Aus dem Gerichtssaal

30 Sekunden verändern zwei Leben

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Was ein Geschwisterpaar aus dem nördlichen Landkreis Miesbach im Juni 2016 auf einem Burschenfest in Valley erlebte, hat für die 24-jährige Sportstudentin und ihren drei Jahre älteren Bruder gravierende Folgen. 

Ebersberg – Alles beginnt vor dem Bierzelt, auf einem Parkplatz. Die Geschwister geraten in einen Konflikt mit drei Burschen (heute 20, 21 und 23) – zwei aus dem südlichen Landkreis Ebersberg, einer aus dem Landkreis Rosenheim. Zwei von ihnen hatten sich auf die Stoßstange des Autos der Geschwister gestellt und dieses dadurch beschädigt. Es folgte ein Gerangel aller. Alles habe rund 30 Sekunden gedauert, sagten die Beteiligten. Dabei soll der Bruder mit Faustschlägen und Watschn, die Schwester durch Ziehen an der Schulter verletzt worden sein. Die Schläge gegen den Kopf des 27-Jährigen hätten Monate danach zu einer Gehirnblutung geführt. Er musste operiert, das Blut durch eine Öffnung der Schädeldecke abgesaugt werden. Auch die Schwester wurde Monate nach dem Vorfall operiert, weil die Verletzungen derart massiv gewesen seien.

Gutachter soll aufklären

Der Fall wurde, nach einem ersten Prozesstag Anfang März (wir berichteten), in dieser Woche im Amtsgericht Ebersberg weiter verhandelt. Die große Frage, um die es ging: Waren die Hirnblutung und die Verletzung der Schulter die Folgen des Vorfalls beim Burschenfest? Das Gericht war sich dessen nach dem ersten Verhandlungstag nicht sicher, die Strafverteidiger der drei Angeklagten spekulierten, dass das Geschwisterpaar sich ebenso wo anders hätte verletzen können. Ein rechtsmedizinisches Gutachten sollte das klären.

Helmut Pankratz, Rechtsmediziner an der Ludwig-Maximilians-Universität, sagte vor Gericht, es sei plausibel, dass beide Verletzungen von dem Vorfall beim Burschenfest kommen können. Zwar reichten ein paar Watschn eher nicht für eine Gehirnblutung aus, Schläge mit der Faust hingegen „sind prinzipiell geeignet, um eine Hirnblutung auszulösen“, so Pankratz. Das überzeugte Richter Kaltbeitzer. Er gehe davon aus, so der Vorsitzende, dass Schläge an den Kopf des 27-Jährigen beim Burschenfest die Gehirnblutung verursacht haben, sagte er in seiner Urteilsbegründung. Anzeichen für andere Unfälle des Opfers vor oder nach dem Fest, die eine solche Blutung auslösen hätten können, zum Beispiel Stürze, gebe es keine. Es sei zu einer langsamen Einblutung bei dem 27-Jährigen gekommen, die sich erst nach Monaten bemerkbar gemacht habe.

Vier Tage Arrest 

Für die Schläge machte Kaltbeitzer einen der drei Beschuldigten verantwortlich. Der 21-Jährige beteuerte während des gesamten Prozesses: „Ich habe nicht zugeschlagen.“ Kaltbeitzer glaubte ihm nicht, betonte aber, dass er in dem Angeklagten „keinen typischen Schläger“ sehe. Die „gravierenden Folgen“, also die Gehirnblutung, habe der Angeklagte sicher nicht gewollt, so der Richter. Aber: „Schläge gegen den Kopf sind gefährlich, das zeigt dieser Fall.“ Das Opfer sei womöglich ein Leben lang davon geprägt, seine berufliche Zukunft sei eingeschränkt. Dieter Kaltbeitzer verurteilte den 21-Jährigen wegen gefährlicher Körperverletzung zu vier Tagen Kurzarrest und blieb damit weit unter dem, was der Anwalt der Geschwister, als Nebenkläger, forderte: zehn Monate Bewährungsstrafe.

Kaltbeitzer nahm weiter an, dass einer der Angeklagten, ein 23-Jähriger, die Schwester durch ein ruckartiges Anziehen des Armes im Laufe des Gerangels an der Schulter verletzt habe. Die Schilderungen der 24-Jährigen, wie es zu der Verletzung gekommen sei, seien nachvollziehbar und detailliert, außerdem sei sie als einzige nüchtern gewesen. Die Folgen für die Sportstudentin seien massiv, das Studium habe sie um ein Jahr verlängern müssen, körperliche Einschränkungen seien zukünftig nicht auszuschließen. Der 23-Jährige wurde wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu 70 Tagessätzen á 20 Euro verurteilt.

Das Verfahren gegen den dritten Beschuldigten (20), er hatte eingestanden, dem 27-Jährigen drei Watschn gegeben zu haben, wurde eingestellt, er muss eine Geldauflage von 300 Euro bezahlen.

Rubriklistenbild: © sro

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