gibt es fünf Plätze. „Die sind immer belegt“, sagt Renate Jess. Dass nicht mehr Plätze geschaffen werden, ärgert sie fürchterlich. Wenn auch in Rosenheim und München kein Platz frei ist, bleibt als letzte Möglichkeit nur der Weg zur Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof.

In den Frauenhäuser können die Betroffenen nicht ewig bleiben, sie müssen zügig in eine Wohnung umziehen: „Das Problem ist nur, dass es keine bezahlbaren Wohnungen für die Frauen gibt“, sagt Jess. Seit 2002 ist es möglich, dass die Opfer in der gemeinsamen Wohnung bleiben können, und die Täter ausziehen müssen. Die Opfer müssen dann aber vor den Gewalttätern sicher sein.

So weit wollen es Renate Jess und ihre Kolleginnen erst gar nicht kommen lassen. „Die Gewalt an Frauen fängt schon in der Kindheit der Täter an“, sagt Jess. Viele Gewalttäter hätten schon als Buben erlebt, wie Frauen geschlagen werden. Die Gewaltmuster würden an die Kinder weitergegeben werden. Mit Filmvorführungen und Vorträgen an Schulen versuche deshalb der Verein schon früh auf körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt aufmerksam zu machen.

Melanie O. und ihre Kinder konnten nicht in die gemeinsame Wohnung zurückkehren. Die junge Familie ging ins Frauenhaus nach Rosenheim. Wo die Mutter mit den zwei Kindern heute lebt, weiß Renate Jess nicht. Die Nacht im Sommer wird sie aber nie vergessen.

Max Wochinger

So können Sie helfen!

Das Geld, das in diesem Jahr bei unserer Weihnachtsaktion „Kette der helfenden Hände“ gespendet wird, soll zu 100 Prozent Organisationen und Vereinen im Landkreis Ebersberg zugute kommen, für die ehrenamtliche Helfer Tag und Nacht im Einsatz sind. Spenden Sie an das Spendenkonto des Lions Hilfswerks bei der Raiffeisen- Volksbank Ebersberg (Kontonummer: 29 800 29 BLZ: 701694509), IBAN: DE46 7016 9450 0002 9800 29.

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