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Wechsel im Corona-Krisenstab: Die Kümmerin tritt ab

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Von: Josef Ametsbichler, Robert Langer

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Über den Schreibtisch von Brigitte Keller wanderte neben dem (Finanz-)Management des Landkreises bis Anfang Februar auch noch das Corona-Krisenmanagement des Landkreises. Den Vorsitz im Krisenstab gibt sie nun ab.
Über den Schreibtisch von Brigitte Keller wanderte neben dem (Finanz-)Management des Landkreises bis Anfang Februar auch noch das Corona-Krisenmanagement des Landkreises. Den Vorsitz im Krisenstab gibt sie nun ab. © Stefan Roßmann

Zwei Jahre hat Brigitte Keller den Landkreis Ebersberg durch die Corona-Pandemie gesteuert. Als Chefin des Krisenstabs im Landratsamt hetzte sie von Termin zu Termin und von Entscheidung zu Entscheidung. Nun gibt sie das Amt ab. Ohne Kürzertreten.

Landkreis – Die mächtigste Frau im Landkreis Ebersberg stand nie auf einem Stimmzettel zur Wahl: Brigitte Keller, Finanzmanagerin des Landkreises und innerhalb der Behörde Stellvertreterin von Landrat Robert Niedergesäß (CSU). Sie hat sich in über 40 Jahren Fleißarbeit von der „Tippse“, wie sie selbst sagt, an die Spitze der Abteilung 1, „Zentrales“, hochgearbeitet. Ihr unterstehen etwa die Kasse, die Gebäude, die Straßen, die Schulen und das Personalwesen des Landkreises. Im Frühjahr 2020 kam, ganz nebenbei, noch eine ausgewachsene Pandemie dazu.

Zwei Jahre lang leitete Keller den Corona-Krisenstab im Landratsamt. Sie zerbrach sich in über 200 Sitzungen gemeinsam mit Polizei, Klinik, Gesundheitsamt, Ärzten, Bundeswehr, Rettungsdiensten, Impfzentrum und allen anderen, die etwas beisteuern konnten, den Kopf über den besten Umgang mit der Viruskrise. Jetzt hat sie diese Aufgabe abgegeben (siehe unten). „Andere können es auch“, sagt die 58-Jährige.

Finanzmanagerin des Landkreises: In der Corona-Krise blieben andere Dinge auf der Strecke

Es schmerze, aber es sei ihre Entscheidung gewesen. Um sich mehr ihren eigentlichen Aufgaben widmen zu können. Die bestehen aus dem Management des Landkreises, etwa in der Auseinandersetzung um den aktuellen Kreis-Finanzhaushalt, der jüngst zu kippen drohte. Auch ohne Krise mehr als ein Vollzeitjob. Es seien Dinge auf der Strecke geblieben.

Dennoch sei sie sich wegen ihres Rückzugs aus dem Krisenstab zwischendurch ein bisschen wie eine Verräterin vorgekommen, wie eine, die ihre Leute im Stich lässt. „Wie soll ich das erklären, ohne dass Sie sagen, dass ich spinne?“, fragt sie und muss lachen. Um ihr das abzunehmen: Keller gilt im Landratsamt als Kümmerin bis an die Grenze zur Besessenheit. „Ein Meister im Delegieren bin ich nicht“, räumt sie ein.

Mit dem Klischee vom behäbigen Bürokraten hat ihr Arbeitsalltag nichts gemein. Im Büro reißt sie locker mehr als ein Vollzeit-Pensum herunter, verpasst zudem qua Amt quasi keine Kreistags- oder Ausschusssitzung. Abends und nachts, erzählt sie, arbeitet sie ihren E-Mail-Posteingang ab. Dieses Pensum werde sich nicht reduzieren. „Das hängt mit meiner Persönlichkeit zusammen“, erklärt sie. „Das war unter allen meinen Landräten schon so.“ Ihr jetziger Chef ist ihr vierter und nicht immer sind sich Beobachter sicher, wer wen regiert.

Corona-Krise im Landkreis Ebersberg: Von Hilfskrankenhaus bis Massenimpfung

Eins steht nach zwei Jahren Pandemie fest: Keller kann Krise. Unter ihrer Ägide entstand zu Beginn der Corona-Zeit das Hilfskrankenhaus in der Ebersberger Dreifachturnhalle, das glücklicherweise ungebraucht wieder abgebaut wurde, es aber bis in die New York Times schaffte. In der Tiefgarage des Sparkassengebäudes und auf dem Volksfestplatz impften unter ihrer Koordination Impfzentrum und Hausärzte im Akkord – fast 3000 Dosen an einem Tag. „So funktioniert auch Krieg“, habe sie sich beim Anblick der Menschenmassen in dem Betonkeller gedacht, erzählt sie heute.

Die 58-Jährige ist die Person, die am Freitagabend im Landratsamt das Licht ausknipst, den Samstag über in ihrer Heimatgemeinde Egmating auf einer Impfaktion mitmischt und Sonntagfrüh am heimischen Telefon pressante Journalistenfragen so herzlich und humorvoll beantwortet, als wäre es Montagmittag und sie gerade erholt aus dem Urlaub zurück. Den verbringt sie übrigens gern beim Hochseeangeln.

Leiterin des Krisenstabs: Ihr Engagement hat wohl Leben gerettet

„Meine Familie kennt das nicht anders“, sagt Keller über ihr Arbeitspensum. Vieles hat im Landkreis Ebersberg nicht zuletzt ihretwegen in der Coronakrise wohl besser funktioniert als anderswo – das Virus drang etwa, obwohl schließlich doch, erst spät in die besonders verletzlichen Altenheime vor. Kellers Engagement, das kann man wohl so sagen, hat Leben gerettet.

Sie spricht lieber von der „unglaublich engen Zusammenarbeit“ mit den Beteiligten im Krisenstab. „Es sind Netzwerke, ja, Freundschaften entstanden“, sagt sie. Das sei, bei allem Schlimmen, ein positiver Lerneffekt aus der Pandemie. Überfordert gefühlt habe sie sich dank dieses Zusammenhalts in der Krise nie. Und jetzt sei zum Glück das Virus dabei, seinen Schrecken zu verlieren. (ja)

Der neue Chef im Corona-Krisenstab am Landratsamt Ebersberg

Der neue Leiter des Krisenstabs, Andreas Westphal (35), ist gebürtiger Ebersberger. Zum Jurastudium ging er nach München. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt, wechselte dann für rund sechs Jahre ins Bayerische Innenministerium. Dort war er unter anderem im Bereich Verfassungsschutz tätig. Beruflich kehrte Westphal nach Ebersberg zurück und ist seit Juni vergangen Jahres im Landratsamt, derzeit einer von zwei Abteilungsleitern Öffentliche Sicherheit, Gemeinden.

Andreas Westphal
Andreas Westphal ist neuer Leiter des Corona-Krisenstabs. © Landratsamt Ebersberg

In dieser Funktion war er bereits Mitglied des Corona-Krisenstabs. Dessen Leitung sei eine „enorme Herausforderung“, sagte er jetzt gegenüber der EZ. Brigitte Keller hinterlasse ein gut bestelltes Haus. Es gebe ein voll motiviertes Team, auf das man sich verlassen könne. „Die Pandemie ist noch nicht vorbei“, sagt Westphal. „Das ist eine absolut wichtige Aufgabe. Wir werden den bisherigen Kurs beibehalten.“ (lan)

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